1850_Gutzkow_030_864.txt

man zu den Dokumenten die Stadtkämmereischeine gelegt hatte. Die Truhe war trotz des papiernen Inhaltes ihrer plumpen Gestalt wegen nicht leicht.

Nun zurück! flüsterte Hackert, lehnte die Schranktüre nur eben an, liess den Schlüssel stecken und tappte vorwärts. Aber krachend stiess der Träger mit seinem Schrein an die Wandecken.

Donner! Wenn wir nicht Licht haben, rennt Der noch eine Säule um ...

Und Licht verrät dich! flüsterte Dankmar. Und Licht zeigt mir den Kameraden! Wer ist's? Hackert, ich folge wie ein Taumelnder; aber Gott sei deiner Gurgel gnädig, wenn Ihr die Frechheit habt, mich mit dem Schein einer Spitzbüberei, die nur Ihr, nur Ihr begangen habt, entfliehen zu lassen ...

Nur keine Reden gehalten, Herr! Es schallt hier! war Hackert's ganze Antwort.

Man ging denselben Weg zurück, den man gekommen war ...

Jetzt galt es die Korridore zu vermeiden, in denen die vielen andern Gasflammen noch brannten und die Schritte der Wachen hörbar waren. Sie befanden sich wieder im Profosshause. Dankmar begriff nicht, wie man die Ausgänge desselben gewinnen, wie man mit einem so auffallenden gegenstand, dem Schrein, sich aus ihm entfernen konnte.

Hackert lenkte aber in einen Seitengang. An dem äussersten Ende war ein kleines Fenster, das auf die Strasse führte. Es war nur ein Luftloch, ein schmaler Streifen in der Wand. Hackert schien Dankmar'n toll, als er die Miene machte, durch diese kaum handhohe, aber breite Öffnung müsste man nun auf die Strasse gelangen.

Der Schrein und wir? Hierdurch?

Der Dritte setzte den Schrein ab. Hackert deutete nur auf Stillschweigen.

Unwillkürlich schauderte Dankmar wieder vor einem Gedanken zurück, der ihn plötzlich berührte. Er kam ihm mit Stricken, die er fühlte. Wo diese Stricke herkamen, sah er nicht. Er fühlte sie nur, hörte nur das Auseinanderwinden ... er dachte sich die Folgen gefährlicher Prozeduren, die Hackert wagte, zu seinem Vorteil wagte und ihn dann allein kompromittirt zurückliessen ...

Hier soll bald Licht werden, flüsterte Hackert. Wir haben vorgearbeitet. An dieser Säule machen wir die Stricke fest. Sie ist stark genug und die Stricke reichen zehnmal bis hinunter. Hinter der Johanniskirche fast an der Ecke, die zu Schlurck's führtSie kennen die Gassesteht ein Wagen ... Dass wir ja zusammenbleiben! hören Sie?

Und während Dem schon öffnete sich die Lücke. Ein Stein wich unter Hackert's Hand vom andern, immer grösser, immer weiter, immer heller wurde der Raum. Bald war er so gross, dass ein Körper hindurch konnte, bald so gross, dass der Schrein sich konnte einfugen lassen, bald so, dass Dankmar schon die Johanniskirche sah und das Scharren von Pferden auf dem nächtlich stillen, einsamen Strassenpflaster hörte ...

Jetzt hiess es, Dankmar sollte zuerst durch diese im Stillen längst gebrochene Öffnung und an dem Seile, das um den Pfeiler geschlungen war, hinuntergleiten.

Ich zuerst? sagte Dankmar zögernd und auf's Neue voll Mistrauen ...

Keine Komplimente! Rasch! Rasch! Die Wachen, sehe' ich, sind gar nicht schläfrig

Hackert! sprach Dankmar mit letzter zusammengenommener Kraft. Wenn das Alles ein Bubenstück wäre

Aber Hackert drängte ihn an die Mauerlücke mit der Antwort:

Zum Teufel! Sie sehen ja, es ist blosse Höflichkeit.

Ich bleibe zuletzt, sagte Dankmar entschlossen, ich steige nicht, ich bleibe bei meinem Schrein ...

Eine Flut der scheusslichsten Verwünschungen kam nun aus dem mund des von Schweiss triefenden Paul Zeck, der am liebsten dem ewigen Zweifler an die Gurgel gesprungen wäre und ihm die Halsbinde zugeschnürt hätte. Der Dritte, der mit seinem Schrein auf dem kopf ruhig wie eine Karyatide des Altertums stand, diesen freischwebend und doch so festgeklammert hielt, wie Etwas, das er nur mit seinem Leben lassen würde, flüsterte in einer eigentümlichen weichen Lispelsprache:

Steigen Sie! Steigen Sie! Die Runde kommt ...

Ich gehe nicht ... erwiderte Dankmar.

Wir kommen aber doch vom Tempelstein! sprach der Fremde jetzt mit kräftigerer Betonung und gleichsam ihren Beistand beglaubigend.

Dankmar erstaunte über dies Wort. Der Tempelstein war das Erkennungswort des Bundes für die Zeit bis zu den nächsten Solstitien ...

Vom Tempelstein? fragte er betroffen und nun glaubte er den Träger seines Schreines zu erkennen ... Sie sind ...

Danebrand! flüsterte Hackert. hören Sie denn drüben nicht die Pferde aus dem Pelikan? Sie wittern Ihre Nähe! Peters kann sie nicht beruhigen ... es geht direkt nach Angerode zu. Hoffentlich ist Bello im Stall geblieben.

Und nun war Dankmar schon in der Lücke, schon presste er sich auf die von Hackert nächtlich zum Zweck der Flucht mühevoll gelockerten Steine, schon glitt er das glattgestrichene Seil hinab ...

Aber die Ahnung Danebrand's, dass die Runde käme, war keine Täuschung ... Dankmar, unten auf dem Strassenpflaster angelangt, hörte Geräusch. Hakkert's Kopf sah er schon durch die Bresche. Er folgte in der Tat. Er war nicht von ihm betrogen, aber die Eile, mit der Hackert katzengleich herunterschoss, erschreckte ihn. Hackert war unten.

Die Runde! flüsterte er drängend. Fliehen Sie! Fort! Fort!

Dankmar blieb aber. Er sah eben den Schrein durch die Lücke gedrängt, sah eine Hand