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, bedürftiger der Zärtlichkeit, die uns nachgiebig macht auch in anderen Dingen als nur den tändelnden ...

Egon stocherte sich die Zähne, setzte sich auf jene Bank, auf der er einst ausgeruht hatte, als er von seiner Krankheit genas und er die Briefe von Helene d'Azimont nicht mehr lesen mochte ... Das Kissen, das ihm damals Louis Armand ausbreitete, legten auf die steinerne Bank jetzt zwei Bediente, die sich in gemessener Entfernung hielten ...

Die Fürstin war in guter Laune; denn Egon schien es zu sein. Er lobte die Blumen, die Luft, die speisen, die Käfer, die Weine, die Kissen, Alles durcheinander, er, der sonst so wenig lobte, Alles tadelte, Alles gebessert wünschte ...

Ob seine Freude eine wahre oder nur eine erkünstelte war, kümmerte die Fürstin nicht. Sie erzählte in ihrer alten Art Komisches und Spöttisches durcheinander, Eins drolliger als das Andre, und schien dabei sorglos, so blau und wolkenleer, wie der Himmel über ihnen. Hatte sie doch kürzlich erst ein grosses Leid glücklich überstanden ... eines Morgens war bei ihr angefragt worden, ob sie nichts vom Vater wisse? Der Justizrat, hiess es zu ihrem tödtlichsten Schrecken, müsse in der Nacht die Komturei allein verlassen haben, wäre nirgends zu finden, hätte vielleicht ein Unglück erlebt ... Der Schrei ihrer Angst erstickte in der schaudernden Gewissheit, dass sich der Vater vielleicht ein Leids angetan hätte; die Mutter, zu der sie flog, war starr und stumm ... der Vater, hiess es, hat eine Zahlung zu machen ... er wird sich den Tod gegeben haben. Doch bald klingelte es am haus und der Vater kam, heitrer denn je, wohlgemut, aufgelegt, sprach von dem Sonnenaufgang, den er hätte im wald an der Jägerei, an dem bekannten Eierhäuschen, beobachten wollen, leistete die Zahlung aus Mitteln, über die in der Freude der Erlösung von einer schrecklichen Vorstellung Niemand grübelte ... es war dies sonderbarer Weise derselbe Tag, an welchem man Dankmar's Flucht und den Raub des Schreins erfuhr ... Genug, Melanie forschte nicht, sie lebte dem Augenblick und suchte Egon zu erheitern, wo sie nur konnte. Abgegebene Visitenkarten veranlassten sie zu folgendem komischen Bericht:

Seit Frau von Trompetta den Hof in Tempelheide versäumt hat, verliert die Gute um so mehr ihr Gleichgewicht, als ihre Formen sich immer mehr denen eines weiblichen Falstaff nähern. Aus allen Kämpfen, die uns seiter bewegten, ist auch sie nicht ohne ihren Kummer hervorgegangen, aber das öffentliche und das eigne Leid bekamen ihr so wohl, dass ihr gegen die Blutfülle nichts als Kissingen übrig bleibt. In der Ideenwelt scheint sie sich erschöpft zu haben. Das Kanonenboot ist gescheitert wie die deutsche Flotte und von den Künstlern und Dichtern, die für ihre eigne Existenz zu sorgen haben, ist gratis jetzt nichts mehr herauszubekommen. Die Zeit der freiwilligen Albums ist vorüber. Auch ihre stimme hat bei dem Embonpoint gelitten. Dennoch wagt sie jetzt den letzten Versuch, die Liebe des Hofes zu attakiren. Sie hat gehört, dass die Gräfin Altenwyl äusserte: Die Königin fände es auffallend, dass soviel hochgestellte Damen sich um die Neuerung der sogenannten Kindergärten kümmerten; ob sie denn nicht wüssten, dass diese Kindergärten zu der inneren Mission der Demokratie gehörten? Wenn die edlen Damen Etwas für die Kinder tun wollten, so sollten sie sich an den Krippen oder sogenannten Crêches beteiligen. Niemand war von dieser Äusserung betroffener als Frau von Reichmeier, der sie hinterbracht wurde in einem Augenblick, wo sie eben für die Kindergärten eine Sammlung zur Anschaffung von dem darin üblichen Gedanken-Spielzeug eröffnen wollte. Die ärmste Millionärin hatte sich in der Wahl des Mittels, um die Gunst des Hofes zu gewinnen, so entsetzlich vergriffen! Nun entwand sie sich sogleich feurigst den Armen der Demokratie, fuhr zu Frau von Trompetta und hinterbrachte ihr das Wort der Altenwyl. Jetzt haben es Beide höchst entusiastisch mit den Milchfläschchen für Säuglinge und mit den Krippen. Gelbsattel ist dabei auch gewonnen worden, alle frommen Geistlichen, die Mäuseburg, die Fürstin von Sein-Haben-Werden, Alle, Alle wollen sie jetzt die kleinen Milchfläschchen füllen und Krippen bauen. Der Anblick der Trompetta und der Reichmeier unter den Windeln der Creches soll höchst tragikomisch sein. Die Königin hat sämmtliche Creches unter ihre Protektion genommen und der katolische Heiligenschein um die Köpfe der vornehmen Damen nimmt in der Tat so zu, dass ich mir manchmal wie eine Heidin vorkomme und nicht mehr weiss, an was man nun eigentlich jetzt noch recht glauben soll.

Egon lächelte zu dem Humor der Fürstin, die nie verlegen war, ihn zu erheitern, aufzurichten, in seiner öden Vereinsamung zu trösten ...

Ich sehe, sagte er, dass meines Sylvester Rafflard Wirken für den deutschen Norden nun doch von bestem Erfolg gewesen ist. Die Intrigue gegen Helene war nicht seine einzige Aufgabe. Er hat überall schlau die Leerheit und Abspannung der Gemüter hier benutzt, um ihnen die Panacee des römischen Glaubens anzubieten. Wir bauen schon Kirchen für Rom, wir werden binnen wenigen Jahren hier einen römischen Bischof haben und das Frohnleichnamsfest öffentlich feiern sehen unter dem Schutze von Militär und Gendarmen. Die Krankenpflege erzeugt Institutionen, von denen man nicht mehr recht weiss, wurzeln sie noch in Luter oder schon wieder in Rom. Man sieht Schwestern mit wunderlichen Kopftrachten durch die Strassen gehen, als wäre man