1850_Gutzkow_030_896.txt

Euch die plötzlich in mir erwachte aristokratische Regung schien, war nur mein Erstarren über die notwendigkeit, die geschichte der Grundsäulen, auf denen die einmal gegebene Gesellschaft ruht, nicht lange erst untersuchen zu dürfen, den blick abwenden zu müssen von dem Werden und nur das Gewordene festzuhalten, das Wie zu opfern, um das Was zu schützen ... Freunde, Ihr sprachet dann von Rechten, ich von Pflichten, wir waren ehrlich gegen einander und ich bin es noch jetzt, dass ich nicht die mir gewordene Offenbarung verschliessend und mein Haupt verhüllend davonziehe, sondern Euch sage: Dieser Zeit muss wohl etwas kommen, wie Euer Bund oder wenigstens der Geist Eures Bundes, sonst bricht diese Gesellschaft in Trümmer!

Rodewald war näher getreten und hörte ruhig der Erörterung zu, die sich im langsamen Gehen über die Rückblicke auf die Vergangenheit ergab. Egon erklärte, dass eine Zeit, wo die Könige auf den Egoismus mehr hörten als auf die stimme einer sich selbstbeherrschenden, auf geschichte begründeten Weisheit, in ihrer gegenwärtigen Ordnung verloren sei. Egon war mehr Republikaner als selbst Louis Armand, der den um ihn geschlungenen Arm des alten Freundes an sein Herz drückte und die Tränen seiner Rührung nicht verbergen konnte. Dankmar aber erfreute Alle, indem er zugestand:

Egon uns also wiedergewonnen! Nie schätzte ich dich mit dem Maasse geringer Naturen! Du hast versucht, ein Staatsmann zu sein, der die Gesellschaft vor dem Schicksale einer regellosen, wilden Auflösung bewahren wollte. Du suchtest das Prinzip der Ergebung in das Bestehende, der Ordnung, der allmäligen Besserung, der Legitimität selbst bis in die Werkstatt auf, wo du patriarchalische alte Gliederung verlangtest. Du hast gesehen, dass dies System der absoluten Ordnung an dem wühlenden Zorn des sich Gott gleichmachenden Königtums und seines schlimmen Gefolges von Egoismus und falscher Lehre selbst scheitert. Die Machtaber wollen keine Begriffe sein, sondern nur Personen. Ich gebe dir die beiden Mondnächte auf dem Tempelstein Preis! Du bist noch zu erfüllt von den Mitteln, mit denen du regieren musstest, die ganze Maschine der üblichen Gesellschaftspraxis tönt dir noch in ihrem ewigen groben Gehämmer zu dröhnend in's Ohr, du siehst deine Gendarmen, deine Richter, deine Soldaten, deine Kanonen noch zu metallen ...

Nein, nein, unterbrach Egon, diese Waffen sind nichts ohne ein strahlendes Banner, das über Aller Häuptern weht! Deine Reisige vom geist brauchen nicht einmal zu kämpfen. Sie haben nichts nötig, als den blick empor zu richten, in ein Buch, das sie studiren, zu sehen, in eine Harfe zu greifen, wo sie ihre Empfindungen austönen, in ihr Herz, das sie reinigen und läutern wollen. Sie haben nichts zu tun als nur dieser Gesellschaft der ewigen Lüge sich abzuwenden, ihr nicht zu dienen, ihr zu fehlen, stumm zu bleiben, wenn sie reden sollen, das Haus zu schliessen, wenn man sie um hülfe ruft. Dann wird sich die furchtbare Isolirung dieser herrschenden Gesellschaft bald zu Tage geben, die schaudererregende Minorität, in der sich plötzlich der Stolz und die Anmassung betreffen müssen. Ich habe so tief in die Abgründe der Zukunft geblickt, dass ich schweige, um Euch nicht zu ermutigen, mehr zu wagen als jetzt schon geschehen ist.

So wechselte man die Meinungen, legte die hände ineinander, fand sich in den überraschenden Augenblick, ergriff ihn mit Liebe, mit Vorsätzen für die Zukunft, auch mit dem Austausch der gegenwärtigen Lebensschicksale. Egon sprach von der ihm zulässig scheinenden Wiederherstellung des Vermögens, von den geschlossenen Liebesbünden, von seiner Reise und machte die Freunde auf einen Wagen aufmerksam, der langsam mit ihnen zugleich bergab gefahren war auf der durch den Wald nicht ganz verdeckten tiefer liegenden Strasse. Jetzt wurde das grosse Coupé sichtbar. Egon stand still und umarmte Jeden der Anwesenden zum Abschied mit Herzlichkeit. Und zu Louis Armand sagte er:

Auch du willst dir eine Hütte bauen mit einem deutschen Mädchen! Nach einigen Jahren hoff' ich dich wieder und dein Weib zu begrüssen. Nenne deinen ersten Knaben: Egon! Nicht um Meinetwillen! Nein! Es ist gut, dass man an sein Ich so oft erinnert wird, dass man schon darum die Welt sich ewig zurufen hört: Vergiss auch mich nicht! Louison, Helene, Ihr Alle nanntet mich das Prototyp des Egoisten und Jedes der Beklagenden hatte Ursache, sich verletzt zu fühlen. Dennoch wollt' ich zu allen zeiten nur wahr gegen mich selber sein. Denkt über die Grenze dieses Wahrheitstriebes nach! Mir zeichnet sie leider nur meine kranke Ruhe und die Ergebung

Man blickte auf den Wagen und vermutete in ihm die Fürstin ... Die Umarmung Rodewald's durch Egon, der zitternd stille Abschied zwischen diesen Beiden blieb im Forschen nach der Fürstin fast unbemerkt. Mit tausend Glückwünschen für das Leben, Abschiedsworten für die nächste Trennung und den Hoffnungen des Wiedersehens schieden endlich die so wunderbar sich Wiederfindenden.

Als der Wagen dahinrollte, grüsste aus ihm ein Frauenantlitz. Es war die Fürstin, die nicht ahnte, was ihr nach Nizza, wohin die Reise zunächst ging, für eine Schmerzenskunde über den Vater würde geschrieben werden ...

Es ist Melanie! sprachen die Brüder, bewegt genug durch Das, was ihnen Beiden einst, ehe sie die festen Sterne: Selma und Olga fanden, dieser leuchtende, irrende Komet gewesen war. Dankmar gedachte der Empfindungen, die Melanie bei der Nachricht über Fritz Hackert's Ende überrieselt haben mussten ... Er konnte nicht umhin