1850_Gutzkow_030_93.txt

Die neue Zeit hatte wohl an den vielen kleinen noch übriggebliebenen Laudemialgefällen rütteln können, aber nicht an den einmal bestimmten Abfindungssummen. Da gab es nun Mismut, Unfriede, Zorn, Gewalttat genug. Doch wirkliche Widersetzlichkeiten zeigten sich nur in Randhartingen, dem grössten und selbständigsten Orte im Hohenberg'schen, im Ullagrunde, wo neben einem reichen Bauer, Namens Sandrart, viele arme wohnten, in Schönau, wo dem Fürsten von Hohenberg manche Gerechtsame gehörten und der Haidekrüger Justus, noch entschiedener aber Drossel, der Wirt zum Gelben Hirsche, die Leidenschaften in Gährung hielt. Hier in Plessen merkte der Herrschaftsdirektor von Zeisel nicht so auffallend, wie bedenklich seine Stellung wurde. Plessen hing vom schloss und dem Leben auf ihm seit Jahren ab. Und schon seit Jahren fehlte die von oben strömende Befruchtung. Die Menschen liessen recht den Kopf hängen und welkten in ihren Hoffnungen so hin oder verwilderten wie ihre Gärten und die kleinen Hecken, die sie trennten. Plessen war sonst so lieblich! Die Ulla floss vom Ullagrund in zwei Armen hernieder, von denen der eine raschere und bewegte die Mühle bewässerte, die, wie wir wissen, die kranke Müllerin nicht verlassen wollte; der andere schlängelte sich hier und da durch den Ort und machte eine Menge kleiner Stege und Brükken notwendig, die ein Haus mit dem andern gar traulich verbanden. In der Mitte des baum- und buschdurchzogenen Ortes lag ein kleiner Teich, auf dem Enten sich tummelten. Zur Seite, von düstern und verschnittenen Linden beschattet, lag des Pfarrers wohnung, vor der die Stromer'schen Kinder spielten und baarbeinig, gleich allen andern Kindern des Ortes, mit den Enten um die Wette in der Ulla und dem Teiche wateten. Höher hinauf lagen dann herrschaftliche Gebäude, vor allen "das Amt", nach alter Bauart, von einem hof mit Portal und Einfahrt umschlossen. Dankmar konnte von der Krone bis in die Zimmer der Frau von Zeisel hinüberblicken und bemerkte wohl die kleine, sehr geputzte Dame, die unruhig und unbestimmt wie ein lebendiges Fragezeichen an den hohen Fenstern sass und bald an feiner Wäsche arbeitete, bald in einem buch las, bald zum Fenster hinausschaute, bald in einem der Amtswohnung zur Seite liegenden Garten mit einem Körbchen unterm Arm sicher und bewusst auf und ab mehr trippelte als in ruhiger Würde und zufriedener Stimmung schritt. Zur Linken ging's dann nach dem schloss hinauf. In der Mitte zwischen dem Schlossberg und dem "Amt" lag auch jener gewaltige Turm, von dem Hackert Veranlassung genommen hatte, seine erbauliche Schilderung der Patrimonialgerichtsbarkeit zu entwerfen. Es war ein festes und gutes "Stück Arbeit" dieser alte Zwinger der Ungebehrdigen und Tröster der etwa Reuevollen. Nur lag er sonderbarer Weise etwas einsam, ganz am Ende des Ortes. Denn hinter ihm lagen getrennt nur durch eine vom sonnigsten Himmel überwölbte fruchtbare Ebene sogleich die blauen Ränder der Berge, die dem nach ihnen pilgernden Wanderer, wie Dankmar gehört hatte, die reichste Mannigfaltigkeit von Tannengeschmückten Gründen, Wildbächen mit kleinen Wasserfällen, schroffen Abhängen und lieblichen Tälern bieten sollten. Auch von Kohlenmeilern, Steinbrüchen und besonders einer Sägemühle wurde gesprochen, die Dankmar besuchen sollte. Die Sägemühle konnte nicht zu weit sein. Dankmar hörte deutlich, wenn die von einem Waldbach getriebenen Räder wahrscheinlich standen und die grossen Sägen wieder frisch geschärft wurden. Es klang das so hell und klingend herüber, dass er anfangs glaubte, in dem wald da oben läge eine Kirche verborgen und die Glocke riefe jedes Christenherz, sie in ihrem grünen Verstecke aufzusuchen.

Dankmar war eine verstandesklare dialektische natur; doch wenn auch das Gemüt bei ihm öfters schlummerte, so lebte es doch unter der Decke der Gedanken. Er besass unter Anderm auch die schöne Eigenschaft gemütlicher Naturen, dass er das Anmutige und Wohltuende nie für sich allein empfinden mochte, sondern zugleich auch mit für Die, die er liebte und die er bei seinem Genusse anwesend wünschte. Er gedachte, als er am Abend seiner Ankunft sogleich noch einen Spaziergang im Orte und seiner nächsten Umgebung machte und die Schönheiten des Eindrucks in vollen Zügen einsog, sogleich seines geliebten, zu früh geschiedenen herrlichen Vaters, der, wie hier in Plessen jetzt der ihm unbekannte Pfarrer, so in Taldüren still und reichern Looses würdig gehaust hatte. In den kleinen Kindern, die da im Entenpfuhl wateten, erkannte er sich und Siegbert wieder. Er betrachtete wehmütig die dunklen, von den Lindenbäumen allzudüster beschatteten Fensterscheiben der Pfarrerwohnung. Der Pfarrer und seine Frau, beide fast festlich geschmückt, verliessen gerade, als er so in Gedanken und Herzensvergleichen stand, die wohnung ... wir wissen, dass sie zum schloss hinaufgingen. Dankmar trat zurück, um nicht gesehen zu werden. Er vergegenwärtigte, Guido Stromern prüfend, sich den doch viel ehrwürdigern Vater und die teuere Mutter, die jetzt daheim einsam in dem Sterbehause zu Angerode ihre Wittwenzeit vertrauerte. Dieses Pfarrerpaar dort ging so stumm, so kalt neben einander! Stumm und kalt? sagte er sich ... und gedachte der Vergangenheit. Ach! Er musste sich gestehen, dass auch seine Ältern nicht immer in jüngeren Jahren auf einen Ton gestimmt waren .... Eine Träne stand ihm im Auge, als er der zeiten sich entsann, die ihm als Kind nicht verständlich waren, jetzt aber klarer vom Jüngling begriffen wurden, der zeiten, wo der Vater auch oft Not hatte, sich mit einer schönen, guterzigen, aber zuweilen anspruchsvollen, aufbrausenden und eigensinnigen Frau zu vermitteln. Später, als die Mutter an