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sagte sie, jetzt gilt es schön sein!

Sie klingelte und rief ihrem Mädchen.

Bartusch wollte draussen immer noch zweifeln, klopfte, begehrte Einlass, erinnerte immer noch an das doch nur im Allgemeinen zutreffende Signalement ....

Melanie rief hinaus:

Wir werden bald wissen, woran wir sind. Der Wink der Trompetta soll nicht verloren gehen ....

Leiser und fast für sich setzte sie hinzu:

Wir werden ihn sehen und uns bald überzeugen, ob er einem jungen mann ähnlich sieht, den wir ja wohl sehr genau kennen, dem guten Siegbert Wildungen.

Damit denn ging Bartusch. Melanie bedeckte die Mutter mit zärtlichen Küssen, umarmte sie, tanzte mit ihr und suchte sie möglichst aufzuheitern. Davon, dass der Geist der Wahrheit, des Ernstes und der heiligen Pflichterfüllung bestimmt schien, hier den von uns geschilderten frivolen Lebensprincipien eine tiefe Demütigung zu bereiten, konnte sie keine Ahnung haben ...

Nicht ohne einen Anflug von Rührung liess die ernstgestimmte Mutter die Liebkosungen ihres Kindes geschehen und folgte dann der Auffoderung, gemeinschaftlich zu beraten, wie dieser Mittag angeordnet, vor allen Dingen, welche Gäste noch und welche Kleider gewählt werden sollten.

Indem Beide mit der inzwischen eingetretenen Jeannette in das Garderobezimmer traten, schritt Bartusch nachdenklich die Anhöhe herab dem wirtshaus von Plessen zu, genannt: die Krone.

Ende des ersten Buches.

Zweites Buch

Erstes Capitel

Ackermann, der Amerikaner

Dankmar Wildungen befand sich an jenem Morgen wo ohne Zweifel er selbst für den Prinzen Egon gehalten wurde, in der Tat noch am fuss des Schlosses Hohenberg.

Seit der von dem Fremden in der blauen Blouse empfangenen Beruhigung über seinen Verlust, einer Versicherung, an deren Zuverlässigkeit er keinen Augenblick zweifelte, war sein Gemüt leicht geworden, der Freude zugänglich und auch der Freude bedürftig. Nach jeder grossen abgenommenen sorge will ja das erschöpfte Herz sich wieder füllen und stärken und wie in eine grosse Lücke und Leere stürzt das Leben dann nur mit so ungefesselterer Gewalt. Warum sollte er schon wieder nach der Residenz zurückkehren, jetzt, wo keine Last mehr auf seinem Gemüte lag und sich so Manches begeben hatte, dessen nähere entwicklung seine Neugier spannte?

Zuerst war es Hackert's plötzliches Verschwinden, über das er doch eine irgend zutreffende Aufklärung wünschen musste. War ihm auch diese Bekanntschaft eine solche, von der er lieber gewollt hätte, er hätte sie nicht gemacht, so peinigte ihn doch jetzt die völlige Ungewissheit über das, was er von diesem oft aller Teilnahme würdigen und dann wieder so fremdartig abstossenden, ja niedrig und geringfügig denkenden Menschen halten sollte. Stündlich erwartete er seine Wiederkehr. In dem Gastause zur Krone glaubte er bestimmt, von ihm erfragt zu werden. Aber vergebens! Jede Spur des abenteuerlichen jungen Mannes war verschwunden.

In noch höherem Grade als die Entüllung der Hakkert'schen Persönlichkeit, fesselte Dankmarn die Aussicht, hier irgendwo, wenn auch unter dem schützenden Deckmantel der ihm gelobten Unbekanntschaft, dem Prinzen wieder zu begegnen. Er konnte kaum daran zweifeln, dass der von seinem Vater so schmählich verkürzte Erbe der Hohenbergischen Besitzungen wirklich hierher gekommen war, entweder um einen Act der Pietät, ein Opfer des Herzens, zu vollziehen oder sich ungekannt von dem wahren Zustande dieser Besitzungen zu unterrichten. Die letzte Annahme schien ihm nach längerer Erwägung fast die richtigere und der natur des Fremden entsprechendere. Denn so edel und männlich ihm Alles erschien, was der junge ihm an Jahren nur wenig vorangeschrittene Fremde in Worten und Benehmen geäussert hatte, so war doch Dankmar Wildungen schon Kenner der menschlichen Seele genug, um sich zu sagen, dass bei Egon von Hohenberg, wenn er es war, die Kräfte des Verstandes das vielleicht verstecktere oder unentwickeltere Gemüt überwogen. Wie wenig hatte er sich von dem Förster Heunisch auf dem gelben Hirsch über seine Mutter berichten lassen! Weit mehr dagegen, besonders als sie beide vor die Tür des Wirtshauses gegangen waren und Dankmar ihr lautes Gespräch hören konnte, hatte er der gegenwärtigen Verfassung dieser seiner mehr als zweifelhaft gewordenen Besitzungen nachgeforscht. Dankmar griff in solchen Beurteilungen nicht fehl. Wie sich eine seelenvolle, rein gemütliche natur äussert, konnte er durch keinen Vergleich sicherer treffen, als durch den mit seinem teuern, ältern Bruder Siegbert, der einen kindlichen Glauben an die Menschen besass und die Jahre, die er vor Dankmarn voraus hatte, nur gewonnen zu haben schien, um immer wärmer, immer ergebener und nachsichtiger zu fühlen, während Dankmar dagegen schon an sich selbst gestehen musste, dass er mit jedem Jahre, an dem sein Alter zunahm, im Gegenteil kälter zu denken lernte. Die Kälte des Fremden schien ihm nicht Kälte des Herzens, sondern gerade auch diese Kälte der Erfahrung, diese Kälte des Unglücks und des innersten Mismutes.

Aber auch von diesem Fremden sah Dankmar nichts mehr. Zu den Behörden zu gehen, seinen Verlust dort noch einmal anzuregen, schien ihm, nach dem tiefen moralischen Eindruck der Versicherung des angeblichen Egon, nicht mehr notwendig. In der Schmiede, wo er vorsprach, hatte er einen stumpfsinnigen tauben jüngern Gesellen, den Zeck Sohn angetroffen, der keine einzige seiner fragen beantworten konnte. Mit dem ältern, dem Zeck Vater, schien es ihm anfangs, als würde er, wenn er viel forschen müsste, noch schlimmern Stand haben; denn dieser war stockblind. Die Unruhe, die den grossen atletisch gebauten alten Mann ergriff, wie Dankmar sich als Eigentümer des neulich geraubten Frachtgutes zu erkennen gab, fiel ihm allerdings auf. Allein einem Verdachte gab er keinen Raum und