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zurückgefahren. Paul galt nun bei ihm für einen verunglückten Pferdeknecht. Ärzte kamen, erkannten den Bruch, pressten die Knochen in Verbände und kühlten den Brand, den sie fürchteten. Paul lag bei den Pferden über der Futterkammer und ächzte. Vor dem Niederlegen im Verband raffte er die letzte Kraft zusammen und schrieb mit der linken Hand an Louise Eisold. Peters konnte nicht schreiben, nur ein Packet Geld legte er aus dem jetzt von dem treuen Fuhrmanne fester verschlossenen Schrein für Dankmar Wildungen bei. Peters blieb noch in Angerode. Es war sein altes Häuschen, sein alter Stall, den er verkaufen wollte. Der Brief wurde irgendwo auf dem land zur Post gegeben. Peters hütete den langsam Genesenden, der nie würde haben ruhen können, wenn seine ausgestreckte Hand neben sich unterm Stroh nicht das Holz, das Kreuz, das Kleeblatt des Deckels gefühlt hätte. So bekam ich endlich Nachricht von meinem Sohn durch dritte, vierte Hand. Es war die höchste Zeit, dass ich mich entfernte. Rodewald, mein alter Freund, kam eines Tages voll Erregung und gestand mir, dass er nicht anders gekonnt hätte, als der Mutter meines Sohnes das Leben wenn nicht des Vaters, doch ihres Kindes wie eine Drohung von jenseits des Grabes zuzurufen. Seine Gründe waren gerecht. Mein Entschluss musste aber gefasst sein. Schon lange hatte die Untersuchung der Flucht auch meine person gefährdet; nun konnte' ich neue Schrecken ahnen. Ich wusste, wo hülfe nötig war. So ging ich heimlich nach Angerode, lebte dort verborgen, bis Paul zur Reise nach dem Tempelstein sich stark fühlte. Dortin rief ja die Loosung. Louise Eisold soll den Schrein von ihm selbst empfangen, den unversehrten und nur in Dem, was ihm an jenen Mann, der sich das Leben nehmen wollte, verloren ging, an Wert verringerten. In drei Tagen, Freund, sind wir am Tempelstein. Ich hüte den Schrein am Tage, Paul des Nachts. Sein Übel ist in alter Gewalt entstanden, aber des Vaters Auge wird ihn schützen. Diese Hingebung jetzt an ein Einziges, diese Mühe und sorge um ein verpfändetes Wort wird seine Gedanken reinigen. Ich werde nicht erröten, Ihnen den Sohn zu zeigen, den ich Ihnen verdanke, Ihrer treuen Aufopferung, Ihrer Liebe. Empfangen Sie uns mit dem alten Herzendarum brauch' ich kaum zu bittenaber empfangen Sie uns auch mit Freudedas muss vom Himmel kommen."

Sorglos, überglücklich, sahen nun die Freunde dem Tage der Entscheidung entgegen, der endlich bedeutungsvoll genug herankam.

Feuerraketen stiegen von den Bergen auf, um den Einzug der Mächtigen auf das Schloss von Buchau zu verkündigen. Die Umwohner des Tempelsteins hörten die Böller lösen, hörten das Rollen der vielen langspännigen Staatswägen, hörten die Ruderschläge auf goldgeschmückten Festesgondeln von den blauen Wogen her. Es war die alte Welt, die sieggebläht zur Herbstesfreude vom Osten einzog.

Es kam der Abend des fünfzehnten Septembers, der Tag des Nikodemus ... Schon um sieben Uhr Abends vergoldete des Mondes Licht den Wald, die Flur, den Strom, Berg, Schloss, die Ruine ... das Vergangene, das Bestehende und das Werdende ...

Ich will ein Kind sein, sagte sich Dystra, ich will diese Nacht für ein Märchen nehmen. Ich weiss, dass dort drüben heute in Buchau Leuchtkugeln steigen. Die Raketen und die Schwärmer werden prasseln. Aber ich will das Zaubervolle näher suchen. Die Fäden, die das Wunder am Drahte natürlich lenken, kenn' ich wohl, weiss auch, dass unter dem Menschenstrom, der heute nach Buchau zum Feuerwerk der Könige wallt, die Maurer und Zimmerleute nicht auffallen werden, die sich zum schloss Tempelstein wenden, an der brücke vor dem Meister Leidenfrost die Kundschaft sagen, emporsteigen und hinten in die Ruinen treten, wo Dankmar Wildungen sehen will, wer sich nun meldet, wer sich entüllt, wer zu seinem Bund gehört, den ich selber nur belausche. Ich nehme das Seltsame, wie es ist. Ich nehm' es als eine Phantasie dieser wunderlichen deutschen Nation und will von einem alten Leichenstein des Kreuzganges aus dem Herbstnachtstraume zusehen, wie ich in den Sagen lese, dass einst Hirtenknaben sich verirrten in den Untersberg oder den Hörselberg oder den Kyffhäuser und die Felsen geöffnet sahen und das Treiben der Zwerge und Kobolde belauschten. Ich will für Märchen nehmen, was ich sehe und froh sein, dass ich nicht mehr nötig habe, mir über die Feuerwerke der Höfe den Hals auszurecken, was freilich für meinen Wuchs nützlicher wäre, wär' es nicht zu spät. Dieser Nacken bleibt leider in den Schultern sitzen und gehört zu meinem Bild: Der Narr des neunzehnten Jahrhunderts.

Das Märchen wurde in der Nacht geträumt, vielleicht erlebt ... Es war wie die Sage erzählt ... Ein Knabe verirrt sich in die Berge, die Nacht beschleicht ihn, sein Auge späht durch eine Felsenritze, er sieht, was sich begibt ... Und was begab sich? ...

Hoch ragt das gewölbte Rund der alten Tempelkirche, malerisch vom Mondlicht umwoben. Zitternd blitzen die Sterne hernieder. Die Tannenwipfel rauschen, leise vom Winde bewegt. Jeder Stein, den uraltes Moos wie eine Inschrift überzieht, spricht von vergangenen Jahrhunderten und singt in sich erklingend noch das Sanctus nach, das einst in diesen Hallen tönte. Wer pflanzte den Hollunderstrauch in jene Nische, wo einst die Heiligen aus bunten Farben in den Fenstern prangten? Wer säete Heidekraut