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eine ganz helle Krystallwelt sehen, auf der Alles anders aussieht, wie auf der unsern. Wenn der Mann mich lange und prüfend betrachtet, fühl' ich Etwas von den Vampyren, die schon mit ihren Blicken Andern das Leben aussaugen. Verpflanzt doch nur einmal einen solchen Mann, wie mir Siegbert Wildungen ja von einem lateinischen Schulmeister, dem grossen Winkelmann, erzählt hat, verpflanzt ihn aus einem Städtchen in der Priegnitz oder Altmark von seinen Büchern und seinen häuslichen Jämmerlichkeiten hinweg nach Rom und zu den Göttern Griechenlands .... Doch wohin verirr' ich mich? Was sind Ihnen, Bartusch, die Götter Griechenlands! Bellen Sie weiter, alter Cerberus!

Das Gebell der Hunde, fuhr Bartusch fort, indem er an den kleinen Backwerkresten kaute, die sich noch auf den Tellern fanden; das Gebell der Hunde kann indessen auch von mancherlei Abends und über Nacht angekommenen neuen Besuchern und Durchreisenden des Orts herrühren.

Endlich! Endlich!

Da ist zuvörderst zu erwähnen, sagte Bartusch, dass mitten in der Nacht eine Depesche an den Herrn Intendanten einlief, deren Inhalt sich aus der grossen Eile abnehmen lässt, mit der heute schon in aller Frühe das Geschäft der Einpackung begonnen hat.

Daher also das frühe Hämmern und Poltern, das mich nicht mehr einschlafen liess? sagte Melanie und trat ans Fenster.

Himmel, rief sie, was soll der geschmacklose Wagen?

Man legte die Gardinen zurück und entdeckte im inneren hof einen langen und breiten Transportwagen der Art, wie man sie in grossen Städten bei Umzügen braucht. Die Pferde waren ausgespannt. Hinten der weitläufige Raum halb geschlossen. Zu gleicher Zeit sah man auf dem andern Flügel schon die Excellenz mit ihren beiden Bedienten in voller Tätigkeit, Befehle erteilend, hier und da beim Emballieren zur Behutsamkeit mahnend, sonst aber schon in gewählter Toilette und die gelegenheit wahrnehmend, ob der geöffnete Zipfel des Vorhangs an dem schon lange von ihm fixirten Fenster nicht Etwas von seinen weiblichen Bewohnern zeigen würde. Als er eben grüssen wollte, liess die Mutter rasch den Vorhang fallen und Melanie rief lachend und mit komischem Patos hinter dem schützenden Versteck:

Bist Du es denn, Mann mit den himmlischen kleinen Ohren? Alp meiner Seele, der mich eine Nacht gekostet hat, die ich auf dem Kalender unserer jungen Liebe als eine verlorene ausstreichen muss! Blinzle nicht so gefahrvoll herüber! Mässige das Feuer Deiner Augen, vortrefflicher Don Quixote! Fürchtest Du nicht, dass ich, angezogen von dem süssen Lächeln Deines mit so kunstvollen pariser Zähnen geschmückten Mundes zu Dir hinüberfliege und da das prächtige Buch in dem grünen Sammeteinband mit dem goldenen Schnitte Dir aus der Hand reisse und rufe: Mein! Mein? Ja mein, weil Du es berührtest! Schlag es nur auf, Mann! Lächle nur! Es ist die Bibel, das Buch aller Bücher, worin das Hohe Lied Salomonis steht, das ich singen werde zur Geige und Flöte, wenn ich komme, um Deine kleinen Ohren mit Rosen zu umkränzen! Da notirt er es in einem langen buch, vielleicht gerade Nummer sechzig, die eine schnöde Anspielung auf Deine Lebensgeschichte entält! Aber Bartusch, Mutter, seht nur, es ist ein Staatsdiener, der das Vertrauen seines Fürsten verdient, selbst die verwesten Blumen, die da noch in der chinesischen Vase stehen, betrachtet er, ob sie dem staat verfallen sind oder nicht? Nimm sie! Nimm sie! Es sind ja die vortrefflichsten Strohfäden für das Haar unserer neuen Ophelia, meiner Freundin Friederike Wilhelmine von Flottwitz, die aus Liebe zum Prinzen Egon, wollt' ich sagen Ottokar, dem Oberbefehlshaber der bewaffneten Macht, bereits närrisch geworden ist ....

Kind! Kind! sagte die Mutter, nimm Dich nur selber in Acht! Das Abenteuer mit dem Incognito bringt Dich um alle Vernunft. Es ist nichts damit; denn Bartusch scheint uns zu foppen und von einem Fremden mit lichtbraunem Haar nichts zu wissen.

Doch! fuhr dieser aus seiner Fassung nicht zu bringende Mann fort; wir haben nunmehr die Wahl zwischen drei fremden Personen, die seit gestern Abend angekommen sind. Denn den Kurier, der wahrscheinlich wegen der hier vermuteten Anwesenheit des Prinzen Egon zur schleunigsten Beschlagnahme der drei Zimmer der Fürstin geraten hat, rechne ich nicht ....

Rechnen Sie ums himmels willen nicht! rief Melanie ungeduldig. Sagen Sie, wer von den Dreien dem Siegbert Wildungen ähnlich sieht?

Ich kenne den jungen Maler nicht, bemerkte Bartusch; aber eine gewisse person, die man gestern tief in der Nacht hier ums Schloss hat schleichen sehen und die durch dieselben Hunde, die ich schon aus zwei andern Ursachen bellen liess, verscheucht wurde, kann es nicht sein. Sie hatte rote Haare ....

Das war Hackert, sagte die Mutter unmutig ....

Melanie schwieg.

Er muss sich den Garten heraufgeschlichen haben, verschwand auch dortin, als die Bedienten des Intendanten, die drüben in den Zimmern abwechselnd wachen, ihn entdeckten, das Fenster öffneten und anrufen wollten. Wo er Obdach gefunden, weiss man nicht; auch Niemand sonst hat ihn irgendwo im dorf unten gesehen.

Mutter und Tochter schwiegen ernst.

Dann, fuhr Bartusch, die Pause benutzend, fort, dann ist zu nennen ein älterer Mann, der in der Krone unten angekommen mit einem allerliebsten Knaben. Der Fremde nennt sich Ackermann. Herr Ackermann soll sich geäussert haben, er käme von einer weiten, weiten Reise und hat hier im Dorf aufsehen gemacht durch das viele Seltsame und Abenteuerliche,