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Gotteswillen, rief Siegbert lachend aus. Sie tun ja so feierlich, gnädige Frau, als wenn es sich um die Einsetzung des Abendmahls handelte.

Frau von Trompetta blickte auf diese Bemerkung plötzlich sehr ernst. Friederike Wilhelmine von Flottwitz schlug gleichfalls die Augen nieder, und es trat eine Pause ein, die Siegbert gern benutzt hätte, um von der Begleitung dieser ihm wenig zusagenden Damen loszukommen. Er besann sich jetzt erst, dass Frau von Trompetta, trotz ihres leichten Tones und ceriseroten Shawls, zu jener gesellschaftlichen Fraction gehörte, die man in frivolen Kreisen Schwanenjungfrauen oder Diakonissen ausser Diensten nannte. Er besann sich, dass bei gelegenheit der Erörterungen über "innere Mission" Niemand öfter genannt wurde als Anna von Harder auf Tempelheide, Frau von Trompetta, Gräfin Mäuseburg und viele andere Damen, die Siegbert teilweise persönlich kannte, und schon hoffte er, da er dieser Richtung nur sehr bedingungsweise zugetan war, mit seinem das heilige Abendmahl "profanirenden" Vergleiche loszukommen.

Es war aber nur eine vorübergehende Wolke, die sich auf die Stirn der beiden Damen gelagert hatte. Sie nahmen gerade jetzt erst den jungen schlankgewachsenen Maler, dem sein lockiges Haar, der blonde Kinnbart, sein weisser Hut, das schwarze Sammtröckchen, die weissen weiten Pantalons, das lose um den Hals geschlungene rote Tuch sehr anziehend standen, in die Mitte, und Frau von Trompetta zögerte nicht, den plötzlich zerrissenen Faden des Gesprächs wieder weltklug anzuknüpfen.

Sie sind ein Spötter, sagte sie. Man weiss, dass Sie leider nicht zu den Gläubigen gehören. Professor Berg's Schüler wachsen alle etwas wild auf. Wissen Sie wohl, dass ihm Das sehr schadet?

Freilich schadet ihm Das, sagte Siegbert, der sich nicht verstellen konnte, mit einiger Bitterkeit. Mein braver alter vortrefflicher Berg! fuhr er begeistert fort, und in der Erinnerung an den genialen, mannichfach zurückgesetzten Lehrer funkelten ihm die Augen. Armer Berg, dass du den feierlichen Empfang des Prinzen Ottokar nicht zu malen bekommen hast! Welch ein Verlust für dich, diese Uniformen, diese Guirlanden, diese weissgekleideten Mädchen, die die neue Jubelhymne singen werden! Alles das sollst du nicht malen! Armer Rubens, der von Don Philipp von Spanien eine Bestellung entzogen bekommt und nichts zum Troste übrig behält, als dass er Rubens ist, ein Genius und ein freier Niederländer!

Bester Freund, sagte Frau von Trompetta, plötzlich den Ton ändernd und mit grosser Bestimmteit, während es Siegbert schien, als wenn sich die Wangen des blonden Fräuleins mit Zornesglut färbten; bester Freund, Rubens würde weit weniger übermütig, weit weniger ehrsüchtig gewesen sein, wenn er in einer Zeit gelebt hätte, wo man malen muss, nicht was man selber will, sondern was gefällt. Ihr seid in Euerm schönen Atelier recht wild, recht zügellos! Grosse bewundernswerte Talente! Aber sehr ungebundene Gesinnung!

Wir suchen das Schöne, gnädige Frau.

Und spotten der Welt!

Und unser selbst.

Bei diesem Zugeständniss kehrte Frau von Trompetta, die etwas auf dem Herzen zu haben schien, wieder in ihren frühern leichten Ton zurück, hielt, da ihr das Gehen doch sauer wurde, einen Augenblick inne und sagte mit eigen-tümlichem Ausdruck:

Ein hübsches kleines Genrebild auf der Ausstellung bewies mir, dass Sie allerdings Ihrer selbst spotten! Ha, ha! Allerliebst! Professor Berg, der einem schönen Mädchen Unterricht im Malen gibtund die Schüler, die diese Collegin, ohne dass sie es weiss, gleich als Modell benutzenMelanie Schlurck natürlichSiegbert Wildungen ..... ha, ha, havortreffliches Bildchen. Nicht wahr, Friederike Wilhelmine?

Siegbert biss sich auf die Lippen. Dieses Bild existirte und galt in der Tat ihm am meisten. Die Gruppe, die Frau von Trompetta andeutete, war vorhanden und gefiel sehr. Es war ein kleines Ölgemälde von einem talentvollen Freunde, Namens Leidenfrost, das ihn und das ganze Atelier persiflirte. Denn während die im Nebenzimmer unter Blumen malende Melanie Schlurck von den Schülern auf ihren Bildern bald als Gärtnerin, bald als Tänzerin oder von Einem sogar als lockende Lurleinixe wiedergegeben wurde, hatte der portraitähnliche Siegbert, liebeglühend und liebeverblendet, sie als Modell zu einer Madonna benutzt und sie in Andacht wie der Himmlischen Eine verklärt und im Heiligenschein gemalt. Das Bild wurde auf der Ausstellung viel bewundert von Allen und vielbelacht von Denen, die die Personen kannten.

übrigens glauben Sie mir, fuhr Frau von Trompetta fort, das Bild des Professor Lüders: "Die Einholung des Prinzen Ottokar nach Unterdrückung der östlichen Unruhen", wird dennoch seine Schönheiten haben; hier fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz hat ihm erst heute dazu gesessen.

Himmel, nun besann sich Siegbert. Schon mehre mal hatte er den stolzen sichern gang des neben ihm gleichgültig wandelnden Mädchens bemerken müssen. Sie warf ihr schönes Profil verächtlich in die Höhe und hörte dem Geplauder ihrer ältern Freundin nur mit halber Teilnahme zu.

Siegbert erinnerte sich. Diese junge, ihn wohl tief verachtende Dame war ja jene patriotische Jungfrau, die sich in den letzten Parteikämpfen den Namen einer Jeanne d'Arc erworben hatte. Tochter des pensionirten Oberstlieutenants von Flottwitz, Schwester von sieben Brüdern, die in der Armee teils als Lieutenants ersten oder zweiten Grades oder noch als Cadetten vom staat ehrenvoll versorgt wurden, hatte sie ein hübsches Talent des Reimens zu patriotischen Huldigungen an das angestammte Fürstenhaus benutzt, auch in öffentlichen Gesinnungskundgebungen war sie bereits so oft aus dem Kreise des Gewöhnlichen heldenmütig herausgetreten, dass man ihr