1850_Gutzkow_030_874.txt

nicht weiter; bei jeder neuen Tatsache trat er wie auf Fussangeln und dabei diese ruhige Aufmerksamkeit des würdigen Mannes, der nur hörend vor ihm stand, dies leuchtende Feuer, das in Rodewald's Augen zuckte, dies sichtliche Behagen in der Annäherung an Egon's menschlichere Regungen ... er musste sich selbst unterbrechen und liess Rodewald ruhig gewähren, als dieser sagte:

Ich freue mich des warmen Anteils, den Durchlaucht noch an den persönlichen Schicksalen geringerer Menschen nehmen. In dem Bunde der Ritter vom geist und was mit ihm zusammenhängt, liegt nicht die grösste Gefahr unsrer Zeit. Verkleinern will ich die Bedeutung dieses Bundes nicht. Ich glaube, dass es schwierig ist, die Tatsachen der Gegenwart so zu verwalten, wie sie sind und dabei den Geist gegen sich zu haben. Dieser Geist, Durchlaucht, ist keine doktrinäre Wahrheit, etwa irgend eine neue Philosophie, sondern nur das Gefühl der furchtbarsten Entmutigung, die plötzlich Jeden doch in seinem Wirken überfallen muss, wenn ihm Etwas sagt: Du irrst dich, die geschichte hat zu allen zeiten etwas Andres gegeben, als was selbst Die, die dem Neuen am nächsten standen, ahnten! Und Jeden schreckt so diese Vorstellung, den Geist gegen sich zu haben, zusammen. Selbst den Nüchternsten, den Erbärmlichsten der Sinnenmenschen, den Reaktionär aus Existenzinteresse, überkommt die Vorstellung, dass der Geist gegen ihn wäre, wenn auch nur unter der Vorstellung: Wenn ich tot bin, mag kommen, was da will, aber so lange ich lebe, soll Das und Das u.s.w. – und überall in alle Karten, die gemischt werden sollen, in alle lauten, in alle geflüsterten gespräche mischt sich dieser rätselhafte Dritte, dieser grosse Unbekannte, der hineinsieht in Jedes und immer das Gegenteil von Dem lehrt, was grade begonnen und betrieben werden soll. Daher diese Schwankungen. Die Pole sah noch Niemand, aber die Magnetnadel, die zittert, die fühlt die Pole. Auch Sie, Durchlaucht, werden Verbindungen eingehen, die Ihrer natur nicht gleichartig sind, auch Sie werden, um Alle für sich zu haben, den Kreis Ihrer Teorieen erweitern müssen und wenn das Gerücht wahr spricht ...

Nimmermehr! Nein, nein! unterbrach Egon und übertönte durch die Heftigkeit dieser Ablehnung ein Geräusch wie von einer nebenan geöffneten Tür, die Rodewald hörte, aber nicht Egon. Nimmermehr! Ich weiss, was Sie sagen wollen. Dies Herrschen um jeden Preis hass' ich. Sie kommen aus Amerika. Ich sage Ihnen, dies Herrschenwollen um jeden Preis wird bei uns vielleicht noch einst die Monarchie stürzen. Wir werden natürlich von der Republik immer wieder zur Monarchie zurückkehren, bis sie durch dies Herrschenwollen um jeden Preis nach Jahrhunderten doch unmöglich sein wird und sich eine Staatsform gebildet hat, die jetzt noch Niemand begreift ...

Denken Sie Das, Fürst, sagte Rodewald erstaunend, so gehören Sie zu den Rittern vom geist und jener geheimnissvolle Dritte ist auch bei Ihnen und Ihren Gedanken gegenwärtig. Es ist uns Allen, als trügen wir ein grosses geheimnis in uns, das wir nur noch auszusprechen nicht wagen und das mit unsrer Generation noch vorläufig in die Erde geht ...

Egon blickte auf, denn er erschrak. Diese Worte schienen absichtlich, aber sie waren es so wenig, dass Rodewald vielmehr aufhorchend sagte:

Durchlaucht werden gestört ... Ich gehe ...

Nein, nein, sagte Egon, wir sind allein ...

Es entwaffnete ihn, dass Rodewald, sein eigner Vater vor Gott, vor der Welt von einem Geheimnisse sprach, das man zu grab trage und ruhig von dannen gehen wollte, indem er sich ernst und bescheiden vor ihm, dem Höhergestellten, noch seinem Herrn, verbeugte. Es überflog ihn eine Ahnung von Dem, was diesen Mann bewogen haben konnte, sich seines irdischen Looses anzunehmen und nochmals wiederholte er:

Bleiben Sie doch! Was Sie von meiner Geneigteit zu Koalitionen gehört haben, ist falsch! Wenn ich mich meiner Güter entledigen wollte, so war es nur, um mich frei zu machen und dann für immer dieses Land zu verlassen.

Aber, sagte Rodewald, angezogen von diesen wärmeren Worten, wenn Sie sich selbst bewahren wollen, Fürst, wenn Sie das Ideal von Politik, das Sie im Herzen tragenes ist nicht das meinenicht entweihen wollen durch Vermischung mit Fremdartigem, das Sie hassen, warum können Sie auch so nicht frei von dannen gehen? Lassen Sie Ihr Erbe einem Mann zurück, der es Ihnen erhalten wird! Sind Sie von meinem uneigennützigen Willen denn nicht überzeugt?

Es lag in diesen Worten eine so schmelzende Überredung, dass Egon einen längern blick auf den Sprecher richtete, einen fragenden, fast flehenden, als sollte sein ganzes Dasein ihm sagen: Was willst du mir denn, du wunderbarer Mann?

Das Schweigen, das einen Augenblick eintrat, erschütterte Niemanden mehr als die person, die in der Tat im Nebenzimmer stand und von Rodewald gehört worden war. Es war Pauline von Harder. Zu heftig gefoltert von ihrer Unruhe über Egon's Entschluss, benutzte sie ihr Vorrecht, im Palais Hohenberg jede Tür für eine offene zu halten, überall einzutretten, den Fürsten in seinen entlegensten Arbeitskabinetten ohne Anmeldung zu überraschen. Die Diener hatten ihr gesagt, wer beim Fürsten war. Sie schrak zusammen, als sie den ihr einst so teuren, jetzt im Gewühl der Welt, die sie umtobte, ihr gleichgültig gewordenen Namen erfuhr