, das ihm nachgeflogen war, ihn mit Amazonenkraft getragen hatte, er frägt Burschen, die sie an Mut heldisch überflügelte, nach dem Schlummernden, nach dem Schrein – in diesem Schrecken ist keine Besinnung möglich, keine Auskunft, es ist wie eine grosse entsetzengepeitschte Flucht, wo Jeder sein Heil für sich selber sucht, betet, dass Gott den Andern wahren möge, für sich aber nur nach Fassung ringt für Das, was Ruhe, Sicherheit und ist es Nacht, der hereinbrechende Morgen dem Auge Grauenvolles wird entüllen.
Vierzehntes Capitel
Die Elemente
Unabsehbar war in der Residenz das Trauergefolge gewesen, das die sterblichen Reste des greisen Obertribunalspräsidenten zur Ruhe bestattet hatte. Kein Stand, kein Alter hatte sich ausgeschlossen, die letzte Huldigung einem mann zu bringen, der durch fast zwei Menschenalter die Waage der Gerechtigkeit nach seinem menschlichen Ermessen gerecht und weise gehalten und noch in seinem letzten Lebensjahre durch unparteiische und scharfsinnige Entscheidung eines grossen Rechtsfalles die Abendschimmer einer fast schon irdischen Verklärung um sich verbreitet hatte. Tausende von Fussgängern, fast hundert Wägen, voran das Sechsgespann des nicht grade anwesenden Königs, folgten von Tempelheide dem an dem nächsten Stadttor gelegenen Friedhof, wo glücklicherweise, wenn auch zum Schmerze Anna's, vermieden war, den Zelotismus der Geistlichkeit wachzurufen, die ohne Zweifel an den von dem Verstorbenen ausdrücklich bedungenen Freimaureremblemen auf dem Sarge Anstoss genommen und, wie anderswo schon geschehen ist, den unchristlichen Sinn des Hingeschiedenen gerügt hätte. Gelbsattel trat vor und sprach als Maurer, nicht als Geistlicher. Er konnte nicht umhin, dem Gefühl der Ehrfurcht, das Alle empfanden, den Ausdruck der Weihe zu geben. Der Moment riss ihn fort, er trat aus dem künstlich gegrabenen Bett seiner Rhetorik diesmal heraus. Er sprach nicht so gut, als er wollte und darum eben diesmal besser. Er schien zu fühlen, dass dieser Hingegangene Das sicher besass, was tastend er selber suchte. Rührung, die ihm nur in jungen Jahren über seine eignen Worte gekommen war, befiel den Redner mit einer Wahrheit, die den anwesenden Gegnern seines schwankenden und ehrgeizigen Sinnes schonende achtung abgewann. Man sang am grab. Die ersten Künstler der Bühne hatte ein Wort der "jungen" Exzellenz vermocht, dem Vater diese Huldigung zu bringen. Der Intendant war selbst zugegen, war selbst bewegt, dass es fast schien, als wenn er die vielen Gelegenheiten, wo er dem Grab, dem Sterben, ja selbst dem Kranksein der Menschen aus dem Wege ging, in diesem einen Male nun nachholen musste ...
Der Präsident war in seinem Jahrhundert-Glauben, dem der Duldung und der einfach ergebenen Ehrfurcht vor dem grossen Baumeister der Welten gestorben. Die Priesterrede hatte er ausdrücklich verbeten. Kein Kreuz sollte sein Grab kenntlich machen, nur ein einfacher Obelisk von Granit, dessen Inschriftseite nach Osten lag, um immer von der Morgensonne begrüsst zu werden.
Anna, Selma, Olga standen am grab. Rodewald bot seiner Schwiegermutter den Arm. Den jungen Mädchen standen die alten Diener von Tempelheide zur Seite. Die junge Exzellenz dankte bewegt den ihm verwandten Leidtragenden. Der Name Rodewald war ihm wie eine wildentlegene Gegend, er orientirte sich mit Mühe in dieser ohnehin nicht adeligen Beziehung. Für die viele Liebe, die seine Schwägerin dem hingeschiedenen Vater gewidmet, hatte er leicht danken. Den Zoll der Ehrfurcht hatte Anna aus eignem Trieb für Alle entrichtet, die ihn dem Greise schuldeten. Herr von Harder sprach von seiner Gemahlin, Anna's Schwester. Es war in der Tat keine Phrase, dass er ihren Anteil rühmte. Seit der beschlossenen Abdankung Egon's von Hohenberg war die Geheimrätin wie ein irres Insekt, das auf einer Fläche hin- und herrennt und nicht weiss, wo aus, wo ein. Sie hatte zuletzt von Reisen gesprochen und vom ewigen Begrabensein in irgend einem Winkel, natürlich einem schönen Winkel der Erde. Manche Frauen schon hatten von dem Beispiele Helenen's in Paris gesprochen und von Paulinen gesagt: Auch ihr kommt nun die letzte Läuterung; sie wird katolisch.
Rodewald stand in der Nähe, als Herr von Harder, rückkehrend vom grab an die Wägen, vor'm Kirchhofe nicht diese, aber ähnliche Winke über das Befinden seiner Gemahlin gab, über Zustände, die er "körperlich" nannte. Se. Exzellenz bedauerten noch, dass Anna nun von den Weitläufigkeiten der Erbschaftsprozeduren sehr würde belästigt werden, bat sie, Tempelheide ganz als ihr Eigentum zu betrachten, lobte die Sänger, die sich in ihrem De profundis und: "Wie sie so sanft ruhen!" höchst wacker gehalten, flüsterte einem nun wirklich neu angestellten Regisseur noch zu, ob auch für heute Abend im Ballet keine Störung stattfinden würde – er selbst dürfte doch wohl nicht kommen und müsste sich ohnehin rüsten, dem hof, der noch auf Reisen war, in Buchau die Aufwartung zu machen – und gab dann, als der Wichtigste und Erste aller Leidtragenden sich sammelnd, das Zeichen einer Auflösung des Zuges, die rascher erfolgte, als er sich in Tempelheide gebildet hatte.
Die Frauen mit Rodewald kehrten dortin zurück. Die Tiere des Verstorbenen begrüssten sie mit fast betrübteren Mienen, als sie zuletzt am Ausgang des Kirchhofes sein Sohn gezeigt hatte. Wie liessen die Vögel ihre Fittiche, die Vierfüssler ihre Ohren und Schweife hängen! Ein Glück, dass die alten Diener sich an die Liebhaberei des Herrn gewöhnt hatten und in Tempelheide das Gnadenbrot behielten. So war für diese grosse Familie auch aus dem Tierreich gesorgt, bis sie Alle zusammen, Tiere