konnte es nicht, da die Aussagen des Blinden mit denen des Fuhrmanns stimmten. Kannte er doch auch hinlänglich diese, man möchte sie geistig halbwüchsige Menschen nennen, aus seiner eigenen juristischen Praxis! Er wusste ja, wie selbst der Unschuldigste vor einem Richter zittert und sich verfärbt, wenn man ihn eines Verbrechens zeiht und mit allen in solchen Fällen üblichen Feierlichkeiten inquirirt. Hatte er nicht Fälle erlebt, wo diese beschränkten Menschen, besonders wenn sie in einer gewissen religiösen Dumpfheit lebten, unter den fragen eines Richters so über sich in Unklarheit gerieten, dass es ihnen allmälig wurde, als hätten sie in der Tat, vielleicht in einem unzurechnungsfähigen, von bösen Geistern ihnen angezauberten Zustande, die Verbrechen begangen, deren sie verdächtig erscheinen sollten! Des Menschen Seele ist ein schüchtern Ding, ein zitternd flimmerndes Beben. Nur darin erschien Dankmarn der alte Zeck wunderlich, dass er bei seiner Mitteilung, Zeck möchte sich beruhigen, Justizrat Schlurck hätte den Schrein gefunden, hätte ihn mit sich nach der Hauptstadt genommen, ..... sich verfärbte und stutzte ..... Statt sich zu freuen, dass seine und seines Sohnes Ehrlichkeit nun in das hellste Licht gesetzt war, griff der Alte sich in sein weisses Haar, riss die starren blinden Augen bis zu den dicken weissen Augenbrauen auf und tastete so krampfhaft erregt um sich her, als wäre ihm die niederschlagendste Mitteilung von der Welt gemacht worden. Darauf länger zu achten und zu forschen, behielt sich Dankmar vor. Er musste die natur dieser Menschen erst kennen lernen. Die sonderbar und falsch angebrachten Bibelsprüche, die der alte Zeck, wie nach seiner sogleich gemachten Entdeckung Viele in und um Plessen, im mund führte, deuteten auf seltsame Anomalieen. Statt diesen nachzuforschen, beschäftigte sich Dankmar einstweilen lieber mit einem alten Bekannten, den er hier zu seiner Freude wiederfand.
Es war dies Niemand anders als Bello, der Hund des Fuhrmanns Peters. Er und der kleine bejahrte unansehnliche Spitz kannten sich schon von Angerode her, schon vom Lyceum, das die Gebrüder Wildungen dort besucht hatten. Wie Dankmar in die Schmiede trat, wo der Blinde noch mit gewaltigem Arm, wie in mechanischer Gewohnheit, auf glühende Hufeisen schlug, während der Taube den Blasebalg am Feuer zog, bis sich Beide ablösten und umgekehrt ihr Geschäft verrichteten, sprang das noch immer lahme Tierchen, das lange zottige Haar vom Dampf der Feueresse ganz geschwärzt, zu Dankmar hinauf, winselte, schmiegte sich, blaffte vor Freude, als wollte es sagen: Da ist Einer, der sich meiner erinnert! Ich weiss, du kommst um mich zu holen, du alter gönner vom Gastof zum Einhorn in Angerode, wo du als Lyceist zu Mittag speistest, du bringst mir Grüsse von meinem Herrn und meiner Frau! ... Und des Tierchens Erregung war so lebenvoll, in dem Grade fast sprechend, dass es Dankmarn, wenn er noch unruhig gewesen wäre über seinen Verlust, so hätte zu Mute werden müssen, als spräche ihm Jemand: Das Tier will dir ja etwas sagen, es weiss ja, wer der Räuber deines Eigentums ist und wird ihn dir ohne Zweifel bei erster Begegnung zeigen, verraten!.. Bald sprang Bello zu ihm, bald gegen den alten Schmied auf, zerrte an Dankmar's Rockschooss, bellte den Blinden an, bis dieser, den Moment wahrnehmend, so gewaltig mit dem Fuss gegen den Störenfried austrat, dass er sich, an seinem wunden Bein getroffen, heulend und winselnd in eine dunkle Ecke der Schmiede verkroch. Ei, wie grob! rief Dankmar. Nennt Ihr das Pflege? Ich denke, Ihr seid ein Arzt für Tiere?
Nehmt den Bello nur mit!.. hatte darauf der alte Schmied gesagt; er ist geheilt, so weit wie's möglich war, bei seinem strampligen, unruhigen Wesen! Die Bestie ist wie alle Fuhrmannshunde nur auf's Kläffen dressirt; für Bandage und Kost verlange ich nichts! Ich mag den Hund nicht!
Seitdem hatte Dankmar den für immer lahmen Bello zu sich genommen, in der Krone ihn säubern und waschen lassen und war von ihm auf seinen kleinen Spaziergängen, trotzdem er kläglich hinken und humpeln musste, schon allwärts treu und munter begleitet worden.
Die schöne, liebliche, sonnenhelle natur war es zuvörderst, die Dankmarn bestimmte, dem magern Gaule des guten dicken Pelikanwirtes einen ganzen Tag Ruhe zu gönnen.
Bring' ich doch Freude mit! sagte er sich. Trost und den Hund für Peters! Dem Bruder die Beruhigung über mein eigenes Unheil und, was auch etwas wert ist, die Erzählung meiner Abenteuer.
Dankmar fühlte, wenn er die Fenster des kleinen Zimmers, das er in der Krone bewohnte, öffnete, so recht jene reine selige Stimmung, die Jeder kennen muss, der einmal von einer grossen Gefahr oder den Ursachen einer grossen Befürchtung befreit wurde und dann zugleich die Musse fand, diese Seligkeit der Erlösung ganz zu geniessen .... Die rebenlaubumkränzten Fenster gingen nach dem schönen dorf Plessen hinaus. Jedes Haus hatte da seinen Garten, den die natur pflegte, wenn auch vielleicht die Menschenhand erlahmt war, seit die Zustände der herrschaft sich so ins Ungewisse verliefen. Auch ordnen die Geringen sich lieber einer kraftvollen Macht unter, als einem schlaffen und ungeregelten Regimente. Diese Bauern und Häusler waren frei, aber nicht in dem Grade, sich ganz auf eigene Hand unabhängig zu fühlen. Ihre Abgaben an den Fürsten Waldemar waren schon seit lange capitalisirt.