ladet wieder auf und vermisst einen Schrein, um dessen Wiedererlangung der Mann fast wahnsinnig wird. Er beschwört Alles, was lebt, um sein verlorengegangenes Frachtstück, klagt den Schmied an, das Schloss, das ganze Dorf. Der Justizdirector wird geweckt, man nimmt ein Protokoll auf, der Fuhrmann reist unverrichteter Sache in Verzweiflung wieder ab, und nun sagt Prinz Egon, wenn er es ist, das geraubte Gut befände sich in den Händen meines Mannes? Wie ist das möglich?
Der Fremde scheint darüber so beruhigt zu sein, fuhr Bartusch ebenfalls erstaunt fort, dass zuvörderst dem alten Zeck ein Stein vom Herzen gefallen ist ....
Der alte Schmied, sagte die Mutter, hat ein unheimliches Aussehen und erinnerte mich, ich muss es wohl sagen, oft an Hackert. Doch achtet man ihn allgemein. Gehört er nicht zu den Frommen, wie auch seine Schwester im wald?
Die Hexe? ergänzte Melanie. Als wir gestern beim Förster vorbeiritten, graute uns vor dem Grusse der Alten, die unter den Tannen am Wege sass, wie eine der alten schottländischen Nornen ....
Wenn diese Leute den Schrein genommen hätten? meinte die Mutter.
Der blinde alte Zeck? bezweifelte Melanie.
Wie käme aber der Vater dazu? Habt Ihr auf seinen Wagen einen solchen grossen Schrein, der ausserdem noch ganz sonderbar ausgesehen haben soll, aufladen sehen?
Nein! war die Antwort.
Und wenn ihn Schlurck auch gefunden und Ursache hätte, es zu verschweigen, da er vielleicht einen irgendwo vermissten Gegenstand entdeckte, wo hätte er ihn finden sollen? Es war zwei Uhr, als sich das Unglück mit dem Fuhrmann ereignete. Der Schrein ging um zwei Uhr verloren. Schlurck hatte schon lange vor ein Uhr die jüngere forttanzende Gesellschaft verlassen, die Justizdirectorin, die sich mit den Adeligen entfernen zu müssen glaubte, früh nach haus begleitet und musste längst wieder zurück sein, da man den Weg hin und her von der Zeisel'schen wohnung in einer halben Stunde macht ....
Musste zurück sein! sagte Bartusch mit einem Ernste, dem ein boshaftes Lächeln folgte.
Melanie's Mutter fixirte ihn.
Musste? sagte sie errötend ....
Es trat ein peinlicher Augenblick ein. Offen lagen da plötzlich gewisse geheime Schäden dieser frivolen Familie, die bisher vom absichtlichen Nichtwissenwollen verdeckt waren .... Schlurck verehrte Frau von Zeisel .... Frau von Zeisel war ohne ihren Mann vom Balle gegangen .... man konnte Vermutungen Raum geben .... man konnte Schlüsse ziehen .... man konnte ...
Genug! rief Melanie; weg mit Eurer abscheulichen juristischen Untersuchung! Ist es nicht, als sässe man hier auf dem Armensünderstuhl und müsste seine unschuldigsten Erlebnisse zu Protokoll geben! Schämen Sie sich, Bartusch, mit Ihrer grübelnden Weisheit, die doch nichts zu Tage fördern wird, als dass Sie unter Toren der Törichtste sind. Ein Schrein – eine Justizdirectorin – zwei Uhr – was ist das Alles? Gehen Sie hinunter in die Krone, richten Sie an den hellbraunen Lockenkopf, der uns hier Fallen legen, auf falsche Fährten bringen und dem Vater, den er hasst, schlimme, böse Streiche spielen will, den Gruss meiner vortrefflichen Mutter, Johanna Schlurck, geborenen Arnemann, aus, und sagen Sie ihm: Diese noch junge, schlanke, sehr liebenswürdige Johanna Schlurck hätte eine Tochter, die verhältnissmässig jünger, noch schlanker, aber nicht liebenswürdiger wäre als die Mama, und sich erkundigen müsse, ob ihm gestern im wald mit seinem störrischen Tiere keine Unannehmlichkeit widerfahren wäre? Verstehen Sie? Und die Antwort darauf, fahren Sie fort, die Antwort, würden die Bewohner des Schlosses lieber von ihm selber hören, falls er geneigt wäre, bei uns heute einen Löffel Suppe zu essen. Bürgerlich um halb zwei Uhr. Bist du's zufrieden, Mama?
Die Mutter war noch erschüttert davon, dass Bartusch auf die Artigkeit anspielen konnte, die der Justizrat der Frau von Zeisel erwies ....
Einen Korb nehmen wir nicht, fuhr Melanie den Unmut verscheuchend fort. Das ganze Getriebe von Intriguen zwischen den Häusern Hohenberg und Schlurck, alle diese Feindschaften lass' ich nicht aufkommen. Der Vater soll uns keine Vorschriften machen, die wider die natur der Frauen gehen. Hier lebe die Galanterie! Sie machen sich sogleich auf den Weg, Bartusch, bei Strafe meiner Ungnade, und knüpfen die Verbindung auf feine diplomatische Art an! Lächeln Sie mir aber nicht etwa, wie's im Hamlet heisst, als wollten Sie sagen: Wir wissen recht gut, Sie sind Prinz Egon, aber wir drücken die Augen zu! Oder: Wir scheinen dumm und sind klug! Wir wollen Sie nur nicht kennen! Verstehen Sie? Nicht so! Will der Prinz sich verborgen halten, so nehmen Sie ihn ernst und heilig für Das, wofür er sich ausgibt, und wär' es ein gewöhnlicher Kammerjäger, der hier oben auf dem schloss nur die Ratten und Mäuse verjagen will ....
Wer weiss, ob Das nicht seine wahre Absicht ist! sagte die Mutter, die sich jetzt erst sammelte.
Nein, ich stifte Frieden zwischen den Häusern Friedland Piccolomini! sagte Melanie und drängte Bartusch zur Tür hinaus, indem sie ihm noch nachrief:
Halb zwei Uhr steht die Suppe auf dem Tisch!
Bartusch zögerte.
Melanie gab ihm kein Gehör mehr. Sie drückte gewaltsam hinter ihm die Tür zu.
Mutter!