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Angenommene, dies einmal gelten Sollende! Und so bitter dieser Ausruf, ihn reizte er nicht, dem Teufel zu dienen, der diese Lüge schuf. Er dachte, grade in diesem Misverhältniss von Zweck und Mittel, von Absicht und Einsicht bewege sich die ganze Zeit und das Jahrhundert und still trug er die Rolle, die ihm gleichsam eine andre Ordnung des Weltenplanes auferlegt hatte, still arbeitete er auf eine innere, geistige Ausgleichung des Ungleichartigscheinenden und doch sich Angehörenden hin. Feierlich bewegt war er an die Aufgabe gegangen, jener höhern, unsichtbaren moralischen Weltordnung zu dienen, indem er für Egon väterlich handelte. Ja, er dachte sich: So wirkt ja die Gotteit ganz still und unsichtbar für sich nach ihrem Plan und verkehrt die Pläne der Menschen, und was sollte kommen, wenn die wahre gesellschaftliche Religion nicht eben die wäre, dass das Reich des Guten und Schönen dem Walten der Materie und der leidenschaft immer entgegen arbeitete und sich schon auf Erden eine Harmonie erzeugte, die dem einst brechenden Auge wie ein Regenbogen des Friedens erscheinen, dem nicht mehr Irdisches hörenden Ohre wie Sphärenklang ertönen wird? Ach, und da nun von der Materie gestört zu werden, da nun hören zu müssen: Du wirst aus diesem stillen Zusammenhang deiner höhern Pflichten gerissen, wirst die Werke der Liebe aufgeben müssen! Es tat ihm so weh, füllte sein Herz so mit Trauer, so, dass Franziska Heunisch, jetzt die Pflegerin seines Hauses, sorge um den edlen tragen musste und der Tochter gern sie ausgesprochen hätte, wenn diese nicht selbst des Kummers genug hätte zu tragen gehabt.

Nun kam nach einem neuen herben Winter die dreifache Botschaft: Egon verkauft die herrschaft, Dankmar hat das Erbe, Dankmar ist entflohen! Da hielt es Rodewald nicht länger. Er musste in die Stadt, wenn auch nur auf einige Tage. Er wollte Selma's Freude sehen, wollte den Versuch wagen, den Fürsten zu sprechen, ihn über sein wahres Interesse aufzuklären. Frohbewegt war Alles in Tempelheide, nur den Greis hätte er gewünscht muntrer anzutreffen; er kränkelte seit der letzten Loge und schien bedenklich der Auflösung nahe ... auch über Dankmar's Verlust, den nicht aufgefundenen Schrein, war man in erklärlichster sorge, trotzdem, dass Dankmar selbst geschrieben hatte: Ihn hätte ein edles Mädchen, Louise Eisold, versichert, dass er in Hackert Vertrauen setzen dürfte ... doch wollte er zu Egon gehen, wollte den beklemmendsten Schritt seines Lebens wagen, wollte dem mann in's Auge blicken, den er fast hasste, ob er gleich so mahnend berufen war, ihn zu lieben.

Rodewald hatte sich in der bekannten ehrerbietigen Aufwartungstracht gekleidet, war an der Pforte des Palais gewesen ... der Fürst, hiess es, ist nicht anwesend, ist ausgefahren ... er hatte sich nicht nennen mögen ... aber nach Tisch, hiess es, um fünf Uhr, dann wäre eine gelegene Stunde ...

Er benutzte die Zwischenzeit, in dem wilden Volksgewühl der Brandgasse Friedrich Zeck aufzusuchen. Er fand ihn leicht wieder heraus aus diesen Winkeln und Gassen; denn Jeder kannte den Alten mit der schwarzen Binde, Jeder zog vor ihm den Hut, Jeder fand Gehör, wenn er sich dem stillwirkenden Freund der Armen nahte ...

Rodewald fand "Murray" in Trauer um das Schicksal seines Sohnes Hackert, der Sohn Paulinen's war verschwunden. Sein Anteil an der Befreiung Dankmar's zeigte sich dunkel, aber unwiderleglich. Der einzige, der den sichersten Ausweis hätte geben können, Danebrand, lebte nicht mehr. Ein Schuss der Patrouille hatte ein Leben voll Aufopferung geendet. Man zog, als Licht kam, den Getroffenen aus der Bresche und fand von der besten, edelsten, gutmütigsten und treusten Seele der Welt nur einen Leichnam ...

Rodewald entsann sich von der Willing'schen Fabrik des grossen ungetümgeformten Arbeiters, der damals in Verdacht kam, sein Portefeuille genommen zu haben und sogleich gerechtfertigt wurde. Er stand für eines solchen Menschen beste Absicht und verbürgte nun fast auch Hackert's redlichen Anteil.

Dann ist mir aber meines Sohnes Verschwinden rätselhaft! erwiderte Zeck. Niemand weiss für sicher, dass er mit jener Flucht zusammenhing, ich ahnte es nur und von Ihnen erst hör' ich, dass jenes Mädchen, das ihn zu diesem Abenteuer veranlasst zu haben scheint, den Namen Hackert's in Verbindung mit Dankmar's Befreiung nennt. Verdacht ist genug ausgesprochen worden. Pax war hier. Alle Welt ist befremdet über Hackert's Verschwinden. Man will auch einige Kennzeichen seines Anteils an jener Flucht wohl gefunden haben. Man behauptet, nur ihm hätte gelingen können, sich mit den Schlüsseln zu versehen, ihm nur wäre die List und Verschlagenheit zuzutrauen, sich durch tausend Vorspiegelungen und tollste Künste in Besitz der einzigen Befreiungsmittel zu setzen. Aber der Schrein! fuhr Zeck fort. Soll ich wirklich glauben dürfen, dass ihn eine vollkommen gute Absicht bestimmte, an seiner Entwendung behülflich zu sein? In diesem Falle, wo weilt Paul, warum erfährt Wildungen nichts, was soll man von dem Allen denken?

Rodewald verhiess eine tröstliche Lösung. Wäre auch das zeugnis jenes Mädchens zweifelhaft, von dem er sich damals auf dem Fortunaball überzeugt hätte, mit welcher leidenschaft sie an Hackert hinge, der Keim des Besseren schiene doch durch den Vater in Ihm aufgegangen ... und nun erzählte dieser von der Vergangenheit und half Rodewald über die Stimmungen hinweg, die