jenes nächtlichen Wanderers, dem Hackert einst von der Komturei vor die Tore der Stadt gefolgt war. Als Der denn doch zuletzt, wie angezogen von seinem Geschick, das wie die Magnetnadel keine Ablenkungen und Irrungen, wie noch zuletzt wieder durch Hackert, dulden wollte, nach Bielau wanderte, dieser still Verzweifelnde, der den Tod mit Ekel und Überdruss an sich selbst und der Welt nicht auf natürlichem Wege erwarten mochte, rief ihm Niemand mehr in nächtlicher Stille seinen Namen zu, Niemand schützte ihm mit einer ansehnlichen Summe Geldes noch einmal gleichsam die nach ihm verlangende Woge ab. Zuletzt zog sie ihn nieder, wie das Meerweib den vom Sang Verlockten. Diese Stimmung konnte nicht enden, wie Alle. So entbehren, so zuletzt krank auf dem Lager liegen, ächzen, so den letzten Ballast der Bagatell-Philosophie auswerfen, Epikur, Epiktet, Rochefoucauld, Hippel und Lichtenberg opfern, so immer leichter, luftiger, ohnmächtiger, ja kläglicher zu werden für Charon's Nachen ... Das ertrug Franz Schlurck nicht ... Man fand ihn eines Morgens im Uferschilfe unterhalb Bielaus, nachdem man ihn Tagelang gesucht und sich wohl gesagt hatte, dass man Schlurck's letztes Wort an Drommeldei: Bester Freund, Montaigne hat Recht, das Leben ist von allen Handwerken, die wir zu lernen haben, das schwerste! nicht anders als auf den selbstgesuchten Tod deuten konnte.
Letztes Capitel
Die Morgenröte
Auf dem Tempelstein lösten sich Schmerz und Freude, bangende Unsicherheit und endliche Entscheidung ... Dankmar's starres Brüten über den Verlust, konnte es andauern, als er Selma sah? ... Und Olga, wäre sie erstarrt gewesen wie Niobe, da ihr die Söhne starben, konnte sie auch noch nicht beim Anblick der Mutter, die sich streng und ernst von ihr abwandte, zum Leben erwachen, konnte sie da, als Siegbert vom bekümmerten Bruder sich losreissend in den Saal der Villa des baron trat, da, als der Geliebteste vor Olga's entfalteter Schönheit staunend bebte, eine Jungfrau statt des Kindes fand, ihre Hand zitternd ergriff und sie zur Versöhnung in die Hand der Mutter legte, konnte sie da, die seit Jahren nicht geweint hatte, die Tränen wieder fortschleudern und ihnen sagen: Ich kenne Euch nicht? ... Und konnte, als Rudhard, ein gebückter, alter Mann, gefurcht, gebleicht von Kummer eintrat und er und Anna von Harder der Mutter sie zuführten, konnte Dystra, als Olga nun doch davon stürzen wollte, Siegbert aber sie zurückhielt und sie in seinen Armen fast ohnmächtig an's Herz drückte, etwas Andres tun, als sagen:
Chère enfant, Ihrem Vater, dem Fürsten Alexis Wäsämskoi, hab' ich einst versprochen, Rurik's Schwager zu werden! Ja, ja, Rurik! Papa Rudhard lehrte dich vielleicht aus den Alten, dass die delphischen Orakel vieldeutig waren. Ich tat Alles, um dies Schicksalswort zu umgehen; ich wollte liebenswürdig, schön sein, ich hoffte irgend eine grosse Dame würde mich entführen. Ich wollte sterben und fing deshalb zu bauen an. Aber Alles vergebens. Was ist zu tun? Komtesse Olga hat eben, wie das dem Charakter unsrer Zeit entspricht, selbst gewählt, Paulowna zieht jedem Eheglück noch die Kunde vor, welche Torte es heute Mittag geben wird, und wo soll ich diese Gäste all' herbergen, wo anders meine Diners und Soupers nun veranstalten, als in dem fertigen linken Schlossflügel, wohin ich wiederum gelobt habe, nur die Dame zuerst zu führen, die einst die Meine sein wird?
Alles blickte auf Olga, auf die Fürstin ... Anna von Harder nahte sich aber Beiden, die sich abwandten, liebevoll ... Es war ein mächtiger Eindruck für Adelen gewesen, als sie nach so langer Trennung ihr wildes Kind wiedersah. Sie war ihr erschienen wie eine ihr fast Fremde, wie eine Jungfrau, die sie nie gesehen, nie gekannt hatte und doch war diese Gestalt die ihrer eignen Olga, das hoheitsvolle, schwärmerische Auge war das Auge ihres Kindes, dessen Erblühen zur Selbständigkeit sie nicht hatte ertragen können. Gedemütigt durch Siegbert, der seiner Empfindungen jetzt kein Hehl mehr machte, sich würdevoll sammelnd vor Anna's sittlicher Hoheit sprach sie zum Baron:
Mon cher Baron, outre mes enfans il s'en trouve ici d'autres encore, parmi lesquels vous êtes le plus deraisonnable. Pour vous empêcher de vous ruiner par vos mille folies il vous faudrait une gouvernante, qui reglât un peu vos penchants dangereux.
Und Dystra erwiderte:
Madame, je suis ravi de vos bonnes intentions pour moi. Depuis bien longtemps il fallait un mariage de raison, comme celui que j'aurai l'honneur de contracter avec vous, pour en compléter ma collection de mille et une folies, les curiosités du siècle.
Damit gab Dystra mit der ihm eignen Grazie den Arm der Fürstin, die sich von ihm zum schloss hinaufführen liess, während die Andern frohbewegt folgten. Spartakus und Cicero schritten aus Rücksichten heute in Tscherkessentracht voran ...
Das die Freude! ... Und auch Louis Armand hatte Fränzchen liebevoll begrüsst. Auch er war erlöst von seinem früheren ohnmächtigen Träumen, auch er hatte durch den Umgang mit bedeutenden Männern, die ihn zu sich emporzogen und zu einem grossen Wirken verwandten, das einseitig nagende Isolirungsgefühl des begabten höherberufenen Handwerkers verloren und an seinem Beispiele gezeigt, wie alle Gefahren des Kommunismus verschwinden würden, wenn