wandte sich zum Fenster und blickte mistrauisch nur mit halbem Blicke zu dem Sprecher, der fortfuhr:
Durchlaucht haben aber, wie ich von Herrn von Zeisel höre, über Ihre Besitzungen einen andern Entschluss gefasst ...
Egon hörte kaum. Er dachte nur an das Wort Paulinen's in dem zerrissenen Brief: Man verweist Rodewald des Landes! Er prüfte und forschte. Er wollte in die Stimmung zurück, die ihn einst veranlasst hatte auszurufen: Du bist von Fallstricken umgeben, man wühlt in deinen gefährlichsten Geheimnissen! Was will dieser Mensch? Warum kommt er zurück? Was drängt er sich in deine Nähe?
Und nun stand der Gefürchtete vor ihm. So ruhig, so ernst, so würdevoll ... Ja, sein scharfes Auge entdeckte den Wehmutsschleier über Rodewald's Augen und nur darin noch fühlte er seine Kraft sich sammeln, dass er dachte: Sollte er wagen, dir vertraulich zu tun? Wäre Dies, so hätte ihm ein Gedanke kommen können, der nicht viel anders gelautet hätte, als: Du könntest ihn erwürgen!
Rodewald fuhr fort:
Durchlaucht werden als Staatsmann wissen, dass in keinem Dinge eine plötzliche Reform möglich ist. Die Güter sind vernachlässigt, überschuldet, aber ihr Ertrag ist noch nicht zu ermessen. Die Bodenkraft scheint grösser, als man voraussetzte. Ich fand keine gute Haushaltung und ich bringe noch mehr als ehrlichen Willen, ich bringe Kenntnisse und Erfahrungen, die sich bewähren dürften ...
Sie haben Auslagen gehabt, sagte der Fürst; ich weiss, Sie haben Maschinen bauen lassen – und die Gebäude, die Sie errichteten, ich sah sie selbst mit Vergnügen – sie werden den gegenwärtigen Kaufpreis nur erhöhen ... Sie werden schadlos gehalten werden ...
Ein Verkauf, dem man eine gerichtliche notwendigkeit zu grund legt, hebt mein Pachtverhältniss auf ...
Sie arrangiren sich vielleicht mit Herrn von Reichmeier ...
Ich glaube nicht. Die Landwirtschaft ist so sehr meine leidenschaft nicht. Es müssen sich die Verhältnisse schon ganz besonders nach meinem Wunsche gestalten, wenn ich mir als Ökonom gefallen soll ...
Egon, der fast nur zum Fenster hinaussah, biss sich auf die Lippen. Es lag in diesen Worten Das, was er fürchtete, der Schein von Vertraulichkeit des ihm unheimlichen Mannes und doch war die Betonung nicht auf ihn gerichtet, sie war streng, ohne Weichlichkeit, ohne Zutunlichkeit, sie ging in's Allgemeine.
Der Überschuss, fuhr Rodewald fort, der Überschuss der Aktiva, wenn die Passiva getilgt sein werden, kann nicht so gross sein, dass der Wert einer dauernden Zukunftshoffnung aufgehoben würde. Übereilen Sie diesen Entschluss nicht, Durchlaucht!
Egon brachte jetzt polternd eine Menge von Gründen vor, die in diesen Tagen gegen den Besitz von Ländereien sprächen. Es waren darunter sogar welche aus der Zeit und dem Regierungssysteme hergenommen, sodass Rodewald lächelnd einfiel:
Durchlaucht werden bei einer solchen Motivirung dem Besitzadel das Signal eines allgemeinen Sauve qui peut! geben. Was bliebe von dem Grundbau des Staatsgebäudes übrig, wenn diese Abneigung sich mehrte!
Es würden neue Arbeitsquellen geschaffen, sprach der Fürst jetzt rascher; es kämen die Käufer in die notwendigkeit, den Boden zu mehr als nur zur Unterstützung einer geselligen Repräsentation zu benutzen. Die grossen Güterkomplexe sind eine mittelalterliche idee, die ich bekämpfe. Je mehr wahre Arbeit durch die Parzellirung erzielt wird, desto mehr beschäftigte hände und zufriedene Köpfe. Ich hatte früher auch die Professorengrillen vom Adel, dem ungeteilten Güterbesitz, den englischen Spleen von Majoraten. Ich habe mich auf der Tribüne und im Büreau überzeugt, wohin wir mit dieser Reform vom Adel kommen. Es ist besser, der Adel vermittelt seine Kräfte mit denen der modernen Arbeit und Grund und Boden wird etwas Beweglicheres als bisher.
Gern hätte Rodewald vielleicht erwidert: Und ist die Liebe zu dem väterlichen Boden nicht auch ein Bindemittel der Ordnung? Ist die pflegende und hütende Pietät nicht in deinem staat unterzubringen? Aber in der notwendigkeit zurückhalten zu müssen, vermied er Erörterungen wie diese, die wohl seinen alten romantischen Doktrinen entsprochen hätten. So kam er nur auf das Wort zurück, das er schon gesagt hatte: Er würde sich mit einem Käufer des Ganzen oder Einzelnen nicht einigen.
Der Fürst wandte sich und wagte die halb lächelnden, halb verweisend ernst vorgetragenen Worte:
Das klingt ja fast, als sollte ich allein nur die Ehre haben, der Auserwählte Ihres Fleisses zu sein!
Rodewald verwand diese böse Rede mit Schmerz. Er hätte erwidern können: Allerdings! Ich kannte Ihre Mutter, schätzte sie ... er tat es nicht, er versuchte auf dem geschäftlichen Standpunkte stehen zu bleiben.
Eine Zerstückelung, sagte er, hebt meine Hoffnungen auf. Wenn ich durch den Gewinn des Waldes nicht decke, was ich an der Sterilität des Feldes verliere, wenn nicht eine Lokalität der andern in die hände arbeitet, ergibt sich kein grosses Resultat. Für ein kleines hab' ich bereits zu bedeutende Anstrengungen gemacht. Durchlaucht erklären, dass ich entschädigt werde. Ihr Entschluss steht fest. So hab' ich nichts weiter zu sagen.
Und schon wollte Rodewald, tief erkältet, durchfröstelt bis in's innerste Herz sich zum Gehen wenden ...
Da sagte Egon, überrascht von dieser Entschiedenheit und durch die Abwesenheit aller weitern Wünsche des ihm so nahestehenden Mannes fast beschämt:
Bleiben Sie doch noch! Gefällt es Ihnen denn in Europa wieder? Sie waren viele Jahre in Amerika ...
Fast dreissig Jahre ..