der Staatsbau auch die regste Teilnahme des heraufdrängenden vierten Standes an ihm zuliesse, ordnete und regelte; auch er hätte froh sein dürfen. Aber ... die Männer kamen vom Herzensglück bald auf das Leid des Allgemeinen zurück, auf den Tod Hackert's, den Untergang des Vermögens. Dankmar gab jede Hoffnung auf. Er sagte, dass aus Rücksicht der vielen zweideutigen Umstände, die den Verlust begleiteten, keine Hoffnung auf den Erfolg eines Amortisationsprozesses und der Erneuerung der schon teilweise in Umlauf begriffenen Zahlung da wäre. Rodewald's rechtskundige Meinung sollte befragt werden. Man suchte ihn, rief ihn. Er fehlte, war eben verschwunden, hatte aber die Bitte, seinetwegen nicht bekümmert zu sein, selbst wenn er bis morgen ausbliebe, beruhigend zurückgelassen. Man riet, dass er sich wohl um das Schicksal Murray's kümmerte. In Murray den Vater des unglücklichen Hackert wiederzufinden – die Mutter blieb denn in der Tat Jedem unbekannt – war den Freunden eben so überraschend wie schmerzlich gewesen. Ihre Blicke gingen in die Zukunft. Jeder gedachte des Looses, das er gezogen ... Dystra blieb vielleicht mit der Fürstin und den Kindern auf dem Tempelstein, dessen Einfriedigung den Baron halb zum deutschen, halb zum fränkischen Bürger machte; denn noch tief in das jenseitige Land ging sein Besitztum. Rudhard blieb sicher noch treu in ihrem von Frohsinn, Glücksgütern und Bildung gehobenen Kreise. Leidenfrost vollendete ohne Zweifel den Bau. Vor Entdeckung seines Namens schützte die Rückkehr zu seinem wahren: Max Brüning. Sein Vater, der greise Invalid, bewohnte eine Grenzhütte auf dem jenseitigen Abhang des Gebirges. Werdeck fehlte in diesen Tagen nicht in der Tempelabtei. Aber er kehrte nach Paris zu seinem weib zurück. Unterricht in der Matematik von seiner, die Kunst, Blumen zu machen von ihrer Seite fristeten das los zweier Menschen, die dem Kreise der Anschauungen, in denen sie erzogen waren, sich mit einem Heroismus entwunden hatten, der Bewunderung verdiente. Wir haben von diesem Ehebund, der kinderlos blieb, den Vorhang nur dann und wann gelüftet gesehen. Bedurfte das feste treue Ausharren an einer einmal erfassten idee der gleichen Schilderung, wie die in Krümmungen irrende allmälige entwicklung sich langsam läuternder Herzen? Was bedarf es auch jetzt mehr, von diesen edlen zu sagen, als dass Werdeck die Teorie der Curven und Gleichungen in Paris lehren wird, Jagellona Blumen macht, wie sie in dem Kloster gefertigt wurden, das sie und Max Brüning erzog? Diese Flüchtlinge lebten zu Paris im fünften Stock, entbehrten, hatten Sorgen genug, aber unter dem frühgebleichten Haar glühten die alten Hoffnungen, die unversöhnten Nemesisgedanken der geschichte. Jagellona ertrug den Widerspruch ihres Herzens mit dieser kalten Erde nicht lange. Ein Grab auf dem Père la Chaise, in der Nähe des Denkmals von Abälard und Heloise, nicht zu fern von Ludwig Börne, von Foy, Lafayette, Armand Carrel schmückten Immortellenkränze einen Hügel, auf dem sich Werdeck und Leidenfrost zuweilen des Jahres die hände reichten und nur beklagten, dass Jagellona's Heldenseele in diesem matten Frieden, nicht im Donnerrollen grosser Taten aushauchte.. Und Louis Armand? Was konnte ihm die Zukunft Schlimmes bringen? Er nahm nur für einige Zeit in Frankreich mit seinem begüterten weib den Aufentalt, er hoffte die Rückkehr auf einen Boden, der ihm zur zweiten Heimat geworden war ... Und Dankmar und Siegbert? Sie, die in der Grenzhütte des alten Invaliden auf fremdem Boden zu übernachten pflegten, verbanden sie sich nicht bald durch die Ehe mit den Mädchen ihrer Liebe? Jener rüstete sich gewiss auf die ersten grossen Wirkungen des Bundes, an dessen Ausbildung er fortarbeitete; dieser beschloss, begleitet vom Bruder bis zur Schweiz, weiter zu ziehen – mit Olga – in das Land der Ideale und zu einer Kunstübung, zu der ihm Oleander einst als Regel schrieb:
Wie lieb' ich, wenn ein Mädchen auf sich hält,
Nicht jeden Tänzer nimmt, nicht jeder Fiedel tanzt!
So auch der Künstler, der nicht schmeichelt aller
Welt
Und gegen Vorteil sich zumeist verschanzt!
Deshalb ist Gunst und Kunst verwandt und
Gönnen Können,
Weil Können soll die Gunst dem Rechten gönnen.
Anna liess sich doch wohl Selma nicht nehmen? Sie blieb doch wohl bei Dankmar, dem die Schweiz ein Asyl werden sollte bis zum Tage, wo die ersten Schranken der künstlichen Ordnung, die uns jetzt regiert, einst fallen würden. Ihm und Rodewald, der sicher nach Hohenberg zurückkehrte, schien dieser Tag nicht zu fern. Selbst Louise Eisold blieb hinter Denen nicht zurück, die auch von ihr eine Zukunft prophezeien wollten. Die Einigung mit Mangold wurde ein Liebesopfer für ihre Geschwister, wenn sie auch dann und wann wehmütigst an Danebrand dachte und an Hackert, der ihr kein Begriff wie Oleander'n, sondern ein Mensch war, ein Mensch mit einem verhängnissvoll beklagenswerten Leben! Ein Mensch, der, wenn all' unser Dasein ein Versuch zum Lichte aufwärts sich zu schwingen zu nennen, in diesem Fluge so früh scheitern musste! Ein Mensch, wunderlich wie jene Pflanze, die auch halb ein Tier ist, wie jener Stein, der auch Pflanzenform angenommen, aber fühlend auch und, hätte er Liebe gefunden, nicht doppellebig! Ein Mensch, der, weil er zu früh die schönsten Blüten des Lebens zu flüchtig abgestreift, den Rest des Daseins schaal und nichtig finden musste!
Damals aber beim Dämmerlichte des verschleierten, hinter den Tannenwipfeln aufsteigenden Mondes versammelten sich Abends nach dem Brande aus den ringsumliegenden Weilern,