ihrer eigenen Familie, besonders an einem heissgeliebten verschollenen Bruder viel Leids erfuhr, ebnete sich auch in ihrer Brust der etwas schroffe Sinn und manches wärmere Wort entquoll den welkeren Lippen, die damals, als sie rosig waren, selten gebebt, selten gezittert hatten und selbst dann nicht gezittert, wenn den Vater der Schmerz darüber verzehrte. Das sind so Stimmungen in den Herzen der Kinder, wo sie die Erde aufwühlen und die teuern toten aus der Gruft wecken möchten, um ihnen zu sagen: Was hast du gelitten und wir verstanden es nicht? Was hast du von uns fodern dürfen und wir ersetzten dir nichts? Warum lebtet ihr nicht so lange, dass ihr euch ganz verstandet? Warum sieht nun jetzt Einer nicht die Trauer des Andern? .... Bei solchen Erinnerungen kommt natürlich auch in ein sonst so weltliches Gemüt, wie das unsers Dankmar, ein ernster Anflug jener Stimmung, die uns ja auch die unerschütterliche, auf die ewige Gerechtigkeit begründete notwendigkeit des Wiedersehens dieser unserer Lieben wie eine Gewissheit in die Hand gibt, die dem Granit der Berge gleicht.
Von den Gästen, die zum schloss gingen, sah Dankmar auch den Justizdirector mit seiner kleinen anspruchsvollen, runden Frau, von der Hackert gesagt hatte, sie kenne Schlurcks schwache Seiten. Dankmar vermied auch dies Paar, indem er um die Mauer ging, die das Amtaus und den dazu gehörigen Garten umschloss. Wie prangten da die Obstbäume in ihrer schweren Last! Wie guckten die schwanken Spitzen der drinnen rankenden Rebengewinde über den weissen Kalk herüber! Wohl, dachte er, muss es diesen kleinen Paschas, die bisher auf den adeligen Herrschaften Justiz übten, übel bekommen, wenn sie aus solchen anmutigen Wohnungen, wo sie die Herren waren, in die Landstädte versetzt werden, wo sie, nach der gewöhnlichen Beamtenelle gemessen, auf der allgemeinen Bleiche des Staates nur ein bescheidenes Stückchen Tuch, vielleicht nicht länger als ihr Ordensbändchen, vorstellen. Näher besichtigte er sich jetzt den gefährlichen Turm. Dankmar wünschte Siegberten den Anblick dieses malerisch gelegenen alten Mauerwerks mit seiner herrlichen Fernsicht auf die Ebene und das Gebirge. Mit Lächeln betrachtete er sich diesen Überrest alter feudaler zeiten genauer. Der Turm lag etwas erhöht und war gewissermassen das Wahrzeichen des Ortes. Neben ihm wohnte ohne Zweifel der Büttel, Gerichtsbote und sonstige Amtsgehülfe, der dies wahrscheinlich alles in einer und derselben person vorstellte. Der Eingang in den Turm zeigte sich schauerlich genug. Die Tür war mit Eisen beschlagen und das Schloss von einem gewaltigen Umfange. Die untern Fenster deckten hölzerne, quer über die Gevierte genagelte Latten. Ganz oben aber waren die wahrscheinlich dort befindlichen Gefängnisse mit vergitterten kleinen Fenstern versehen, denen fast sämmtliche Glasscheiben fehlten. Vögel hatten daselbst ihre traulichsten Nester angebracht und unterhielten sicher die Gefangenen, wie Condorcet sich mit den Spinnen unterhielt. Dankmar musste lachen, wenn er gedachte, dass hier eine gute Leiter und eine Feile, geschickt von einem guten Freunde bei Nacht dirigirt, jeden Gefangenen befreien konnte; denn der Turm lag ganz frei, ganz ausser dem Orte, in dem offensten Zusammenhange mit der Landstrasse, dem freien feld und dem Gebirge. Er legte sich, behaglich angemutet, eine Cigarre rauchend, am Fuss des criminalischen Gemäuers nieder, recht in die Mitte unter frischen, duftenden Feldblumen, unter gelbweissen Kamillen, dunkelroten Klapperrosen, blauen Glockenblumen, Winden und zwischen hochstämmige hier und da aufgeschossene wilde Wurzel- und Staudenpflanzen.
Da fühl' ich's, dachte er im Sinne des Bruders, da fühl' ich's, was doch zum Ergreifen des Pinsels treiben kann! Wer möchte dies weite Feld, diese Wiesen, diese schlängelnden Bäche mit den Turmspitzen und blitzenden Fenstern der Meierhöfe nicht dauernd festalten! Wär' ich ein reicher Mann, trotz meines Bruders historischem Pinsel, nur Landschaften gewänn' ich mir! Die andern Maler geben mir alle zu viel aus sich und nur aus sich, der Landschafter gibt nur das, was ich brauche, um mich selber zu erfreuen und mich mit ihm in gleiche aber freie Stimmung zu setzen. Auch ein Genrebild will, dass man gerade diesen Moment und nur diesen, den der Künstler darstellt, geniesst. Bei jeder Verschiebung der Gruppe hört das Bild schon auf, die Veranlassung gemalt zu werden, zu verdienen. Aber die Landschaft, die bleibt sich immer gleich! Der Beschauende wechselt. Er wechselt nicht in seinen Stimmungen, denn die sei eine und dieselbe durch jedes Landschaftsbild, aber in seinen Gedanken, in seinen Betrachtungen, Anknüpfungen, Auslegungen. Könnt' ich dort den Waldesrand auf dem Berge so nun für ewig mit mir führen! Es wäre ein Gefühl damit verbunden, das mir immer und immer gleich bleiben würde. Das Pünktchen da oben am Bergrücken ist fast eine Kappe von dunklerm Grün, die der hellgrün gekleidete Berg sich aufgesetzt hat! Wie mag es unter diesen Tannen da rauschen, singen, flüstern! Hätt' ich das nun immer so bei mir, könnt' ich's in einem Bilde so mit mir führen, wie gewiss wär' ich, dass mir nicht nur diese Vergleichungen, sondern diese ganze selige Stimmung, hier unter dem plessener Gerichtsturme und am fuss des Schlosses Hohenberg, nie verloren ginge! Es könnte nun kommen im Leben, was da wolle, ich sähe mein Bild, und immer genöss' ich das wieder, was ich jetzt geniesse ... Ich muss mir den Siegbert einmal hier hinaus plaudern. In dem Atelier, bei dem Teelöffelgeklapper seiner vornehmen Protectricen