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erhitzter, polizeilicher Einbildung. Er wollte nicht geringfügig sprechen von einer Tatsache, die so tiefe Wurzeln in den Gemütern geschlagen hatte. Er sah, auch durch die Riegel seines Gefängnisses hindurch, die segensreiche Ausbreitung seines Wirkens. Er erhielt Andeutungen, dass diese Stiftung weit über die Grenzen Dessen hinausging, was man in neuester Zeit an Piusvereinen, inneren Missions-, Märzvereinen, Friedensvereinen erlebt hat. Sollte er von einem Advokaten, der ihm gegen seinen Willen vielleicht bei den Assisen beigegeben wurde, hören müssen, dass dieser das Schreckphantom in eine Gaukelei auflöste und den Spott und die Ironie zu hülfe rief, um die Sache seines Klienten als gefahrlos darzustellen? Dankmar hielt es für seine Pflicht, gross und stolz von Dem zu denken, was man in ihm fürchtete. Er erbitterte das Gericht durch seine Hartnäckigkeit, er führte es irre durch seine Aussagen, die mehr zugestanden, als man fragte. Er wollte der Träger aller der Schreckengebilde sein, mit denen sich die Feinde der Freiheit ängstigten, er wollte so lange nicht an persönliche Freiheit denken, als sein gefängnis dazu diente, den Saamen, den die Freunde ausstreuten, zum Aufgang zu bringen. Denn die Macht, die Leidende auf höhere fragen der Sittlichkeit ausüben, ist grösser als die Macht der Glücklichen.

Freilich litt der junge Kämpfer selbst am schwersten unter diesem Opfer, das er brachte. Eine geläuterte reine Flamme der Liebe loderte in seinem Herzen für Selma, nun seine eigne Verwandte. Längst hatte sich ihm Ackermann in seiner wahren Herkunft als Rodewald entüllt, wenn er mit ihm Abends beim Leuchten der Johanneswürmchen an den Weidenufern der Ulla entlang schritt und Dankmar seine nächtliche Lagerstatt in einem einsamen Gehöft aufsuchte. Als er später Rodewald's Kummer erfuhr über des Fürsten Egon Absicht, sich seiner Güter zu entäussern und ihn aus seinem Pachtverhältnisse zu entfernen, konnte er freilich nicht begreifen, was den Oheim so tief dabei verletzte. Dieser schrieb selten, desto eifriger Selma. Oleander war es, der den Vermittler dieser zärtlich schmerzlichen Grüsse machte. Er selbst hätte, da Dankmar die Briefe nicht verbrennen mochte, die der Sicherheit wegen zurückgegebenen lesen können, er selbst, der Selma liebte und seinen Schmerz in der Dichtkunst und dem ernsten Berufe eines Seelsorgers der Gefangenen und Trösters der Leidenden zu vergessen suchte.

Jungen Liebenden kann ja nichts Glücklicheres geboten werden, als nach dem ersten aufflammenden und die Herzen entzündenden erkennen ihrer Neigung die Trennung und in ihrem Gefolge die notwendigkeit eines längeren Austausches ihrer Empfindungen auf dem Papiere. Die Lüge wird hier reine Herzen nie beschleichen. Die sehnsucht wird um den Ausdruck ihres Verlangens nie verlegen sein. Aber dazu, dass ein Verkehr der Gedanken, wie er bei dem süssen Gekose der unmittelbaren Nähe selten stattfindet, den Verkehr der Gefühle nun ablöse, bietet sich so die reichste gelegenheit. Nun wird Das, was unbewusst und wie im Traum gekommen schien, nach seiner irdischen Möglichkeit noch einmal durchgedacht; die magnetische Kraft, die ohne Erklärung um so wirksamer fesselt, stärkt sich nun durch die sittliche Begründung Dessen, was da so eng zusammenhielt, und stählt die Herzen für eine Zeit, wo auch das Urteil und die weisere Erwägung sich sagen sollen: Du hast das gute teil erwählt! Das Leben selbst in seinen tausend Erscheinungen, in seinen oft grade dieser Liebe sich feindselig genug zuwendenden Stacheln wird in seinen drohenden Gefahren dann früh erkannt und die ganze Höhe schon übersehen, bis zu der die zärtliche Verschlingung der liebenden arme ausdauern, sich stützen, sich fortgeleiten soll. Sieht man nach solchem Briefwechsel sich dann wieder, so kommt es wohl, dass man sich völlig neu und anders erscheint. Man hat ein altes Bild verloren, aber ein neues gewonnen. Es währt eine Weile, bis man sich rein menschlich wiederfindet, aber es währt nicht lange, das Befremden ist nur das des grösseren Glückkes, und man hat sich grösser gewonnen, grösser gefunden, gestärkter für des Lebens ganze Dauer und die ernsten Klippen aller seiner kommenden Prüfungen.

Selma erwartete mit krankhafter Ungeduld des Freundesschicksals endliche Entscheidung. Sie erzählte in ihren Briefen an Dankmar von Anna von Harder, von Oleander's treuen Besuchen, seinem fortgesetzten Unterricht, von Olga Wäsämskoi ... Von dieser letzteren bestätigte sie, was alle Kreise über die Freundschaft der Mädchen erfahren und selbst beobachtet hatten. Selma nannte Olga einen stillen See, den träumerisch der Mond beschiene und von dem man Märchen erzähle, die uns erschrecken sollten, wenn sie auf Wirklichkeit begründet wären. Da wären gleichsam Götzenbilder einst wie von den ersten Christen in diesen See geworfen worden und nächtlich am ersten Tage des Mai rühre und reg' es sich in dem See und die Heidengötter blickten aus dem aufgewühlten Gewässer mit düstern Augen empor und sähen sich die Welt an, wie sie nach ihrem Reiche inzwischen geworden. Aber nie wären es bei Olga doch solche Jungfrauen, die dann auftauchten mit falscher Liebe und jene Knaben in die Tiefe lockten, denen sie mit Wasserlilien gewinkt hätten oder gar böse und spukhafte Fratzen. Nein, Olga wäre wohl eine schlummernde Tragödie voll leidenschaft, ja Zorn, ja Wildheit zuweilen, wenn sie ein schriller Ton wecke, aber ebenso auch könnte sie dem Idyll gleichen, wenn ihr ein Süsses, die Nachtigall, ein Schönes, die Kunst, riefe. Helene d'Azimont hätte dem armen reichen Mädchen den Glauben an die Menschen genommen und doch liebe sie Helenen und weine auch um deren Irrtümer! Sie hätte von Rafflard einst in Venedig das Schlimmste über Siegbert gehört