. Die Not des Winters treibt noch Wölfe von ihren waldigen Schluchten herab. Niederwärts sich senkend, erheitert sich aber die Flur und dem Strome zu wächst die Rebe und der Nussbaum und volkreiche Städte, Weiler, Kirchen, Kapellen und Schlösser verraten, wie traulich es sich am mäandrischen Versteckspiel seines Pfades wohnen lässt, unbekümmert um den Wolf und den Adler, die dem Grenzjäger oder Schmuggler begegnen mögen und Denen, die in der Höhe über Geklüft und Dickicht die verstecktesten Wege kennen. Sonst waltete hier die milde herrschaft des Krummstabes. Noch sind die Alleen von Buchau lebendige Zeugen der Welterrschaft des Geschmakkes von Versailles, noch hat des treuen Mangold englische Naturkunst die Kunstnatur der erzbischöflichen Gärten nicht ganz austreiben können. Und zu den geschweiften Formen des Schlosses, zu diesen chinesischen Pavillons, zu diesen Friesen und Kannelirungen gehört ja auch die alte Gartenscheere, gehört ja auch der Zopf Lenotre's, der Puderstaub auf Blätterwuchs und Baumgeheg.
Schloss Tempelstein, das sich auf eine Stunde Weges vom ebengelegenen Buchau und der Krümmung des Stromes wegen doch ihm fast gegenüber erhebt, ragt schon mit Türmen und Altanen aus Baumgruppen, Felsvorsprüngen, Waldumkränzungen frei und zwanglos empor. Noch ist der Bau nicht vollendet, den Dystra mit seltenen Hülfsmitteln sich in dieser abgeschiedenen Gegend zu einem englischen Kastell mit Jagdgeheg und Boulingreen, zu einem Alhambra mit Springquellen aus Löwenmund, Bogengängen und Blumenterrassen zaubert. Es wird lange währen bis zu seiner ganzen Vollendung. Aber in diesem Sommer ist die alte Ruine schon nicht mehr aus ihrer neuen Umkleidung zu erkennen. Der Weg empor ist schon gebahnt. Ein untres Wohnhaus für den Winter, selbst dem verwöhntesten Lebemann, bewohnbar. Bis zur brücke, die zwei Felsen verbindet und an ihren Rändern gestattet, auf ihnen die Spitzen von tief aus der Schlucht aufragenden Buchen und roten Blutfichten mit der Hand berühren zu können, ist Alles eben, links und rechts mit grossen Gewächsvasen aus gebranntem Ton geziert. Dann kommen Stufen, die schon sicher und bequem zu betreten, wenn auch noch nicht geschmückt und eingefasst sind. Oben schon sprudelt die Fontaine, die das grosse Plateau zieren wird. Auf diesem Plateau will Dystra die Dorfjugend tanzen lassen, wenn er in seinem Geschmack immermehr, wie er sagt, den "Rosen des Herrn von Malesherbes" näher käme. Wie glatt musste dieser Marmor also geschliffen sein! Die Platten lagen schon im Vorrat und wurden schon bearbeitet. Das Burgtor öffnet sich. Das Wappen Dystra's hatte sich hier als eine verzeihliche Konsequenz seines Ahnenstolzes eingefunden, da er meinte, man sollte ihm diesen Stolz auf die Vorfahren lassen, da es doch schiene, als wenn ihm schwerlich noch etwas nachfahren würde. Die Zugbrücke war von Ketten und Eisendrähten. Alle Mauern hatten Nischen zu Statuen, Blumen, Springquellen oder, sagte Dystra, zu ewigen Lampen, wenn entweder Olga oder Paulowna oder ihre Mutter, denn Einer droht das Glück, Baronin Dystra zu werden, in Verzweiflung darüber auch katolisch würde. Nur einen Nepomuk auf die Zugbrücke, sagte er zu Rudhard, der ihn von Brüssel oft besuchte, nur den würde' ich mir verbitten; dieser Heilige macht mir bei jeder brücke erst recht den Schwindel, den er vertreiben soll. Der dritte teil des Schlosses war schon bewohnbar. Die ausgesuchteste Einrichtung zierte vom Dollond eines Belvedère herab bis zur praktikabelsten Kochmaschine des Kellergeschosses den linken Flügel, dessen nächste Umgebung bereits jetzt von Kalk, Mörtel und dem Lärm der Maurer und Steinmetzen verschont war. wild und wüst freilich sah es in der Mitte und am rechten Flügel noch aus, der teilweise in einen Felsen hineingebaut wurde und einen schroffen, jähen Abhang darbieten sollte, für etwa verzweifelt Liebende, wie Dystra sagte, oder für Blaubärte, die sich hier ihrer neugierigen Frauen entledigen wollen, falls der unterirdische gang, der hinten in den Wald und die Tempelabtei führt, nicht von strengen Ehemännern zu den Marterkammern und lebendigen Einmauerungen lieber benutzt wird. Diese Abtei war als Ruine ganz im alten Style gelassen und nur vom Schutt und Gerölle befreit und an zu schadhaften Stellen durch Ergänzungen unterstützt. Ein schöner Rest mittelalterlicher Kirchenbaukunst lag die Abtei fast schon im wald und bot einen heiligen, das innerste Herz bewegenden Anblick.
Dystra lebte nun fast ein Jahr schon am fuss des Schlosses Tempelstein, das selbst er nur zuerst von seiner Schicksalsverhängten aus der Familie Wäsämskoi bewohnt haben wollte, in der eleganten Villa am Aufgange, dicht am Flusse, nicht tausend Schritte weit entfernt von dem dorf Buchau, das den Tempelstein vom schloss Buchau trennt. Der Verkehr mit gegen Hundert Arbeitern bot ihm die angenehmste Zerstreuung. Im Übrigen hing er auf's Lebendigste mit allen den Beziehungen zusammen, die durch die Namen der Brüder Wildungen vertreten sind. Dankmar flüchtete sich zu ihm und wohnte drüben jenseits des Gebirgskammes. Siegbert kam zuweilen von Antwerpen. Rudhard kam mit den Kindern Rurik und der heranwachsenden Paulowna. Leidenfrost war immer zugegen; denn er war es, der den Tempelstein ausbaute. Niemand kannte ihn. Er galt für einen fremdherverschriebenen Architekten. Auch Werdeck, der in Paris lebte, liess sich zuweilen mit Vorsicht sehen. Louis Armand lieferte die Ausstattung der Zimmer, die Boiserie, die Vergoldungen, das Glas. Er machte seine Einkäufe in Belgien und den Niederlanden. Man kannte die Hundert von Menschen nicht, die hier abund zugingen. Dystra machte nur die Bedingung der Vorsicht und sie wurde ihm gewährt, noch gewissenhafter befolgt. Siegbert's Zeichnungen für die Glasfenster, die Leidenfrost in einer nahegelegenen Glashütte selber brennen lassen