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allzu stürmisch auch in ihm wogten und wallten.

Zuletzt dem Schicksal Dankmar's sich wieder zuwendend, sagte Rodewald:

Es nimmt mich Wunder, schon Kämmereischeine der von Ihnen gefertigten Art im Verkehr zu sehen ...

Sie waren von Dankmar ausgegeben für persönliche Zwecke, sagte Zeck. Tausend Taler für die Armen, andre Tausend sind persönlich bewilligt worden. Ohnehin durfte er nur von drei zu drei Jahren Einhunderttausend in Verkehr bringen ...

Wenn ein Verbrechen hier stattfände, ein Unglücksfall, so müsste die Amortisationsklage zulässig sein ...

Ich zweifle ...

Wie? Das wäre ja ein entsetzliches Unglück ...

Man sieht mehr Scheine bereits in Umlauf, als Dankmar ausgegeben hat ...

Falsche?

Ächte!

So wäre der Schrein in die Hand eines Betrügers gekommen ...

Murray stand voll Bewegung auf. Das furchtbarste Mistrauen in seinen Sohn überfiel ihn wieder auf's Neue und vor Schmerz rief er:

Was ist diese Welt! Was ist all' unser Müh'n und Suchen! Oft fühl' ich, dass ich mich dem Wahnsinn nähern könnte!

Nein, nein, sprach Rodewald beruhigend. Es kann nur jenes Geld in Umlauf sein, das Dankmar selbst verausgabte ...

Viel, viel mehr ist in Umlauf ...

Und Dankmar besitzt den Schrein nicht? Hackert ist verschwunden, Danebrand tot, Dankmar weit entflohen. Wer löst diesen Zusammenhang? Wenn die bösen Mächte der Regierungsgewalt selbst

Glauben Sie daran nicht! Der Schrein ist in die hände eines Mannes gekommen, der ihn eröffnete und gewissenlos seinen Inhalt verschleudert!

Dann muss die Amortisation zulässig sein, sagte Rodewald aufspringend; die Papiere müssen augenblicklich entwertet werden. Ich wende mich an den Rat der Stadt.

Diese Anzeige wird Ihnen nichts helfen. Man wird Sie immer darauf hinweisen, dass mit Verbrechern, mit Landesflüchtigen, mit Räubern in solchen Dingen keine Verhandlung möglich wäre, die echten Scheine, sie mögen kommen, woher sie wollten, würden an den Kassen der Stadt in Zahlung angenommen, vorausgesehen, dass die unbekannten gegenwärtigen Besitzer die Termine der Emission einhalten.

Voll Sorgen über diese neue quälende Erfahrung verliess Rodewald den bangen Freund, liess sich von Wechslern und Kaufleuten dieselben Worte, die eben Murray gesprochen, wiederholen, besuchte Oleander, der gleichfalls von Dankmar beruhigende Nachrichten hatte und im Pelikan sich nach dem Fuhrmann Peters hatte erkundigen sollen, dort aber erfuhr, dass dieser in Angerode noch weile, um ein dortiges kleines Besitztum zu veräussern. In Erörterungen über die Hoffnungen der Zukunft ging der Vormittag mit Oleandern hin ... Zu Mittag speiste Rodewald dann in Tempelheide, wo er ausser grosser Beunruhigung über das zunehmende üble Befinden des alten Präsidenten mancherlei andre Nachrichten fand. Dass er den Fürsten noch nicht gesprochen, befremdete nicht, denn Frau von Reichmeier wäre in Tempelheide gewesen und hätte erklärt, der Fürst beeile sich, seine Verhältnisse abzuwickeln, es stünde eine grosse Krisis in der Politik bevor, die ihn vielleicht bestimme, ganz abzudanken ... Von Dankmar waren Briefe gekommen, in denen sich unter Anderem die Stelle befand: Über unser Erbe sollten wir einstweilen noch leidlich beruhigt sein. Wir empfingen einige Tausend von unbekannter Hand aus dem durch den Fall wahrscheinlich gesprungenen Schrein. Der Briefsteller ist ohne Zweifel Hackert. Er versichert das ihm anvertraute Gut zu hüten, soweit es seine Wunden zuliessen; denn dass der Schrein nicht ganz in Trümmer gegangen wäre, hätte man seiner Schulter zu verdanken, die nur noch wenige Stunden lang Kraft genug behalten hätte, das Äusserste zu wagen. Man möchte Geduld haben; er hätte die Loosung bekommen: Zum Tempelstein! und vor Louise Eisold würde er den Fund niederlegen, vielleicht zu ihrem Hochzeittage mit Mangold, da Danebrand ja hätte "dran glauben" müssen ...

Beruhigt durch diese, wie Dankmar erzählte, selbst von einem Verwundeten noch schön geschriebene, aus einem kleinen Provinzstädtchen gekommene Botschaft, wo man unter der Hand fruchtlose Nachforschungen angestellt hätte, machte sich Rodewald auf's Neue auf den Weg, um nun den Fürsten zu sprechen. Seine Mittel reichten nicht aus, mit Herrn von Reichmeier in einen Wettkampf zu treten. Nur die Hoffnung trieb ihn, den Fürsten ermuntern zu können, dass er an der Zukunft seines Erbes nicht verzweifelte und ihn in einer Lage, einem Berufe walten liesse, den er nun einmal, fern vom Treiben der Städte, als den letzten ihm zukommenden, hätte erkennen wollen ... Rodewald versprach, sogleich zurückzukehren und in dem leichtmöglichen Falle, dass der greise Präsident in Anna's pflegenden Armen ausatme, mit den in Eile gerufenen Ärzten männlichen Beistand zu leisten.

Es war fünf Uhr. Ein heisser Junitag. Im Park hinter dem Palais des Fürsten Egon säuselte ein kühlender Luftzug in den Ulmen und Linden, die grade ihre duftigen Blüten entfalteten. Der spät sich belaubende Ahorn, die vor der Blüte dünn beblätterten Akazien bildeten den Übergang aus den dichtern Baumpartien in die jetzt gepflegtere Ordnung des Gartens, wo Rosen und Nelken mit üppigster Farbenpracht grade im Beginn des schönen Blütentraumes waren, der den edelsten Pflanzen nur zu kurz gestattet ist.

Egon und die Fürstin wandelten im Garten ... Nach Tisch pflegten die guten Geister ihm näher zu sein als seine schlimmen. Nicht dass er, mit Menenius bei Shakspeare zu reden, bei "vollem Magen mehr Milde und Erbarmen hatte als bei leerem"; aber die Fürstin kredenzte ihm von den südlichen Weinen, die er liebte, er wurde gesprächiger, angeregter