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Tropfen Bluts in Ihren Adern! Sie sind nicht krank, Sie sind vergiftet in Ihrem innersten Leben! Ja, Sie tun das Unglaublichste, wenn Ihr Auge geschlossen ist, Sie sind ein von Gott erwählter Mensch, wenn Sie schlummern und Sie ausführen, was allen Lebenden versagt bleiben soll. Aber Siegbert Wildungen hat Recht, wenn er das Wort seines grossen herrlichen Bruders wiederholt: Sie sind grade die schlechte, bewusstlose, in Sinnentaumel hindämmernde Masse, das Mittelvolk in der Erbärmlichkeit, die zu allen Jahrhunderten den Aufschwung wahrer Grösse hinderte, das Edelste verkümmert, es beschnitten hat und das Beste nur, sogleich in seiner wahren Bedeutung verringert, in's Leben treten liess ... o wie elend, Hackert, als Sie die Hand der liebsten und treuesten Menschen der Erde von sich stiessen und sich aus dem Sumpfe Ihrer Sinne nicht zu den Regionen des Lichts erheben konnten. An Jedem zu mäkeln, an Jedem Etwas zu finden, Nichts anerkennen, kein grösseres Verdienst, keinen edleren Willen, kein froher Geschick, schadenfroh lachend, wenn ein kühner Fusstritt ausgleitet oder eine edle Begeisterung ihr Ziel verfehlt! Sie, Hackert? Wissen Sie, was Sie tragen sollten? Den vornehmsten, anständigsten Rock vom feinsten Tuch, Glaceehandschuhe auf den Fingern, ein tänzelndes Stöckchen in der Hand. Dann wären Sie so der rechte Mittelschlag dieser erbärmlichen Welt, der uns Alle regiert, dem jeder schlimme Ausgang zu Gute kommt, der immer Recht behält, wenn ein Genie unterliegt. Ich dachte anders von Ihnen. Jener Abend hier nebenan, Hackert! Es war Ihre Sterbestunde, Ihr Untergang vor dem Richterstuhl Gottes, Ihr ewiges Todesurteil! Sie können nie mehr zum Lichte kommen.

Hackert schwieg und schien nun ernst ... Louise Eisold hatte aus dem geist jener Religion gesprochen, für die Dankmar Wildungen ein noch höheres Symbol und Band suchte, als sich bei den freien Gemeinden und ähnlichen Versuchen einer modernen Religionsläuterung bisher hatte zeigen wollen. Sie sank erschöpft von einem Aufwande von Beredsamkeit, zu dem sie den ganzen Sprachschatz ihrer rastlos fortgesetzten Lektüre verwandt hatte, auf einen Sessel und stützte das glühende Haupt auf den Tisch, wo sonst des "alten Mannes" Uhren schlugen ...

Es war auch fast, als schlug eine Uhr ... die Erinnerung weckte Beiden die Vorstellung, als wär' es hier noch so wie einst ...

Und was soll ich denn nun? sagte Hackert ruhiger und mit gedämpfter stimme. geben Sie mir einmal eine Aufgabe! Ich will sehen, ob ich sie ausführen kann!

Louise schwieg.

Es führt Sie doch irgend eine Absicht her ... ich weiss es ja, das Alles sollte nur eine Vorrede sein, Kapitel Eins, nicht wahr?

Louise antwortete nicht. Sie war zu erschöpft von ihrer Aufregung und hätte eigentlich sagen mögen: Schon wieder legst du mir eine Absicht unter? Und grade weil du's tust, möchte' ich schweigen. Aber dennoch drückte sie eine Absicht.

Danebrand ist nicht umsonst hier ... fuhr Hackert fort.

Sie sind ein Spion! war Louisens kurze und abweisende Antwort.

Sagen Sie das dumme Wort doch nicht! fuhr Hakkert auf. Ich kenne mein Leben, ich weiss, was ich zu verantworten habe.

Sie? Verantworten? lachte Louise bitter und blickte voll Hoheit zu dem gereizten jungen mann hinüber.

Ich bin Spion aus demselben grund, warum der Fürst Hohenberg Ihnen ein Tyrann ist. Wir, ich und Der, sind die beiden einzigen vernünftigen Menschen der Erde. Alle andern sind Narren, die eigentlichen Verbrecher, eigentlichen Verrückten, Sie ausgenommen, Louise, die Sie immer im Sommer Not haben, zu vergessen, was Sie im Winter für Unsinn aus der Leihbibliotek gelesen haben. Egon tritt die Volksbestie nieder, die sich Engel dünkt, weil sie nicht auf vier Füssen kriecht. Ich lache dazu. Wir kennen uns Beide nicht, aber wir stehen in geheimer Verwandtschaft. Ha! ha! Melanie wird ihm wohl gesagt haben, warum ich sein Schwager bin ...

Bei diesen boshaften Worten sprang Louise auf, riss ihren Hut an sich, drückte ein Tuch, das sie in ihrer Aufregung fortwährend auf dem Tische zerknittert hatte, an die Stirn, lief zur Tür, öffnete, stürmte durch die Küche und war schon auf der Galerie, um die Gemeinschaft mit einem so grundverdorbenen mann für immer zu verlassen. Da aber fühlte sie sich plötzlich von Hackert ergriffen, fühlte sich mit furchtbarer Muskelkraft von ihm zurückgehalten, zurückgeführt in die Küche, in das Zimmer und vernahm entsetzt die Worte von ihm:

Sie sind hier, um mit Danebrand Dankmar Wildungen zu befreien!

Starr mit weissem Auge blickte Louise den Spion wie einen Allwissenden an ...

Sie kommen im Auftrage nicht des Geheimbundes, denn er wird sich nicht an Frauen wenden, und was Jagellona von Werdeck tat, kam von ihr; aber Sie kommen im Einverständniss mit den Mädchen auf Tempelheide ... Franziska Heunisch machte die Vermittlerin zwischen Ihnen und Selma Rodewald ...

Louise blieb in ihrem festen sichern blick, aber doch zitternd ...

Dankmar wird Sie auslachen! krächzte Hackert. hören Sie, er wird von Weibern keine Tür geöffnet haben wollen! Was kann hier eine zerfeilte Eisenstange nützen? Was ein erbrochner Riegel, wenn er zu erbrechen wäre! Das Palladium ist nicht der Apostel, sondern seine Wunderbüchse. Sprengt die Kasse, wo die Truhe mit den Papieren steht! Stehlt die Million!