um die Pranken des Holzes geklammert, sah das Seil schwanken hin und her von der gewaltigen Last ... Da donnerte oben ein vielstimmiges Wer da?
Hackert stösst Dankmarn fast gewaltsam fort und zeigt auf die Johanniskirche und ihre majestätischen Schatten ...
Der Schrein ist heraus aus der Lücke, Danebrand's Kopf wird sichtbar, die linke Hand hält den Schrein schwebend in der Luft, während die rechte halb sich stemmend in der Mauerlücke, halb das Seil ergreift ...
Da kracht ein Schuss ... Der Schrein stürzt hinunter, Hackert ruft: Fort! und man müsste die panische Gewalt des Schreckens und den Einfluss der Situationen auf die Seele selbst des Mutigsten verkennen, wenn man nicht natürlich finden wollte, dass Dankmar im Augenblick des Schusses hinübereilte zu dem Wagen. Auf halbem Wege hielt er jedoch schon inne. Er sah, dass Hackert den Schrein, den man hätte in tausend Stücke zerkracht glauben sollen, wie mit übermenschlicher Gewalt auf seine sonst so schwachen Schultern lud. Nun floh er an den Wagen, fand diesen, fand ihn schon geöffnet, es war Peters, der ihn bebend grüsste und während er kaum den Schlag mit der Hand gefasst hatte, schon die Pferde anpeitschte ... Hackert taumelte herüber, ihm nach ... Aber Danebrand! Danebrand! ... hätte Dankmar rufen mögen ... Da erschallt ein Trommelwirbel in dem Profosshause, Fenster werden erleuchtet, Stimmen hörbar, die Pferde ziehen an ... Hackert! Hackert! ruft Dankmar von dem nur halb betretenen Tritt herab. Er sieht ihn plötzlich nicht mehr, er hört ihn plötzlich nicht mehr ... Hakkert! Hackert! ... Der Trommelwirbel wird stärker. Die Türen des Profosshauses öffnen sich schon. Halt! Halt! hört man rufen. Da lässt Peters die Zügel schiessen und hohl und dumpf widerhallend in der nächtlichen Stille braust der Wagen davon, geschützt von den riesigen Schatten der gewaltigen Gebäude, die in diesem altergrauen Viertel fast gespenstisch nebeneinander stehen.
Eilftes Capitel
Die Richtung Trompetta-Flottwitz
Ermutigt vom Glück wagt man die grössere Gefahr.
Fröhlich, heiterbewegt schritt ein Gast von der Tempelheider Anhöhe nieder, sah noch oft rückwärts, grüsste noch oft die Frauen, die ihm mit Tüchern nachwinkten. Die Zeit der Sorgen war noch nicht vorüber. Sie sollten erst noch recht in ihrer bedrängenden Schwere kommen; aber eine war doch abgeschüttelt: Dankmar Wildungen war in fremden Landen geborgen vor der Qual dieses Kerkerlebens, das selbst dem Mutigsten vor der Zeit den Glanz des Haares bleibt, vorzeitige Furchen in die kühnsten Stirnen gräbt!
Rodewald hatte seit dem Tage, wo ihn Fürst Egon in Hohenberg abwies, ein nach Aussen vielbewegtes, in sich stilles Leben geführt. Das, was er von Murray beim Abschiede von der Residenz erfahren, über Pauline von Harder, über den Baron Grimm, über einen Paul Zeck, der leben sollte, war Stoff genug, um zusammenschmelzend mit Dankmar's Schicksal ihm in jede freudige Erinnerung an Anna von Harder, in jede Nachricht von Tempelheide bittern Wermut zu mischen. Die Nachricht von dem Gewinn des Prozesses hob auf einige Zeit seine gedrückte Stimmung, aber lähmend vollends wirkte die Nachricht, die er von Herrn von Zeisel erfuhr, dass der Fürst beabsichtige, alle seine Güter zu verkaufen. Mitten in den Zurüstungen, die er auf eine zehnjährige Pachtung hin glaubte wagen zu dürfen, diese Nachricht! Mit welcher Liebe hatte er sich der Hoffnung einer Wiederherstellung der Glücksumstände Egon's gewidmet! Wie verklärt schien die Abendsonne des Lebens auf dies sein emsiges Mühen und Walten, dem er eine irdische Anerkennung niemals wünschen, nie von Denen erwarten konnte, denen zu Liebe er sich mühte und arbeitete! Rodewald war über die Beziehung seines Lebens zu weltlichen Erfolgen hinaus. Er war längst in jene geweihteren Hallen der Betrachtung getreten, wo der auch nicht feierlich emporgerichtete blick des Auges doch immer das Ende und schon den Ausweg aus diesem Labyrint aller Erdenrätsel zu suchen scheint und an jede Tat sich der Maassstab nur noch des eignen Genügens legt. Er billigte ganz, dass der gute, sich selbst in den Andern lebende Oleander ihm einst mit der Aufschrift: "An meinen Abendstern" ein Blättchen gegeben, auf dem es hiess:
Bei einem Ziele bin ich angekommen,
Ob auch am rechten? ... weiss ich nicht zu sagen.
Zwar mit dem Strome bin ich nie geschwommen,
Doch war's die Welle, die mich so getragen!
Gescheitert hab' ich manches Riff erklommen
Und manchen Preis erwarb sich kühnstes Wagen.
Doch muss von den erträumten schön'ren Lagen
Mir diese wohl als jetzt die beste frommen.
Das Höchste suchend bald im Tatendrange,
Bald im Genuss, wo ich die Perlen wollte,
fand ich – nur Schaalen! Ach, der Dämon grollte,
Er grollt noch jetzt und will mir Wunder lügen,
Die noch erreichbar–! Solchem Überschwange
Lass' ich genügen jetzt mein still Begnügen.
Darin, dass Egon von Hohenberg für die Legitimität stritt und sein Sohn war, sah er ein Rätsel. Ein teuflischer Gedanke hätte ihm raten können, hohnzulachen dieser tollen Welt des Irrtums und der Lüge. Ihm war dieser teuflische Gedanke nie gekommen; ihm schilderte sein verhältnis zu Egon das verhältnis der ganzen Zeit zu ihren Verfechtern oder Anklägern. Er sagte sich: Das ist Euer Adel, Eure Erbberechtigung, Eure Monarchie, Eure Kirche, Eure Sitte, Euer Glaube, Eure Konvention! O die Konvention, dies