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ist? Hängen meine Entschliessungen nicht von mir selbst ab?

Durchlaucht! rief Pauline in bitterm und drohendem Tone. Dann sich zu Rodewald wendend, sprach sie herrschend:

Was wollen Sie mit den Gütern? Gehen Sie! Sie haben noch keine Aufträge vom Fürsten empfangen. Herr von Reichmeier wünscht keine Unterhändler ... Gehen Sie, gehen Sie, Herr Generalpächter! Man vermisst Sie vielleicht in Tempelheide ... ich glaube, Ihre Angelegenheit mit Sr. Durchlaucht ist im Reinen ...

Die wirkung dieser schneidenden Worte war auf die beiden Männer die verletzendste. Sie hatten sich ja Beide nichts zu gestehen, hatten sich ja nichts zu sagen, was ihre Stellungen geändert hätte. Aber wie sich denn doch ein Drittes da so gewaltsam zwischen ihre zart in Eins gesponnenen Lebensfäden warf, zuckte es in ihren Nerven wie mit einem einzigen Schlage; sie waren verbunden und handelten übereinstimmend, sie wussten nicht wie ...

Doch mässigte sich Rodewald. Er sagte nur, sich zum Gehen wendend:

Frau von Harder, ich bin hier, um die Befehle meines Herrn zu vernehmen ... Ich bin der Pächter Rodewald, ich trage die Spuren der Mittagssonne auf meiner Stirn und meine hände fassen sich härter an, als einst, obgleich sie doch noch keine Schwielen haben und mich nicht zum Bauern und Knechte entwürdigen ...

Vergessen Sie nicht! rief Egon dem Scheidenden nach. Was ich von Herrn von Reichmeier sagte ... es bleibt dabei ... Und Sie, gnädige Frau, die Zeit drängt. Ich will zum Könige ...

Damit deutete Egon an, dass er allein in seine Zimmer zurück und auch Paulinen entlassen wollte.

Diese fasste aber seine Hand ...

Er lehnte sie ab und rief mehrmals:

Ich habe Eile, ich muss zum König!

Pauline ertrug aber diese Abweisung nicht. Eine solche Form ihres Verhältnisses zu Egon, Rodewald zur Schau gestellt, liess den Zorn in ihr überschäumen. Sie war die Allmächtige gewesen, sie hatte sich gewöhnt, Egon zu beherrschen, sie wusste, einzig, ausser der Ludmer und Rodewald, welches geheimnis auf dem Ursprunge des Fürsten lastete und in diesem Augenblicke verliess sie die Grossmut. Sie rief dem Fürsten, der schon an der Tür stand, nach:

Was ist hier beschlossen worden? Bleiben Sie! Rodewald! Ich bewundere Sie, Fürst, dass Sie mich zwingen, den Abschied zu stören, den Rodewald von den Zügen jenes Bildes zu nehmen scheint ...

Rodewald hatte sich in der Tat dem Bilde der Fürstin zugewandt, hatte in der Tat ihm gleichsam allein den Anblick seines Schmerzes in der Stille anvertraut ...

Frau von Harder! rief Egon zusammenzuckend ...

Die Erinnerungen erwachenhüten Sie sich, Egon! antwortete diese leise und dann steigernd. Zweimal hat dieser Mann, der in Amerika seine Vergangenheit hätte begraben sollen, das Vertrauen der treuesten Menschen betrogen ... ich kenne in diesem haus des Fürsten Waldemar von Hohenberg keine Tür, die mich zurückführt! Fürst Egon, seien Sie besonnen ... ich meine, dem König gegenüber!

Diese zuletzt grelllauten Worte kamen wie aus der Hölle. Egon verstand sie sogleich, Rodewald erriet sie. Der Fürst erblasste. Er sah die wutgeborene schäumende Rache, die ihm drohen konnte: Vergiss nicht, wer du bist und wer da weiss, wer du bist! Rodewald aber, vor der Betonung des Fürsten Waldemar, des Fürsten Egon schaudernd, bebend selbst vor dem Blicke des Hohnes und der Superiorität, die in den Worten der in der leidenschaft ihrer selbst nicht mächtigen Frau lag, überschaute sogleich das ganze verhältnis mit einem Schlage und mit blitzschnell in ihm auffahrender Gewissheit: Allmächtiger Gott, Egon kennt sein verhältnis zu dir und dies Weib ist die einzige, die es ihm verraten hat! trat er entschlossener vor, ergriff den rechten Arm der wilden Frau, hob diesen empor und rief feierlich:

Pauline von Harder!

Rodewald! erwiderte die Unbesonnene wie im Echo, höhnend, trotzend sich losreissend und den Fürsten so kalt, so herzlos von Unten nach Oben messend, dass Egon zitterte, Rodewald aber sich nicht länger hielt, sondern wie ein Seher in flammendem Zorn, dicht auf sie zutretend, hervorbrach:

Pauline von Harder! Ich betrachtete in diesem Augenblicke die Engelzüge Amanda's von Hohenberg! Sie flüsterten mir zu: Es gibt ein Weib, das der namenlose Drang des Ehrgeizes verführt hat, von Extrem zu Extrem besinnungslos zu taumeln! Ein Weib, das ein Erdendämon sogar den Irrweg zum Herzen meines Sohnes führte! Rodewald, sagen Sie dieser Frau, flüstert mir die Fürstin zu, sagen Sie ihr, dass Sie in Amerika wirklich Ihre Vergangenheit liessen, wirklich vergassen, an Das zu denken, worauf Pauline noch meinem Sohne gegenüber mit giftigem Stachel deuten kann; sagen Sie ihr aber auch, dass in Amerika noch eine zweite Vergangenheit begraben liegt, die Vergangenheit Paulinen's von Harder! Ein Friedrich Zeck hat gelebt und an dem Ufer des Hudson, in dem er sich das Leben nahm, ein geheimnis hinterlassen, das einzig auf der Welt nur Sie und mein Sohn wissen sollen! Nicht genug, dass der Falschmünzer Baron Grimm auf zwanzig Jahre durch Pauline von Harder und ihre Helfershelferin Charlotte Ludmer in einen Kerker geworfen wurde, in dem der Unglückliche schon nach dem ersten Jahre hätte sterben müssen, wenn nicht Zeck, genannt Baron Grimm, die Mittel zur Flucht vor seinem gewissen tod gefunden hätte