1850_Gutzkow_030_877.txt

; auch das Kind, das Pauline von Ried, geborne von Marschalk, jenem falschen Spieler und Abenteurer, dem Kupferstecher Zeck, geboren, Paul Zeck, getauft in der Stille zu Seehausen vom Pfarrer Lattorf, wurde von ihr den ruchlosen Verwandten des Betrügers übergeben, verkauft, von diesen, Mördern und Gaunern, ausgesetzt und wuchs herauf zur abschreckendsten Ähnlichkeit mit seiner Mutter! Noch lebt Paul Zeck, lebt unter uns, in dieser Gesellschaft, ein Jüngling von dreiundzwanzig Jahren, voll Lug und Trug, verschmitzt, verworfen, zu jeder Gewalttat fähig und nichts, nichts, als den Namen seiner Mutter suchend! Jetzt geh' ich zu dem Mäkler Reichmeier, der Fürst aber geht zum König, und Sie, Pauline, sollten gehen und Paul Zeck suchen, einen Fund, dessen Verdienst in seiner Unermesslichkeit ich Ihnen nicht schildern kann. Denn Paul Zeck muss leben, darf nicht auf's Neue Mördern anvertraut werden, darf nicht auf's Neue um ein Judasgeld von dreitausend Talern von der Erde weggeweht werden, Paul Zeck darf seine Mutter nur unter dem Schutze der Gerichte finden, damit er nicht verschwindet, gemordet von Charlotte Ludmer, Pax und den Helfershelfern Paulinen's von Harder!

Wenn Rodewald nach diesen Worten das Zimmer hätte verlassen wollen, würde er durch die Art, wie die Geheimrätin diese Entüllung aufnahm, daran verhindert gewesen sein. Denn jedes seiner entsetzlichen Worte hatte ihm gleichsam Pauline abgeschnitten, jeder neuen Tatsache hatte sie sich gleichsam körperlich entgegengeworfen. Sie suchte sich dem furchtbaren Sprecher bei jedem Atemzuge zu nähern, wollte seinen Arm ergreifen, versuchte vor Verzweiflung fast mit ihm zu ringen.

Als er aber dennoch geredet, dennoch geendet und schon längst die geöffnete Tür in der Hand hatte, stürzte Pauline, die vor ihm auf der Schwelle stand, ihn zurückhalten wollte, von dannen und rannte wie eine von den Furien Gepeitschte auf die Ausgänge der Zimmer und der Etage des Hauses zu, sank wie Eine, die in der Luft dieses Palastes zu ersticken fürchtete, fast die Stiegen hinab ... Die draussen harrenden Bedienten mussten sie für wahnsinnig halten, als sie die Treppe niedertaumelte und besinnungslos vor dem Portal in ihrem Wagen verschwand.

Wie sie schon davonrollte, lag Egon noch dankerfüllt, zum Himmel aufblickend in Rodewald's Armen. Er war auf den Vater, wie befreit von Harpyenkrallen, zugestürzt, hatte in stürmischer Überwallung seiner erlösten Gefühle ihn an sein Herz gezogen, ihm Stirn und Wangen schon mit Küssen bedeckt ... schon das Wort auf den Lippen ... das entscheidende, das entsetzlich geheimnissvolle ... aber Rodewald liess Nichts davon geschehen ... er nahm kein Recht in Anspruch, verriet keines zu besitzen, gebot der stimme der natur, blieb demütig, zog sich zurück, wollte fliehen, schwieg, indem er seine Tränen für sich reden liess. Hinaus! hinaus! hauchte er leise ...

Nein, einen Augenblick, Vater! rief Egon mit bebender stimme, riss sich los, stürmte in sein Nebenzimmer und kehrte nach wenigen Sekunden mit einem versiegelten Pack Papiere zurück.

Lies! sagte er. Es ist das Testament der Mutter!

Rodewald nahm schweigend und staunend die Papiere, wollte sie mit abgewandtem Antlitz ablehnen, hielt sie mit der linken Hand fest und bedeckte sich zugleich mit ihr die Augen, mit der Rechten streichelte er des Fürsten Wange, abgewandt, fast blind tastend nur, wie in den heiligen Büchern jener Erzvater tat, als er die rauhe oder glatte Haut seines Sohnes fühlen wollte, um den rechten Liebling zu erkennen ...

Da mehrte sich die Scene. Die Fürstin trat hinzu ... staunend über die Scene, betroffen von Paulinen's schneller Entfernung ...

Herr Rodewald? sprach sie, den Mann prüfend und die Bewegung dieser beiden Männer nicht verstehend ...

Egon begrüsste sein Weib ...

Rodewald sich sammelnd sagte mit fester stimme:

Durchlaucht sind zu gnädig! Ich werde diese Bedingungen lesen! Ich gehe zu dem Bankier, um ihm die Befehle des Fürsten von Hohenberg selbst zu überbringen.

Damit ging Rodewald in der Tat, der Fürstin sich achtungsvoll verbeugend ...

Die Fürstin, sich nicht zurechtfindend, fragte, als sie allein waren:

Aber hattet Ihr Scenen? Was war Das?

Nur eine Verständigung! sagte Egon. Ich gebe mein politisches Amt auf. Die Güter behält Rodewald. Wir Beide reisen. Jetzt zum König und das glänzende Elend auf immer geendet!

Egon rang sich von seinem zitternden weib liebevoll los ... Über Melanie blitzte ein Schimmer von Glück, ein Strahl von Hoffnung, von dem sie sich sagte: Endlich die Wärme des Gemüts? Was ist ihm? Was bricht da das Eis dieses ewig kalten Verstandes? Ist er denn auch der Liebe fähig und wärst du dann noch würdig, ihn zu besitzen?

Ein Glück für sie, dass sie den Namen nicht wusste, der gleichsam von Rodewald hier als ein triumphirendes Paroli gegen Egon geboten war, den Namen Fritz Hackert's, Paulinen's Sohn! ... So blieb die Freude ... ungetrübt.

Dreizehntes Capitel

Der Tempelstein

An dem äussersten Ende eines der vielen kräftigen Nebenarme unsres grossen, meergrünwallenden Stromes bilden die Uferwände einen Ausgangspass auf fremde Länder, neue Sprachgebiete. Düster blicken wie Grenzwarten die tannengeschirmten Gipfel des Gebirgskammes, der Deutschlands natürliche Grenze ist und der im Süden uns noch Lotringen zuweist und das Elsass. Auf diesen Höhen horsten noch Adler