und Menschen, ausstarben ...
Für Anna von Harder war mit Rodewald's Rückkehr, mit der Erziehung Selma's, der Freundschaft Olga's für ihre holde Enkelin, mit den Sorgen um die Gebrüder Wildungen und ihre vielbewegten Schicksale noch einmal ein neues Leben aufgegangen. Sie hätte nie geglaubt, dass ihr so die Bande, die an dies Dasein fesseln, noch einmal angezogen werden, so noch das Gefühl einer letzten Kraft in ihr wecken konnten. Nun erschrak sie wohl über die kurze Spanne, die ihr noch zu durchwandern übrig blieb, aber sie beschloss sie zu nutzen, sich aus dämmernden, unklaren Stimmungen aufzureissen, selbst die Musik fing sie an, in froheren Rhytmen und bewegterem Takte zu begehren. Das politische Misgeschick ihres künftigen Schwiegerenkels Dankmar, der drohende Verlust seines wunderbar gewonnenen Vermögens bekümmerte sie wie eine jugendlich Fühlende. Sie hatte mehr sorge und Eifer für die Wiederherstellung seiner Existenz und der unerwartet gekommenen seltenen Mittel, als selbst die Mädchen um sie her, von denen Olga vollends immer nur wie ein Wesen sich gab, das auch vom Tau des himmels, vom Staube der Blumen leben konnte. Ihr grade hätte die Armut gefallen. Ihr schienen die Briefe, die vom Tempelstein über die Pracht der dortigen Einrichtung kamen, nur geeignet, die Phantasie ihrer Mutter anzuregen. Sie selbst bedurfte nur des Mannes ihrer Liebe, eine Hütte und ein Herz; aber Siegbert blieb stumm, schrieb nicht, gab kein Zeichen, dass er wagte, in ihre Lebenskreise zu treten! Oleander, der Olga's Stolz und Schwermut erkannte und sich nach ihrer Indiskretion mit dem Schmerzensruf Egon's an Helenen erst allmälig mit ihr wieder ausgesöhnt hatte, Oleander schrieb Siegberten über diese Stimmungen wohl:
Ich trug ihn allen Lüften auf,
Den Gruss des treusten Lieben,
Ich hab' ihn in der Sterne Lauf,
In Wolken und Wellen geschrieben.
Ich habe den Blumen den Blütentraum
Des Herzens zugeflüstert,
Am Meer dem einsamen Palmenbaum
Und seinem Leid mich verschwistert.
Nichts brauste so wild, nichts hauchte so mild,
Ich nannt' ihm die teuersten Namen,
Ich schloss um das geliebteste Bild
Die Welt als goldenen Rahmen.
Und wen ich unter den Weiden einst fand,
Sie lauschten und hörten es Alle!
Nur Einem, Einem zog's unbekannt
vorüber mit leerem Schalle!
Ihn jagt des Windes Melodie,
Kein Traum von der Schlummerstätte,
Ihm ist, als wenn der Frühling nie
Die Erde umfangen hätte!
Als wenn der Seele ihr Gedicht
Die Wahrheit des Lebens nicht wäre!
Als krönte die Liebe allein uns nicht
Mit allerhöchster Ehre!
Aber Siegbert erwiderte mit Schmerz, dass er Rudhard versprochen hätte, den Schatz dieser Poesie nur für ein Allgemeines zu halten, nicht für ein dem eignen Bedarf des Herzens Dargebotenes.
Die Lösung dieser Verwickelungen war Anna's nächste sorge. Ein ernster Briefwechsel zwischen ihr, Adele Wäsämskoi, Rudhard und Dystra hatte sich entsponnen. Von einer Beziehung Siegbert's zur Fürstin war schon lange keine Rede mehr, wenn auch die Verbindung zwischen Mutter und Tochter sich nicht hatte wiederherstellen lassen. Dennoch musste endlich eine Aussöhnung stattfinden, mindestens eine Annäherung. Sie sollte auf dem Tempelstein stattfinden. Dystra lud die Frauen von der Residenz und von Brüssel bei sich mit Förmlichkeit ein und Rodewald begleitete die von Osten Kommenden mit noch einem Ankömmling, Franziska Heunisch, die nach dem im Gram um den Sohn erfolgten tod des alten Sandrart seine Erbin geworden war und einstweilen den guten überglücklichen Onkel Heunisch im Ullagrunde zurückliess. Für Rodewald's grosses Landwesen mussten inzwischen, wo der Besitz des Pachtes ihm gesichert blieb, neugewonnene rüstige hände sorgen.
Als Anna mit Olga und Selma, mit Rodewald und Fränzchen Heunisch dem Westen zureisten in zwei grossen, reichbepackten Wägen, liessen sie Tempelheide in der Obhut der Gerichte und der Diener zurück. Sie liessen die Stadt wie den Staat gleichsam als Schlummernde hinter sich, die man mit dem Abschied in der Frühe nicht gerne stört und, während man schon im lustigen zug dahin sprengt auf der Landstrasse, noch in den Federn fortträumen lässt ... Es sah still und traurig aus im öffentlichen Leben. Der Fürst Egon, der zwei Jahre hindurch das Ruder mit Entschlossenheit geführt, den Geist des Widerspruchs gebändigt, eine warme, glühende Begeisterung für seine Aufgabe mit Hintansetzung seines eignen Lebensglückes wie Kohlen noch zum Feuer getragen hatte, schien von diesem Feuer wie selbst verzehrt. Er schien zu verschwinden, wie er gekommen. Er hatte dem staat nach seiner Auffassung die letzten Reste seiner Jugend gewidmet. Die gewaltige Sphinx hatte ihn verschlungen, wie Alle, die ihr Rätsel mit der wahren Lösung: der Mensch! nicht begreifen. Dem historischen staat, dem Gemeinwesen alter Stände, den militärischen Erinnerungen, dem Junkertum und seinem Dünkel und Egoismus, der Beamtenmacht war er zum Opfer gefallen, wenigstens erwartete man von seiner Reise nach Buchau die noch immer verzögerte Übergabe seines Portefeuilles. Nur seine Gattin begleitete ihn. Diese hinterliess das Andenken einer der seltsamsten Metamorphosen, die ein weibliches Herz je durchmachen kann. Aus der tändelnden, leichtbeschwingten Sylphide war sie eine ernste pflichterfüllte Frau geworden, die ihr los, einen hinfälligen, siechen, lebensmüden, zergrämelten Mann zu pflegen, mit ruhiger Ergebung trug. Pauline von Harder bot lange nicht das gleiche Schauspiel der Resignation. Sie schien die ihr doch sonst immer gegenwärtige Besinnung verloren zu haben. Sie konnte den Gedanken, geopfert zu sein, auf Nichts zurückgeführt, verlassen von ihrem Einfluss, nicht ertragen. Die