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. Dennoch hätte sie aus Neugier Rodewald erblicken mögen, hätte sehen mögen, wie er wohl geworden durch die Zeit, wie der Fürst den Verräter an ihrem Herzen wohl aufnahm, wie Vater und Sohn sich wohl begegneten .... Sie öffnete das Vorzimmer. Sie hörte Egon's laute, gellende, an Wohlklang täglich einbüssende stimme. Sie kannte diese reizbare Sprache, sie wusste sogleich, dass er in Erörterungen begriffen war, die sich auf seinen Entschluss bezogen, das Ministerium niederzulegen. Ihr wäre mit diesem Schritte die schmerzlichste Erfahrung, ja eine Niederlage bereitet worden, von der sie sich in diesem Leben nicht wieder erholen konnte. In die elende kleine Teaterwelt ihres Gatten einzutreten, da zu intriguiren, da Fäden zu lenken? Welch ein Abfall von der Rolle, die sie jetzt unter den Parteien, in der Presse, im Ministerium, in der Welt spielte! Nein! Nachgeben, akkommodiren! Das ist unerlässlich! sprach sie vor sich hin und lauschte auf Rodewald's Worte, auf Egon's Erwiderungen.

Die Wendung des Gespräches hatte eine mildere Tonlage angeschlagen. Es traten Pausen ein. Man sprach leiser. Egon hatte etwas in der stimme, wie Kleinmut, Rodewald etwas wie zutraulich Ratendes, Tröstendes. Man schien sich zu nähern, sich besser zu prüfen. Sie begriff nicht, welchen Vorteil sie von einem offenen Austausch der beiderseitigen Geheimnisse ziehen sollte, aber so viel hörte sie, dass Egon wie ein gebeugtes Rohr dastehen musste, das im Winde wehte. Rodewald sprach von der sorge, die er den Gütern widmen wollte, ihr war diese Fessel schon recht, aber Egon sprach von Entsagung. Entsagung! Dies immer ihr so fürchterlich gewesene Wort! Sie hörte, dass Egon an den Tisch getreten sein musste, auf welchem noch das verblasste Pastellbild seiner Mutter stand. Was wird geschehen? dachte sie und überlegte einen Entschluss ...

Sie kannten also meine Mutter? hiess es drinnen mit schwacher stimme.

Rodewald's Antwort blieb aus. Sie hörte es nur nicht, das leise hingehauchte, ernste Ja!

Finden Sie die Züge ähnlich?

Rodewald erkannte das Bild aus der Mondnacht im Heidekruge ... sprach auch etwas ... Sie aber hörte wieder keine Antwort ...

Egon sprach von Landeck, wo Rodewald die Mutter zum erstenmale sah ...

Landeck? Wie endet Das? flüsterte sie fast zu laut, erbebend, vor sich hin.

Man verliess jedoch drinnen diese gefährlichen Erinnerungen, man kehrte auf die Abdankung des Fürsten zurück, auf eine von ihm bezweckte Reise im südlichen Europa, man sprach von Melanie, der Fürstin, Egon rühmte die edle Selbstlosigkeit seiner Frau, er sprach von Freiheit und Erlösung von drückenden Fesseln, Pauline durfte jeden Augenblick erwarten, dass sein zitternder Ton, der die bewegte Rührung des Herzens verriet, sich gänzlich der Wahrheit gefangen gab und wohl gar eine Umarmung hier die Stelle der Worte vertreten konnte. Doch trat dieser Moment nicht ein; wohl aber war es ihr, als rafften sich Beide, so gegeneinanderstehend, aus ihren Träumen auf und deutlich hörte sie nun den Fürsten sagen:

Leben Sie für heute wohl, Rodewald! Ich fahre zum König, um meine Abdankung eben einzureichen. Man wird, ich weiss, sie jetzt mit Freuden annehmen. Es liegt im Wesen der Monarchie, dass sie allen Denen, die ihr Maass im Dienen voll haben, die sich des Hasses und der Verfolgung für den Bestand der hohen Herrschaften nachgerade zu viel zugezogen haben, gern erlaubt, sich mit ihrem Übermaass von Makel und kompromittirendem Rufe vom Trone zu entfernen, um Neue heran zu lassen, die, wenn wieder deren Maass voll ist, wiederum das Weite suchen mögen, und so fort! Sagen Sie Herrn von Reichmeier, dass ich also die Güter behalte, dass ich sie Ihnen dauernd überlasse. Sagen Sie Allen, dass ich reise, diesen Schauplatz meines Wirkens verlasse, müde bin einer StellungWeiter liess aber Pauline von Harder diese Sinnesänderung nicht anwachsen. Die Eifersucht auf Rodewald überfiel sie wie in der alten Zeit die Eifersucht auf Amanda. Die Fürstin Amanda war ihr in diesem Augenblicke fast wie ein Schatten entgegengetreten, der ihr den Sohn entriss und zurück in die arme des Vaters führte. Wie? Entsagung diesem wunderbaren Wollen und Wirken? Nein ...

Sie trat ein ... Die Männer staunten. Rodewald erkannte Paulinen sogleich, ob sie gleich furchtbar gealtert war. Doch ihre Hoheit verriet sie sogleich. Er erkannte das düsterblitzende Auge, er sah die Momente der Eifersucht aus alten zeiten wieder. Das ist Pauline! sagte er sich.

Fürst, die Ungeduld treibt mich ... Haben Sie einen Entschluss gefasst?

Herr Rodewald! sagte der Fürst, den Dritten gleichsam vorstellend ...

Ich weiss, sagte sich abwendend Pauline. Rodewald! Ich bin Pauline! Sie kennen mich? Rodewald! Was wollen Sie, Rodewald? Warum sind Sie hier? Hier in diesem haus? Was mischen Sie sich in Verhältnisse, Rodewald, die keinen Bezug auf Ihr Leben haben könnenwenn Sie ein Mann von Ehre sein wollen!

Egon übersah, dass Pauline, die so losbrechend Rodewald für eine Wahnsinnige hätte halten können, gelauscht hatte ... Die Möglichkeit unzeitiger Ausbrüche von Drohungen und Entüllungen dieser Frau war ihm peinlich genug. Aber es war Egon's Art nicht, wenn er fürchtete, gleich feige zu sein. Er stampfte fast mit dem fuss und fragte:

Was