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werden, Das entspricht freilich nicht den Allüren dieser Ästetik und so wählte sie statt der genialen Malice auf die Weltordnung, die eine charakteristische Konsequenz gewesen wäre, eine ihr gar nicht natürliche demütige Unterordnung, statt Byron's den ihr im Stillen höchst langweiligen Tomas a Kempis, statt des unscheinbaren Doktors Feuerbach bei Nürnberg den freilich pompöseren Papst in Rom.

Das Paar stand nun auf ... Die Fürstin wusste, dass sie diese Art von Erinnerungen, wenn Egon fest dabei blieb, nicht durch Scherz stören durfte. Sie wusste, wie Egon litt unter dem Druck seiner Überzeugungen und Pflichten. Er terrorisirte sich ja selbst und weil sie die einzige war, die seine Wahrheitsliebe mit schaudernder Verehrung anerkannte, so tat es ihm wohl, sich, wenn sie ganz stumm war, an sie zu schmiegen und sich mit ihr allein im beruhigten Einverständniss zu fühlen.

Pauline, sagte er im Gehen, Pauline ist grade wie Helene. Diese ertrug nicht, dass ich handelte, Jene wird nie ertragen, dass ich liebe und nur dem Leben lebe. Erst war ich ganz der Sklave des Herzens, nun bin ich ganz der Sklave des Geistes. Ich soll mich beugen unter diese kleinen Zirkel! Ich soll eine Lüge in die wenigstens mir erwiesene Wahrheit meines Herzens aufnehmen! Ich soll die Religion, die Schule, die Wissenschaft einer Richtung überantworten, die nicht die meine ist! Und warum? Um Minister zu bleiben? Um Paulinen nicht von ihrer Höhe herabzustürzen? ... Ich habe diesen Staat gerettet. Ich begab mich in Gefahren, opferte meine Freunde, diente der Gesellschaft, indem ich die Ruhe, Ordnung, den Fleiss, die Mässigung, die Ergebung, das Vertrauen anbahnte. Und immer die Vorwürfe, dass ich die historischen Bedingungen vergässe? Grade diese Monarchie wäre ein Andres als der allgemeine Staat der Vernunft? Grade hier gälte es, Alles in den Personen, nichts in den Dingen zu suchen? Ich ertrug diesen tollen Widerspruch, so lange ich ihn für ungefährlich erklären konnte. Aber jetzt soll ich, da diese Fanatiker des Rückganges sich unentbehrlich gemacht haben und ich auch von den Mittelparteien umgangen bin, mir Elemente aufdrängen lassen, die sich mir nur heuchlerisch unterwarfen, weil ich Mut hatte und nur warteten, bis ich von ihrem schlingpflanzenartigen Wachstum umrankt bin und in ihren Umarmungen ersticken muss! Ich kenne jetzt den leitenden Gedanken des Hofes. Ich war gut für das Zeitalter der Polizei. Zwei Jahre galt es unterdrücken, hemmen, ablehnen. Jetzt träte die Zeit der Organisationen ein! Es ist die Contrerevolution der Adligen und der Pietisten, denen selbst Voland zu allgemein und zu phrasenhaft geworden ist. Wenn die jetzt erledigten Ministerien des Kultus und des Auswärtigen in die hände jener Männer kommen sollen, aus deren Liste ich nicht Einen wählen würde, während der Hof nicht Einen aus der meinen mochte, so hab' ich meinen Weg vollendet und danke dem Himmel, dass Reichmeier's Vorschlag einer Parzellirung meiner Güter und deren successiver Verkauf mir möglich macht, diese Bahn zu verlassen und Rudhard's Vorschlag, meiner Gesundheit wegen mich im südlichen Russland, gradezu in der Krimm oder sonst wo niederzulassen, auszuführen ...

Diese unmutsvoll ausgesprochenen Phantasieen wurden von drei Briefen unterbrochen, von denen einer in rötlicher Enveloppe der wichtigste war; Briefe von dieser Farbe kamen vom hof ...

Der Fürst erbrach ihn zuerst. Aus dem Kabinet des Königs wurde gemeldet, das Interesse der Dynastie verlange unbedingt die Übergabe der erledigten Portefeuilles an die Männer der vom hof aufgestellten Liste. Man sähe um so weniger Schwierigkeiten, als sich ja alle der Präsidentschaft des Fürsten fügen wollten ...

Der zweite Brief war von Herrn von Reichmeier, der die endliche Möglichkeit einer grossen Verkaufsoperation für die nächsten Tage bestimmt zusicherte ...

Der dritte endlich war von Paulinen und lautete:

"Zweimal war ich bei Ihnen, Egon, zweimal wollt' ich Sie beschwören: Opfern Sie diese entsetzliche Hartnäckigkeit! Ich habe Gäste zu Tisch, sonst wär' ich selber da, um Sie fussfällig zu bitten: Richten Sie nicht Alles zu grund! Sie zwingen den Hof nicht! Die Partei der Königin ist zu sehr erstarkt. Sie lehnt sich an die grosse östliche europäische Politik und hat das Einverständniss mit allen Kabinetten im rücken. Sie selbst, Egon, haben die Verfassung für ein Konglomerat von Unsinn und Verbrechen erklärt; darin ist man mit Ihnen einverstanden. Aber Sie haben hinzugefügt: dies Konglomerat drücke für den Augenblick die Bürgschaft der Ruhe und Ordnung aus, man dürfe sie den Mittelparteien, die den Ausschlag gäben, nicht entziehen, dürfe nicht an ihr rütteln, müsse sie als Popanz regieren lassen, um die grösseren Güter des Vertrauens, die Rückkehr zu den Gewerben, die Verschmelzung der Gehorchenden und Regierenden dafür zu gewinnen, bis die Zeit käme, wo die Zungen der Engel oder die Posaunen des Weltgerichtes wieder einmal mit der Menschheit reden würden. Dies zweideutige Wort ist das stündliche Tema der kleinen Zirkel. Man geht so weit, Sie des Einverständnisses mit der Revolution zu bezichtigen. Ich beschwöre Sie, Egon, lassen Sie diese Hartnäckigkeit! Wenn Flottwitz aus P. und Trompetta aus S. in's Ministerium kommen, so haben wir in der Presse und der kammer die Mittel, diese uns aufgedrungenen Ultra-Elemente bald genug auszustossen. geben Sie diese Expropriation Ihres Eigentums auf! Sie wollen das Land verlassen! Sie haben idyllische Ideen wie einst Helene d'Azimont. Sie sind