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, in den Salons und Coterien, wo er ästetisirt und sich verdüftelt, wird er mirjetzt besinn' ich mich auf sein Aussehen im Pelikanohnehin ganz blass ... und verschmachtet mir wohl gar ... an einer geheimen Liebe?

Wie Dankmar so im versengten Grase und unter den würzigen Kräutern und bescheidenen Blumen, den Kopf auf den Arm gestemmt, in die Gegend blickte, die ihm, dem Unruhigen und Rastlosen, so viel Friede in die Seele goss, verweilte sein Auge, das anfangs nur summenden Käfern und Schmetterlingen, dann und wann einem Landmanne, einem Bauermädchen, einem Wagen nachhängender folgte, auf einem ältern mann und einem Knaben, die beide hinter dem Turme dahergeschritten kamen und sich wie er in der Gegend umschauten. Es war dies jener Fremde, der Ackermann heissen sollte und sich mit einem bescheidenen Fuhrwerke gleichfalls in der Krone Nachmittags eingefunden hatte. Der zierliche, ausserordentlich behende, schöne Knabe, der ihn begleitete, war sein Sohn. Er nannte ihn, wie Dankmar von den Leuten in der Krone schon gehört hatte, mit einem Namen, den Jene offenbar verwälschten. Er wusste von diesem Namen nur erst so viel, dass er dem seinigen zu ähneln schien .... Der Fremde bemerkte Dankmarn nicht, wohl aber sein kleiner Begleiter, der sein grüssendes Nicken mit Anmut und so bescheiden erwiderte, dass er vor Verlegenheit rot wurde. Welch' ein anmutiges Kind! sagte Dankmar unwillkürlich, als Beide vor ihm auf der Landstrasse der Ebene zuschritten. So behend, so zärtlich, so verschämt! Das Bild eines Ganymed!

Vater und Sohn waren fast gleich gekleidet. Leichte Strohhüte mit weiten Rändern schützten vor dem Sonnenstrahl. Der Vater trug einen Überrock von demselben halbwollenen Zeuge, von dem der Sohn ein Jäckchen trug. Die Beinkleider waren weit und von einem gestreiften Zeuge. Der Vater hatte die Brust halb offen und hielt nur den Hemdkragen mit einem bunten Foulard zusammen, dessen lange Zipfel über die weit ausgeschnittene Weste fielen. Der Sohn dagegen trug ein zierlich gefälteltes Chemisett, das oben in eine Art Halskrause endete und seinem Antlitz mit den schönen dunkeln Locken, die über die Schultern herabrollten, etwas Neckisches, ja Zierliches, Stutzerhaftes gab. In der rechten Hand trug der Knabe ein Stöckchen mit einem goldenen kleinen Knopf und fuchtelte damit in der Luft hin und her, während sein linker Arm in dem des Vaters hing, neben dem er graziös und sich ihm fast zärtlich anschmiegend einherschritt, fast wie ein Mädchen.

Dankmar konnte beide Lustwanderer genau betrachten; denn oft standen sie still, wandten den blick wieder rückwärts und sahen sich die Gegend, die sie ebenso wie ihn zu erfreuen schien, gründlichst an. Endlich hielten sie an einem der Wege, die zum schloss hinaufführten, inne. Sie schienen unschlüssig, ob sie ihn einschlagen und auch Hohenberg besichtigen sollten. Der Kleine verriet durch seine zuredenden Gebehrden, dass ihn die Neugier recht stachelte, zum Schloss hinaufzusteigen. Zu den Gästen, die dort oben ihr Wesen treiben, dachte Dankmar, gehören sie nicht. Oder ist der Vater vielleicht geneigt, diese Besitzung zu kaufen? Er musste sich sogleich sagen, dass der Fremde trotz unverkennbarer Bildung etwas von einem Landmann hatte. Seine Gesichtszüge waren sehr fein und edel, ja sie hatten sogar etwas, was ihn durch irgend eine ihm unbewusste Ähnlichkeit so mächtig ergriff, dass er hätte beteuern mögen, einen solchen Mann einmal als einen höhern Staatsdiener oder einen berühmten Gelehrten irgendwo schon gesehen zu haben, dann aber fand er wieder, dass der Fremde sich doch nur als ganz schlichter Naturfreund gab, der zuweilen Ähren raufte und sie prüfend betrachtete, einen Stein vom Wege aufgriff, in der Sonne funkeln liess und wieder gleichgültig wegwarf, das Stackett, mit dem der zum schloss gehörige Baumgarten hier schon umzäunt war, mit dem fuss rüttelnd prüfte und an schadhaften Stellen, um zu zeigen, wie vernachlässigt es war, sogar eine morsche Planke etwas losriss, kurz er war bei allem Anstand der Haltung doch eine derbe, der natur des Landlebens kundige Persönlichkeit, die sicher einem Ökonomen oder ähnlichen Geschäftsmanne entsprach. Endlich folgte der Fremde der Überredung des Knaben und tat ihm mit sichtlichem Widerstreben den Gefallen, mit ihm zum Schloss hinaufzusteigen.

Dankmar stand nun auf und wäre gern gefolgt. Der Fremde und sein Knabe fesselten ihn. Er beschloss, sich ihnen zuzugesellen, um auch seinerseits das Schloss in Augenschein zu nehmen. Da Schlurck dort oben gewohnt hatte, konnte er vielleicht erfahren, wie der Justizrat zu seinem Schrein gekommen war. Auch die schöne Melanie, von der er die Erinnerung hatte, sie schon in der Stadt gesehen zu haben, Melanie Schlurck, von der er so viel Phantasieanregendes vernommen, die er selbst im wald an sich hatte vorbeisprengen hörengenauer nach ihr zu sehen, war er durch Hackert's Flucht und den Zustand seines Pferdes verhindertauch diese konnte er vielleicht hoffen, irgendwo an einem Fenster zu erblicken. Sein Bruder, mehr wusste er nicht, hatte sie im Atelier des Professor Berg, wo sie malte, zuweilen beobachtet. Dass Siegbert, der neuerdings sogar in ihrem haus war, durch ein Bild wegen ihrer verspottet sein sollte, wusste er nicht. Alle diese Dinge waren während seiner Abwesenheit in Angerode vorgefallen. Er selbst, zu voll von dem, was er dem Bruder zu erzählen hatte, war noch nicht dazu gekommen, ihn nach seinem eigenen inzwischen Erlebten zu befragen. Von den andern Namen