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Gehöften, Dörfern und Schlössern die geheimnissvollen Maurer des Tempelsteins noch einmal und eines Jünglings stimme sprach:

Der Bund ... er ist geschlossen! Der Segen aber, den irdische Mächte darüber sprechen sollten, ist bedroht und für jetzt verloren. Der Hortversunken! Ob Kunst der Rede, ob Auslegung der gesetz ihn wieder heraufbeschwören werden aus den Fluten, ich weiss es nicht. Der Bund des Geistes, ich ahn' es, soll ganz vom geist sein. Nicht können wir kämpfen mit goldenen Waffen, nicht mit dem Klang des Silbers locken und mit metallener Musik aufspielen, wenn wir Märtyrer ermuntern und belohnen wollen. Sie müssen leiden um ihrer selbst willen. Die Wahrheit selbst muss sie lohnen, die Dornenkrone ihr Geschmeide sein. Hunger, Entbehrung, Verachtung ... wer nennt die grauen Trabanten des Genius, die ihm das Geleite geben durch diese Erde, diese Vorschule irgend eines himmels! Klingt mir nicht nach ein Wort aus der Jugend, ein Wort, das einst auch in diesen Räumen widerhallte, wenn die Templer hier belehrt wurden, dass das Kreuz auf ihrem Mantel das grösste Lebensgut wäre, klingt mir's nicht nach, dass einst ein grosser Heiland sprach: "Das Reich Gottes ist eine köstliche Perle und besser denn Silber und Gold sind seine Schätze. Das Reich Gottes ist in uns; der verborgne Mensch des Herzens, unverrückt im sanften stillen Geist, der ist kostbar vor dem Herrn!" Sanft und still kann der Geist dieser Zeit nicht sein, Ihr Brüder! Ach, dass die Zeit der Langmut nichts gefruchtet hat zwei Jahrtausende lang und dass nicht mehr des Geistes Symbol die Taube sein darf! Wie die Möve flattert vor dem Sturme, so irrt das Denken der Gerechten hin und her und sucht und klagt und stösst Schmerzenslaute aus. Wer kann schlafen? Will es die endliche natur auch des Geistes, so sei's mit der Hand an dem Griff des Schwertes. Wirket! Werbt! Sucht auf den Gemeinplätzen der Alltäglichkeit die Vierblätter der Gesinnung! Krieger, Gelehrte, Dichter, Künstler, Staatsmänner, Handelnde, Gewerbfleissige, dass wir Opfer bringen wollen, dass wir irdischem Lohn entsagen, dass wir nur mit dem Gedanken wirken können, kann es Euch schrecken? Bleibt Ihr heute Die, die Ihr gestern waret?

Feierlich widerhallte die Ruine von der einstimmigen Beteuerung. Es war wie der Schlag einer einzigen grossen Welle, die kommt und so wie sie kam, auch wieder vom Ufer weicht.

zwölf schlug es von den Türmen aus dem Tal. Man hatte sich spät versammeln müssen, weil der Brand von Buchau manche Herberge entlegener gerückt hatte. Die Ritter vom geist trennten sich mit der Loosung der neuen Versammlung im nächsten zweiten Jahre und dem Vorsatze, auf die Zeit zu wirken mit der Lehre: Wächst nur das schnellere Einverständniss der edlen und Guten, zielen wir nur auf einen solchen majestätischen Akkord der Übereinstimmung, wie wenn gleichsam ein Naturphänomen am Himmel von Millionen um dieselbe Minute beobachtet wird, mit denselben Empfindungen, demselben elektrischen Schauer über die halbe Welt hin, so fallen die Fesseln des Geistes von selbst und sind wie Spinnenweben!

Man staunte in allen Fremdenbüchern der Umgegend, grade in diesem Herbst so viel hochgefeierte Namen zu lesen ... man pries deshalb die bisher fast unbekannte Gegend, das grüne sonnenwarme Tal zwischen rauhen, hohen Bergebenen, die geschichte dieses Tales, die in erwiesensten Tatsachen zurückgeht auf die Römerzeit, pries den Fluss, der, sich ringelnd wie eine gezähmte Schlange, von den Uferwänden nicht loskommen, sich nicht trennen könne von dem frohen Leben dieser Städte und Weiler und von einer Bewegung vorwärts immer wieder eine rückwärts versuche, man rühmte den klaren, perlenden hier gezogenen Wein und wie er mit Emsigkeit gewonnen würde auf den künstlich gepflegten und durchbauten Abhängen, man sang Lieder auf den Fluss, seine milde Rebe, rühmte Buchau, Dystra's Bauten ... Das Auge der Uneingeweihten wusste nichts von den beiden Mondnächten in der Abtei der alten Templer.

Nach Mitternacht stiegen Siegbert, Dankmar, Louis Armand, Werdeck und Leidenfrost zu der Höhe empor, wo sie auf fremdem Gebiet in der Hütte des greisen Invaliden übernachteten ...

Die Sonnenrosse waren fast schon sichtbar an dem roten Glanz, den ihre Nüstern aussprühten und ihre Hufen auf das östliche Tor des himmels schlugen, als die Freunde von dem Alten, der sie bewirtete wie bei ihm Eingemietete, für heute Abschied nahmen ... Werdeck wollte nach Paris.

Wäre der Verlust des Schreins, das entsetzliche Ende Hackert's, die Ungewissheit über die Folgen eines Verlangens um Wiederherstellung der Stadtkämmereischeine nicht gewesen, sie hätten fröhlich blicken, glücklich sich trennen können. Aber auch so sagte Dankmar:

Freunde, mit meinem Erbe war mir's immer wie mit einem Traume! Die Wirklichkeit der Entscheidung zieh' ich allen halben und schwebenden Lagen vor. Man bindet die jungen Bäume an einen Stab, den später ihr Wachstum und Gedeihen von selbst entfernt. So ist der Prozess, der all' unser Streben und Wollen emporhielt, ein solcher jetzt überflüssig gewordener Stab gewesen. Nur wenn die Kinder geschichte noch nicht fassen, naht man sich ihnen mit Mährchen.

Die Freunde aber trennten sich, auf die Wiederherstellung hoffend. Leidenfrost kehrte zum Bau zurück, um dessen wirkliche, heute rückkehrenden Arbeiter als Meister zu begrüssen. Werdeck schlug einen Seitenweg ein, um im Tal zur nächsten Post zu kommen. Die Brüder wollten eine Strecke Louis Armand begleiten