, die Fürstin brächte wöchentlich Trost und Hoffnung nach Tempelheide, ja er hatte selbst sogar durch ein Gedicht eine sonderbare Beziehung zum Fürsten gewonnen, ein Gedicht, das Olga mit grausamer Bitterkeit "Cypressen am grab Helenen's, gepflanzt von Egon" nannte ... Oleander, der sich in die Stimmung aller dieser Seelen versetzte, hatte es eines Abends fast scherzhaft in Tempelheide improvisirt, Olga schrieb es sich sogleich verstohlen ab und schickte es anonym nach Paris; Helene, wahrscheinlich auf's Tiefste verletzt, schickte es zurück an Egon, als wenn es doch wohl nur von Diesem gekommen wäre. Egon staunend zeigte das Gedicht Melanie und Melanie erkannte der zu solchen romantischen Umtrieben über und über geneigten Olga Hand, wodurch Egon dann die Autorschaft Oleander's erfuhr und diesen veranlassen musste, die ausführliche Erläuterung eines schlimmen Misbrauchs zu geben, den man mit seinem poetischen Interesse an fremdem Seelenleid getrieben hatte. Dies eigentümliche Gedicht, das in Egon in der Tat wach rief, was er zuweilen über den Maler Heinrich Heinrichson empfand, hatte gelautet:
Wehe! Welche Lippen lässt du schlürfen
Wieder deiner Liebe Taumelwein?
Ist es denn dein innerstes Bedürfen,
Andern Alles, Nichts dir selbst zu sein?
Nichts der Frauen grösstem Liebesruhme,
Nichts, Helene, dem Entsagungsschmerz?
O du stamm- und blattlosarme Blume,
Wirbelnd um dich selbst gejagtes Herz!
Eine luftgetrag'ne Orchidee,
Schwankst und rankst du ohne sichern Wuchs,
Fühlst, ob hold die Welt dich leben sähe,
Doch den Tod des tiefsten Selbstbetrugs.
Rosen träumst du? Ach nur aufgerissen
Bluten deine Wunden, wie sich kalt
Auf des Nordpols eis'gegen Finsternissen
Scheidend dunkelrot die Sonne malt.
Opfre! Doch im Leidenschaftgeloder
Opfert selber sich ein Genius.
Armes Lamm, das eine Schlachtbank oder
Einen neuen Hirten finden muss!
Dies, wenn Helene es selber las, entsetzlich grausame Gedicht hatte Oleander als einen einfachen "Schmerzensruf der schwachen Seele an die schwache" niedergeschrieben. Für Olga war es aber ein wahrer Triumphgesang geworden. Sie konnte diese Verse mit einer Gebehrde vortragen, als hätten sie ihre Tante erdolchen sollen. Oleander berichtete, der Fürst hätte ihm gütig, sogar heiter auf seine ängstliche Entschuldigung erwidert; aber Dankmar erklärte, er könnte die fast komische Veranlassung dieser Bekanntschaft zu seinem tragischen Falle nicht benutzen. Carlos und Posa würden ebenso geendet haben, wenn nicht Philipp zu früh zwischen sie getreten wäre! Er ist nicht klein, dieser Egon! sagte Dankmar. Hätte ihn Philipp leben lassen seinen Carlos, dessen erstes Wort wäre auch Aussöhnung mit Alba gewesen, Carlos wäre selbst nach den Niederlanden gezogen, hätte Egmont selbst hinrichten lassen, hätte selbst sich von ihm sagen lassen, was Egmont dem milchbärtigen Ferdinand sagte: Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war ... Ja! Ja! Oleander! Sie frommer, übel mitgespielter Frühlingssänger, was ist Das für eine Welt! Welche Menschen wetteifern mit dem Wesen, das sie geschaffen hat! Welche Titanen möchten den Himmel stürzen und von ihm Rechenschaft fordern für seine dunkle Geheimnisskrämerei ... ich habe Mitleid mit Egon. Er wird herabfallen von seiner Höhe, wie in seinem Gartenpavillon der gemalte Phaeton. Alle Bernsteinspitzen des Pfeifenkabinets seines Vaters werden nicht hinreichen, ihm noch einmal eine einzige Cigarre zu versüssen. Er wird ein elendes Leben führen, wenn er gestürzt ist und nur noch sich und Melanie quälen kann. Sie werden erleben, dass Melanie von Hohenberg nicht etwa in die Kirche geht, aber für sich in ihrem Kabinet fromm wird und eine gewisse Ausgabe des Tomas a Kempis mit wirklichen Schmerzenstränen benetzt. Das nenn' ich doch Herzen durcheinandergerüttelt! "O schnöde Welt!" Sagt das nicht Shakespeare? In solchen und ähnlichen Betrachtungen und Unterhaltungen, verbunden mit der Nutzung von Büchern, Federn und Papier lebte Dankmar bis in den monat Mai. Das Erbe hatte man ihm in feierlicher Sitzung überwiesen und ihm die Gründe angegeben, warum es noch unter dem Verschluss der Richter bleiben müsste. Seine ganze Antwort war gewesen, dass er sich ein Protokoll dieser Prozedur ausbat und die Angabe eines eisernen Schreines machte, in dem die leichte Papiersumme verwahrt werden sollte; es sollten auf dem Deckel vier kreuzförmig verschlungene vierblättrige Kleeblätter von Silber ausgeprägt werden. Bis zur Anfertigung dieses Schrankes blieben die Stadtkämmereischeine, von denen man ihm vorläufig nur den mässigsten Gebrauch gestattete und eingeschlossen in jener hölzernen Truhe, in der einst Dankmar zu Angerode die Dokumente gefunden hatte, im Gewahrsam der strengbewachten Kasse des Gerichts, die mit ihren eisernen Türen und Schränken nur einen Hof entfernt von Dankmar's gefängnis lag. Oleander, als er einmal Eintausend dieser Scheine in der Hand hatte, die er nach Dankmar's Wunsch an arme geben sollte, sprach die etwas umgemodelten Verse aus dem alten bekannten Gedichte:
Nun möget ihr von dem Horte Wunder hören
sagen:
Soviel zwölf ganze Wagen allenfalls mochten
tragen
In vier Tagen und Nächten vom Berge zu Tal,
Und ihrer jeglicher musste fahren an jedem Tag
dreimal.
So war der Hort nichts Andres als Gestein und pur
Gold
Und ob die Welt man hätte damit genommen in
Sold,
Es wäre nicht einmal vermindert um eine Mark
Wert,
Es hatten wahrlich die Könige seiner ohne ursache
nicht begehrt!
Wie von den Nibelungen sich da in Burgunden
Die drei Könige des Hortes unterwunden,
Da dachten sie Land und Burgen und Recken, die
viel kühnen;
Durch Furcht und Gewalten ihnen sollten damit
dienen.
Aber den Wildungen allein gehörte der Hort noch
im Land