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Frohsinn?

Diese Trompetta! sagte sie zur Mutter. Es ist kein Wort wahr, dass Prinz Egon dem Maler Siegbert Wildungen ähnlich sieht; sie wollte mir nur den Stich geben: Bedenke, wen du schonen solltest! Bedenke, wer dich zu lieben vorgiebt! Der sanfte gute Siegbert!

Die Mutter zog eine Miene und nannte fast verächtlich den jungen Maler geradezu den Ritter Toggenburg aus dem Atelier.

Ich wette, diese verschmitzte Trompetta wollte mir sagen lassen: Melanie, verlieb dich nicht in den Prinzen, nicht in die Excellenz, den Gatten meiner guten Freundin Pauline von Harder, sondern denke' an Siegbert! ... Bei all ihrer Heiligkeit hat sie nichts als Romane im Kopf.

Und, fräulein Melanie, sagte Bartusch, hier ist noch eine frühere Stelle des Briefes, die wir übersehen hatten.

Ich will nun nichts mehr wissen, antwortete das Mädchen träumerisch, von der Erwähnung Siegberts erschreckt.

Vorher noch, fuhr Bartusch fort, ohne sich irremachen zu lassen, vorher noch, sagte der Justizratdie Erwähnung des Fritz machte, dass wir die Stelle übersprangen ....

Welche denn?

"Die Anwesenheit des Prinzen von Hohenberg hinge vielleicht auch mit der Entführung des Mobiliars seiner Mutter zusammen. Die Trompetta hätte erzählt, er wäre darüber bis aufs äusserste entrüstet. Frau von Trompetta hätte bemerkt, man beabsichtige bei hof vielleicht die schönsten Andenken dieser Einrichtung dem fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz zu verehren, als Anerkennung für ihre landesrettende Hingebung an das Kriegsheer und die Stiftung des weiblichen Reubundes ...."

Der Vater schriebe Das? rief Melanie lachend; von dieser blonden Magdalena? Das sind satyrische Arabesken!

Sie nahm den Brief, fand die Stelle wirklich und setzte mit nicht ganz scherzhaftem Zorne hinzu:

Soll die Flottwitz vielleicht in die Lage kommen, auch zu dem Prinzen Egon in Beziehungen zu treten? Gebt Acht, Das wird eintreffen! Ihm raubt ein liebloser Vater die teuersten Andenken an seine Mutter. Der alte Fürst, der Alles verspielt und vergeudet hat, opfert auch noch die letzte Erinnerung an die Mutter seines Sohnes. Der Hof rettet ihn durch eine Summe auf jene Einrichtung, und statt sie dem Sohne zurückzugeben, schenkt man das Beste davon meiner blonden Freundin Friederike Wilhelmine, die es darauf anlegt, eine geschichtliche person zu werden. Das sehe' ich vor mir! Der Prinz bittet um die erlaubnis, bei ihr diese Reliquien noch einmal betrachten zu dürfen. Er sieht die Briefbeschwerer und Crucifixe und küsst die Stickereien, und vergisst sich und küsst auch die Hand der Flottwitz, die ihn erobern wird mit Gott für den König, das Vaterland und fürsich! Nein, nein, diese Verschwörung ist entdeckt, die Fäden sind in unserer Hand und wir benutzen sie so, dass der Prinz Egon nicht der Gräfin d'Azimont, nicht der Flottwitz gehört, sondern zu unserer Fahne schwört, und Das gleich. Fort Bartusch, holen Sie ihn nur her! Wo ist der Prinz?

Die Mutter rief lachend:

Gemach! Gemach!

Es ist mein Ernst, sagte Melanie, sprang empor und stampfte mit komischem Zorn so auf, dass die alten verwitterten Dielen von den kleinen Pantöffelchen zitterten.

Nur ruhig! Nur behutsam, bitte' ich, meinte Bartusch, der gewohnt war, sich immer streng an des Justizrats Befehle zu halten. Discretion!

Vor allen Dingen weiss man ja noch gar nicht, bemerkte die Mutter, ob der Prinz Egon wirklich hier schon angekommen ist.

Darüber, sagte Bartusch pfiffig, darüber kann ich Bericht erstatten ....

Rasch! Bartusch; Sie schleichen wieder wie ein Maulwurf!

Muss ich nicht? Müssen meine Morgenrapporte nicht von einer gewissen systematischen Gründlichkeit ...

Nichts von Gründlichkeit! Die Mutter erlässt Ihnen heute Ihre gewöhnliche Spionage! Also ...?

Erstens hätt' ich denn zu melden, fing Bartusch behaglich an, dass die alte braune Kuh, die Frau Justizrätin so lieb haben ...

Was? sagte Melanie und warf sich in ein Canapee. Fort doch mit der alten braunen Kuh!

Lass ihn nur, meinte lächelnd die Mutter. Es ist besser, in solchen Dingen nichts zu übereilen. Du weisst, wieviel dem Vater an der Administration liegen muss ....

Aber die alte braune Kuh! ...

Die vorgestern vom grünen Abhang fiel, ist wiederhergestellt; der blinde Schmied curirte sie ... sagte Bartusch und erfreute dadurch die gutmütige Justizrätin.

Weiter!

Zweitens, die kranke Frau Müllerin

Bartusch! Ich sterbe ...

Lass doch Kind! Was ist mit der Frau Müllerin?

Sie will nicht aus der Mühle ...

Wirklich nicht?

Sie will da sterben, wo sie gelebt hat.

In dem dumpfen, feuchten Gemäuer? Bei dem ewigen Klappern der Räder? Bei dem Schaume, der fast auf ihre Betten spritzt? Wie kann da die Frau je gesund werden?

Hannchen Schlurck war wirklich ausser sich über diese hartnäckigen Gewohnheitsmenschen; aber Bartusch sagte:

Leben in der Mühle und sterben in der Mühle. Doctor Reinick meinte auch: Diesen Leuten ist in solchen Sachen nicht beizukommen.

Melanie konnte über die Spannung, in der sie Bartusch erhielt, nicht entrüsteter sein als ihre Mutter über Menschen, die an der Schwindsucht leiden und nicht das Geringste für das Einatmen einer gesunden Luft tun ....

Drittens, der Bauer Sandrart ...

Ach! Ach! schmachtete Melanie, fast verzweifelnd.

Der Bauer Sandrart ist