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Knabe. Wenn es dem Vater wieder in Deutschland gefällt, bleiben wir; wo nicht, kehren wir nach Columbia am Missouri zurück, wo wir gewohnt haben.

Nach Columbia! Am Missouri! ..... sagte Dankmar herzlich; so will ich wünschen, dass euch Alles hier erfreuen und befriedigen möge, damit wir nicht nur gute Menschen an Amerika verlieren, sondern deren auch welche von da wieder herübergewinnen.

Der Knabe schlug zerstreut mit seinem Stöckchen auf einige hochstehende Grashalme .....

Dankmar fühlte, dass ein längeres Gespräch mit dem schüchternen und bescheiden die Augen niederschlagenden kind es ängstigen würde und brach, wenn auch ungern, seine Unterredung ab. Er konnte nicht umhin, dem Knaben flüchtig die errötenden Wangen zu streicheln, worauf dieser vollends feuerrot wurde und sich geängstigt abwandte.

Dankmar nickte noch einmal und wandte sich links zur Schmiede. Ein Wagen fuhr eben davon. Zwei Pferde, hinten angebunden, hüpften ihm, mit neuen Hufeisen beschlagen, lustig nach. Lasally's Jokei war gleichfalls verschwunden. Nur noch ein Reitknecht hielt den Huf eines Gaules, dem der junge Zeck, in Hemdärmeln, ganz schwarz berusst, die Hornhaut vom Hufe abstach. Dankmar sah eine Weile zu. Der junge Zeck grüsste flüchtig und eilte sich in der Arbeit, was er nur konnte. Der junge Ackermann hielt sich inzwischen in der Ferne auf dem Rasen und schien sich mit Bello ausgesöhnt zu haben. Kaum hatte sich Dankmar wieder nach ihm umgesehen, war auch die letzte Arbeit in der Schmiede verrichtet. Der Knecht bezahlte und eilte mit seinem Pferde davon. Der junge Zeck verschwand in dem inneren kohlengeschwärzten haus.

Dankmar beschloss, sich dem blinden Alten vor seiner Abreise doch noch einmal zu empfehlen. So folgte er in die dunkle leere Werkstatt und sah eine kleine schmale Treppe, die oben in die wohnung des Schmieds führte. Er trat behutsam auf. Die Nachwirkung des Eindrucks, den der Knabe in seiner Sanftmut auf ihn gemacht hatte, liess ihn leiser auftreten, als er sonst würde gegangen sein. Man hörte ihn nicht. Wie erstaunte er daher, als er unerwartet oben, eine Türklinke niederdrückend und in ein niedriges Gemach eintretend, den blinden Zeck eben im Begriffe fand, einen ganzen Tisch voll flimmernder, hellblitzender Goldstücke einzustreichen! Der taube Sohn stand gierig gaffend daneben und der Amerikaner wollte eben gehen ....

Wer da? rief der Blinde mit Heftigkeit, als er sich so plötzlich überrascht fand. Sein sonst so feines Gehör musste ihn bei dem Fühlen und Tasten nach den schweren Goldstücken verlassen haben, sonst würde ihm wohl schwerlich das wenn noch so stille Hinaufsteigen Dankmar's entgangen sein ....

Beruhigt Euch! sagte Dankmar. Ich wünsch' Euch alles Glück, wenn Ihr in der Lotterie gewonnen oder eine Erbschaft gemacht habt. Ich wollt' Euch nur sagen, dass ich aufbreche und wenn Ihr an den Fuhrmann Peters etwas zu bestellen habt

Nichts! Nichts! Was Peters! Herr! polterte der Blinde grob und unhöflich. Seit dem plötzlichen Reichtum schien er auch schon alle Fehler der Reichen bekommen zu haben. Sein Zorn erinnerte Dankmarn an die Bosheit, mit der er heimlich gestern den vorlauten Bello hatte niedertreten wollen. Der Alte hatte sein schon halb lose hängendes Schurzfell rasch abgebunden und es wie zum Schutz auf den Tisch so geschwind gebreitet, dass einige Goldstücke auf die Erde rollten. Der Blinde tastete, der Taube kroch nach den rollenden Friedrichsd'oren mit der Gier einer Katze. Es war ein hässlicher, ängstlicher Anblick ....

Dankmar hatte schon die Tür in der Hand und entfernte sich, den feinlächelnden Amerikaner flüchtig grüssend, mit den Worten:

Ich sehe, dass ich störe. Geniesst Euer Glück in Frieden! Lebt wohl!

Damit kletterte er getrost die Hühnersteige wieder hinunter zu Bello und dem Knaben, der inzwischen draussen im Vorbau der Schmiede auf einen dreibeinigen Schemel sich niedergesetzt hatte und dem Hund, der sich ihm jetzt nach Entfernung der garstigen Magd, die hinten an einem Ziehbrunnen wusch, traulicher anschmiegte, nach seinem traurigen Schaden sah ....

Wetter! sagte Dankmar aufgeregt zu dem Knaben, wenn ich gewusst hätte, dass dein Vater oben Geldgeschäfte mit dem impertinenten alten Schmied hat, würde ich mich wohl gehütet haben, ihn zu stören ....

Es ist eine Erbschaft, sagte der Knabe, die ihm der Vater aus Amerika mitbringt.

Eine Erbschaft! Und das so aus freier Hand, ohne gerichtliche Vermittlung? Erbschaften sollen nur durch die Behörden gehen. Verstehst du etwas vom Recht?

Der Knabe schüttelte den Kopf.

Dankmar bemerkte mit Wohlgefallen die langen seidnen Wimpern des braunen Auges, die der kleine Amerikaner niederschlug, ohne eine gewisse Pfiffigkeit und Schlauheit verbergen zu können, die hinter seiner Scheu verborgen lag.

Ihr wisst von unserm Amtswesen und unsrer Federfuchserei nicht viel? sagte Dankmar, um sich von dem unangenehmen Eindruck, den ihm der oben erlebte Augenblick hinterlassen, zu zerstreuen.

Doch, Herr, antwortete der Knabe und stemmte den einen Fuss wie spielend rückwärts an ein zerbrochenes Rad; doch! doch! Der Vater hat sich freilich gestern nach dem Schmied und seiner Schwester erkundigt und sich nachschlagen lassen, was man auf dem Amt von ihnen weiss und da er fand, dass es die Richtigen sind, denen er das Geld zu bringen hat, so hat er's ihnen nun wohl oben gegeben. Es war uns schwer genug. Um den Leuten Freude zu machen,