im tiefsten Süden. Man zeigt dem volk die Uneigennützigkeit der katolischen Kirche in der Heil-, Schul- und Seelsorge. Die Kunst entschieden, die Literatur allmälig sehe' ich schon hinneigen wieder zu einer gewissen unreellen Auffassung des Lebens, wie in der alten romantischen Epoche. Die Damen lesen nur Süssliches, Dämmerliches, Träumerisches. Von dem offnen Übertritt vieler Gebildeten nicht zu reden ...
Die Fürstin verstand, warum sich Egon unterbrach. Er dachte hier an Helene d'Azimont, die den neuesten Nachrichten zufolge nach Paris zurückgekehrt war, dort ihren Gatten sterbend gefunden, ihn begraben hatte und nun auch zur katolischen Kirche übergetreten war. Man hatte erfahren, dass sie sogar mit der alten Mutter Desiré's sich ausgesöhnt hatte, auf dem Quai d'Orsay gemeinschaftlich mit ihr betete und in Notre-Dame, während Rafflard vor den Türen stände und mit den Shawls auf Beide an der Equipage wartete, in der Magdalenen-Kapelle mit zerknirschten Reuetränen oft hörbar schluchze. Heinrichson war Helenen nicht treu geblieben. Eine millionenreiche Engländerin, die für eine Malerin gelten wollte, hatte ihn geheiratet. Helene war um den Glauben an sich und die Welt gekommen ... Das grausame Gedicht des sonst so weichen Oleander hatte auch sein gut teil Schuld daran, dass Helene für alle ihre Schmerzen auf eine letzte Abhülfe dachte und sich vor Egon, vor Olga, ihrer Schwester Adele, vor Rudhard gleichsam einen Panzer und Harnisch des neuen Lebens umschnallte, der ihr zugleich erlaubte, über alles Vergangene, wenigstens scheinbar, eine souveräne Verachtung auszusprechen.
O diese bemitleidenswerte Haltlosigkeit der weiblichen Seele, rief jetzt Egon kopfschüttelnd aus. Wenn die Klänge der Orgel brausend strömen, die Klingel des Hochamts ertönt, der Priester im gestickten Kleide die Ränder des Altars küsst, fühlen diese Frauen wohl eine Linderung ihrer Qual, ihres heissen Durstes nach Wahrheit oder Schönheit? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass Helene im katolischen Glauben nur dieselbe Anregung findet, die Pauline von Harder bei uns in meiner Politik fand. Dieser katolische Glaube besteht nicht aus der Messe, der beichte und dem Rosenkranz allein. Es ist eine so merkwürdig unterhaltende Institution, wenn man in ihr inneres Getriebe treten darf und die reichste, ja leidenschaftlichste Erregung für jeden übrigen Lebens-Augenblick gewinnt, auch ausser der Gottesandacht. Kann etwas lebensvoller organisirt sein als das Ziel und Streben der katolischen Kirche? Ist sie nicht mit rüstigem Mute wieder in den Wettkampf mit der Zeit getreten, hat sich an allen Vorgängen der Staaten, der Kultur, der Kunst, ja selbst der Wissenschaft um so mehr beteiligt, als wir für uns überall auf diesem Gebiete nur Niederlagen sehen? Das Palais eines Erzbischofs ist jetzt wie das eines Ministers. Boten gehen und kommen. Über Alles wird berichtet, für Alles ein Votum abgegeben und die Fürsten, die schon ihren nahen Untergang vor Augen erblicken, klammern sich an diesen Einfluss mit tiefster Unterwerfung, fördern ihn, folgen ihm, selbst wenn sie nicht zur katolischen Kirche gehören. In diesem Kirchenleben herrscht ein ewiges Kommen und Gehen, eine stete Anregung auch durch Männer, die den grossen Vorteil bieten, dass ihnen häusliche und Familienbeziehungen nicht auf den Fersen folgen. Nie klappen diese Menschen gleichsam in ihren Hauspantoffeln, nie hört man von ihnen eine Berufung auf ihre Lebensstellung, auf das los von Weib und Kind. Meine arme Helene vielleicht sucht Gott, vielleicht sogar Christus, aber sie wird auch, in Ermangelung des rechten Heilandes, vorläufig soviel Apostel finden, dass ihr ein neues unterhaltendes Leben aufgehen muss und ihre liebeglühende, in den Extremen lebende Seele nicht Zeit erhält, noch an das Vergangene zu denken. Sie ist reich, sie wird sich das Leben nach allen Dichtgattungen, tragisch, idyllisch gestalten, wie sie es bedarf. Die Elastizität ihres Willens, die Dehnbarkeit ihres Bedürfnisses wird nie ein Ende finden. Über Gründe, Motivirungen wird sie, die im Ewignotwendigen lebt, nie in Verlegenheit sein. Geb' ihr der Himmel die reichsten Züge aus dem Quell des Vergessens und netze ihre heisse Stirn mit irgend einem Tau und wär' es das Weihwasser des Aberglaubens an den weihrauchduftenden Kirchtüren!
Die Fürstin lenkte, da Egon's stimme vor wehmütiger Erregung zitterte, auf Pauline ein und berichtete über die Besuche, die heute die Geheimrätin schon in der Frühe gemacht hatte, aus Furcht, Egon wolle dem hof offen, nicht versteckt weichen, wolle eine Kabinetskrisis eintreten lassen ...
Egon aber fuhr ausweichend fort:
Dieser tollkühne, so liebenswürdige und so gefährliche Dankmar Wildungen hatte Recht, als er mir eines Tages, da von dem Übertritt einer berühmten Frau die Rede war, sagte: Diese Frau handelte sehr inkonsequent oder sie weiss nicht, dass die Nachtigall ein Männchen ist. Überlegte sie, dass Gott es so geordnet hat, dass die Männchen im wald die Herren, die Männchen nur schön sind und nur die Männchen singen, wüsste sie, dass nur eine ihr sonst so seltene Galanterie der deutschen Sprache aus dem Sprosser, der allein schlägt, eine Nachtigall machte, aus der Sonne, die in allen Sprachen männlich ist, bei uns allein eine Dame und den überall weiblichen, überall abhängigen Mond bei uns zum Herrn, zum Maskulinum, so hätte sie in dem konsequenten Streben nach Freiheit und Frauengrösse eigentlich dem Weltenschöpfer den Handschuh zum Kampfe hinwerfen und in die Schule der neuen Ateisten gehen müssen. Aber von den Regierungen verfolgt werden, mit der Gesellschaft zerfallen, von der Aristokratie verdammt und verketzert