hob den Schemel, um diesen unerwarteten Gast beim ersten Schritte vorwärts niederzuschlagen.
Hackert hob die Hand abwehrend und zum Stillschweigen bedeutend; mit der Linken streckte er einen gewaltigen Schlüsselbund dem möglichen Angriff entgegen.
Es war in der Tat Hackert mit offnen Augenlidern, nicht träumend, wie Dankmar, in Erinnerung an den Heidekrug, im ersten Augenblick glauben konnte. Sein zweiter Gedanke war eine Bestätigung seiner Befürchtung, die er in den halblaut ausgestossenen Worten aussprach:
Was wollen Sie?
Aber schon hatte Hackert die Finger an die Lippen gelegt und so entschieden die Gebehrde des Schweigens gemacht, dass Dankmar keinen Zusammenhang begreifen konnte, seine Waffe senkte und nur im Rükken das Licht zu schützen suchte ...
Hackert winkte ...
Dankmar sah nur den Überfall, nur die böse Absicht, nur den Angriff auf sein Geld, er ahnte einen Hinterhalt und blieb stehen.
Hackert winkte dringender und zog sich fast in das dunkle Vorzimmer zurück ...
Dankmar wollte ihm nicht folgen.
Spitzbube! flüsterte er, soll ich schreien? Dich an den Galgen bringen?
Hackert verzog seine blassen Gesichtszüge zu einem bittern lachen. Er hätte mit jener Sprache reden mögen, in der er sich Schmelzingen zu verstehen gab, als er schon einmal diesem Ungläubigen einen Liebesdienst erwies. Er konnte nur winken, nur die Zeichen der dringendsten Eile machen ...
Dankmar sah die geöffneten Türen, aber das Dunkel schreckte ihn. Hackert wird sich wie eine Katze auf dich werfen! Was sollst du tun? Die Posten scheinen verändert. Auf dem Korridor ist Alles still. Dennoch, wie von der magnetischen Kraft der Situation überwältigt, hätt' er sich jetzt entschlossen, vorzugehen, wenn ihm nicht, da sein Auge sich inzwischen an die Dunkelheit schon gewöhnt hatte, plötzlich auf fünf Schritte von Hackert im Korridor entfernt eine hohe, stämmige Riesengestalt, verwachsen und doch wie ein Hüne anzuschauen, aufgefallen wäre. Nun stand in ihm fest, dass Hackert im Bunde mit Helfershelfern ihn überfiel und nichts hielt ihn ab, ihm jetzt zuzurufen:
Denkst du, Bösewicht, dass ich so leicht wie Pferde zu morden bin? ...
Aber weiter konnte er nicht reden. Hackert sprang auf ihn zu, zeigte, um Dankmar's Aufmerksamkeit abzuwenden, auf die Fensterrundung in der obern Mauer und sprach mit heisrer, nachdrucksvoller stimme:
Soll ich wieder hundert Talerscheine auf's Pflaster werfen? Kommen Sie in Teufels Namen –!
Dankmar blickte ihn starr an. Der grosse Ungeschlachte in der Dunkelheit war verschwunden ...
Wir haben noch drei Türen zu öffnen, fuhr Hakkert heiser und leise fort. Die Schlüssel, die zu Ihrem Gelde führen, kenn' ich. Die sind's!
Und auf drei gewaltige Schlüssel, die er aus der Rocktasche zog, deutend ging er voran.
Dankmar folgte. Wie konnte er jetzt zurückbleiben! War es auf einen Diebstahl seines Vermögens abgesehen, warum sollte er den Anlass nicht benutzen, da nun gewiss zugegen zu sein? Er fühlte Hackert's knöcherne feuchte Hand. Sie hatte ihn mit krampfhafter Aufregung ergriffen; er folgte willenlos.
Halten Sie sich an mich, sprach Hackert. Die Pantoffeln aus! Auf den Zehen! Einen Schnupfen ist die Abreise schon wert. St! Reden Sie nichts!
Dankmar liess mit sich geschehen, was geschah. Die Erinnerung an Hackert's Rechtfertigung damals mit dem Pferde Lasally's hatte ihn entwaffnet. Er folgte und bewunderte die Gewandteit, wie Hackert mit der einen Hand ihn, mit der andern den Unbekannten führte, der sich im dunkeln Korridor ihnen wieder zugesellte.
Dieser tappte und trat so ungeschlacht auf, dass ihn Hackert einen Bären und Elephanten über dem andern schalt.
Wer ist Das? fragte Dankmar.
Vorgesehen! war Hackert's Antwort.
Die Wanderung dauerte mehre Minuten. Endlich stand man still. Hackert flüsterte:
Das ist die Verbindungstür! Still! Die Wache wird im hof abgelöst ...
Es schlug grade ein Uhr von den nahegelegenen Rataus- und Johanniskirchentürmen. An die Wand gedrückt, wartete man das Verhallen der militärischen Tritte ab, die über den steinernen Fussböden der Höfe hörbar waren. Durch ein Fenster glaubte Dankmar, der diese Räumlichkeiten kannte, wohl unterscheiden zu können, dass die Schildwache auch eben an dem Eingang der Gerichtskasse erneuert war. Doch auch die Tür, die Hackert eben aufschloss, führte in das scharfbewachte Nebengebäude. Jetzt versagten ihm die Schlüssel nicht. Der Grosse, dessen Konturen Dankmarn allmälig an irgend eine ihm schon vorgekommene Persönlichkeit erinnerten, trappte schweigend, nicht einmal auf Socken, sondern mit blossen Füssen dem Führer nach, der endlich eine Stiege herab, dann wieder eine hinaufschritt. Alles war hier dunkel, still und schauerlich einsam. Aber Hackert kannte jeden Gegenstand. Einige Stufen empor blieb er stehen und begann die noch zwei übrigen Schlüssel erst an einer eisenbeschlagenen Tür zu prüfen. Der eine passte. Nach kurzer Weile trat man in den Kassenraum. Ein grosser Schrank wurde vom zweiten Schlüssel geöffnet. Jetzt hörte Dankmar nur die an den Andern gerichteten Worte:
Tasten Sie nach dem hölzernen Kleeblatt! Richtig! Da! Die Silberarbeiter sind mit dem Luxus noch nicht fertig. Aufgehoben!
Und der Dritte bückte sich und Hackert half einen Gegenstand den mächtigen Schultern aufladen. Dankmar wusste nicht, wo ihm die Besinnung blieb. Er fühlte den hölzernen Schrein, in dem einst seine Dokumente von Angerode gelegen hatten. Er fühlte das Kreuz auf dem Deckel. Er wusste ja, dass