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Kollektaneenbuch zur einstigen Mitteilung an Louis Armand und zum Gegensatz gegen dessen weltumfassendes Sehnen zu schreiben:

Ein Häuschen auf grünen Matten

In's Silber des Mondes getaucht,

Von frischen Waldesschatten

Freundnachbarlich milde umhaucht

Ein Stübchen eng nur gezimmert,

Bescheiden das Hausgerät,

Nur Lampenlichtdurchschimmert,

Nur Blumenduftdurchweht

Ein Schrank, ein Tisch, zwei Sessel,

Ein Weib dazu, an ihrer Hand

Der Ehe goldene Fessel,

Die erst ein Jährchen sie band

Der Mann im Liederbuch blättert,

Sie strickt beim Lampenschein,

Vom Lindenbaum draussen schmettert

Die Nachtigall herein

Horch! ruft das Weib nach der kammer.

Was Nachtigall! Liederbuch!

Sie öffnet dem süssesten Jammer

Im Gehen ihr Busentuch.

Hold Kindlein wacht, ruft wieder!

Gib allen Dichtern den Lauf!

Ein Trunk aus Mutter-Mieder

Wiegt Hippokrenen auf!

Dem Mann, nicht lesend weiter

Legt gleicher glücklichster Trieb

Eine ganze Jakobsleiter

Als Zeichen in's Buch, wo er blieb.

Ob im wald die Wipfel rauschen,

Ob die Nachtigall lockt und schlägt,

Sie sitzen nur Beide und lauschen

Dem Kind, ob's im Schlummer sich regt ...

O Bild der seligsten Feier!

Ein Schattenspiel an der Wand!

An meiner Dichter-Leier

Bin ich Saite nichtach! nur die Hand.

Oleander sang nicht sich, sondern Andere, wenn er das Glück schilderte. Jahrelang wird er den Anblick des Poeten der Dachkammer bieten, dessen lange, ungepflegte Gestalt, schlendernd, träumend durch die Gassen schreitet, an Fremde denkend und die nächsten zu grüssen vergessend, voller Liebe dem Einen zugewandt und kaum bemerkend den Andern, wenn dieser auch hülfefordernd die hände nach ihm streckt. Er wird immer die Aufforderung zur Tat erst dann vernehmen, wenn die gelegenheit, sich zu bewähren, schon vorüber. Vielbewundern wird man ihn und viel verspotten und schon mit bleichenden Haaren wird man ihn noch ein Kind nennen. Bei der allgemeinen Teilung des Glücks dieser Erde wird er mit leeren Händen ausgehen und sich mit dem Troste begnügen müssen, dass Zeuss zu ihm sprach:

Willst du in meinem Himmel mit mir leben:

So oft du kommst, er soll dir offen sein.

... Grade am Morgen nach dem Brande im dorf Buchau fuhren die beiden Reisewägen Anna's von Harder zum Tempelstein hinauf, während rechts und links um sie her Rosse und Reiter sprengten, noch die rauchende Stätte des Brandes zu sehen. Der Hof im schloss war voll gnadenreichster Teilnahme gewesen. Er hatte Wäsche, Betten, Geld geschickt, um die nächste Not zu mildern. Alle seine Umgebungen wetteiferten im Anteil an dem unglücklichen Vorfall, bei dem in der Tat Menschenleben verunglückte und im Gastofe zum St.-Georg manche wertvolle, ja ausserordentlich hochgeschätzte Gabe einiger unbekannter Reisenden zu grund ging ... Anna war mit ihrer Begleitung am Orte des Schreckens angelangt, als Fränzchen Heunisch ein junges Mädchen zu erkennen glaubte, das auf der Trümmerstätte, an der steinernen Schwelle einer ausgebrannten Tür, die Hand in den Schoos gestemmt, auf der Erde sitzt, vor sich einen von vielen Menschen umgebenen mit einem Tuch bedeckten, von Allen scheu vermiedenen Gegenstand und in ihrer Nähe einen Alten, der gleichfalls auf dem Boden an dem Tuche kauert und in seinen Mienen eine Ähnlichkeit mit jenem mann mit der schwarzen Binde darbietet, der sie einst von der Stadt nach Hohenberg begleitet hatte. Jenes Mädchen war Louise Eisold, der Alte ohne Zweifel Murray ... Fränzchen machte sogleich Rodewald aufmerksam. Dieser trat hinzu und erfuhr von den vor ihm ausweichenden Menschen, dass unter dem Tuche der Rest eines in der Nacht Verbrannten läge, eines dem Mädchen und jenem mann sehr werten Verwandten und dass schon in der Nacht vom Tempelstein Leute gekommen wären und das seltsamste Schauspiel der Bestürzung geboten hätten. Von einem grossen Schatze, den jener Unglückliche entweder hätte vor dem Feuer bergen oder schon vorher vielleicht allzusehr schützen wollen, wäre nichts übrig geblieben als die halbverbrannten Splitter, mit denen der Alte da wie irrsinnig spiele ... in dem Schrein sollten hundert Tausende von Papiergeld gelegen haben ... aber wer wisse es ... und wer könnte es glauben ...!

Schaudernd ahnte Rodewald die Möglichkeit, dass Dankmar's Schrein verunglückte ... Er trat näher ... Fränzchen folgte ... Murray! rief Rodewald ... Fränzchen legte schon die Hand auf Louisen's Schulter ... Jener blickte auf und erkannte Rodewald, lächelte bitter, zeigte auf das Tuch, auf die verbrannten Splitter ... Louise Eisold starrte Fränzchen an, wusste erst kaum, wo sie das blühende, gewachsene, holdentwikkelte Mädchen hinbringen sollte, dann erriet sie, stand auf und sagte: Franziska! ... Die Freundin aber erwiderte entsetzt: Wer verbrannte?

Louise schien gefasst. Sie hatte in der Schule der Leiden gelernt, das Schwerste zu tragen. Dennoch sagte sie mit noch zuckendem Schmerz:

Weisst du Fränzchen? Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! Das ist daHackert unter dem Tuch!

Fränzchen zuckte zusammen. Aber Friedrich Zeck bestätigte den Nähergetretenen:

Ja, diese Splitter sind der Rest vom Erbe der Wildungen! Sie wissen es schon oben auf dem Tempelstein, sie grübeln, wie man Papier wieder lebendig macht, aber Menschen, amortisirte Menschen lebendigmachendas wird fehlschlagen, Freunde! Ah! Seht nur!

Rodewald hatte das Tuch gelüftet und es sogleich fallen lassen. Der Anblick war zu grauenhaft ...

Der Nachtwandler! sagte er und