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neulich in eine Kirche gehen. Ich hätte fromm werden können um so viel jämmerliche Demutbei Melanie!

Ich wünschte ihr, Gott nähme ihr bald die Last ab, die sie trägt, sagte Louise. Oder nein, besser ist's, dass Alle sehen, wie elend dieser scheusslichste aller Verräter hinsiecht, dies tückische, herzlose Scheusal, dieser Egon von Hohenberg!

Oho!

Gibt es einen Elenderen als diesen Menschen, der aus der Lüge seiner Jugend sich zum volk flüchtete, das Volk in seiner Liebe, Treue und Hochherzigkeit achten lernte und es dann verriet, dieser Judas, der noch einst eine Armensünderreue empfinden und an einem Strick enden wird!

Oho! Oho!

Warum so viel Unglück des Landes? Diese Verfolgungen? Diese Einkerkerungen? Betrogen wurde das Volk, als es glaubte, sein Freund, sein Wohltäter ergriffe das Ruder und kämpfte am Trone für die Arbeiter ... ich kenne keine Strafe, die gross genug wäre für Den ... ja, dass er diese Melanie zur Frau bekam, das ist Strafe genug!

Oho! Louise!

Der Fürst nahm auf, was Fritz Hackert wegwarf!

Der Teufel!

Hackert sprang auf, lief im Zimmer umher, nicht zornig, sondern gekitzelt, schadenfroh, lachend ... die hände in die Beinkleider steckend ... er verbarg nicht, welche Lust ihn erfüllte.

Louise fuhr fort:

Welche jämmerliche kleine Rolle spielen Sie, Hakkert! Sie, der Sie Alle am Bändel haben, quälen, vernichten könnten! Schleichen sich gebückt durch's Leben, krumm und feig, lachen, grinsen und begehen nur im Geheimen einmal einen schlechten Streich, wenn Sie vorher Einer mit Ruten peitschte!

Hackert lachte fort und drohte nur:

Louise!

An Tieren rächten Sie sich, nie an Menschen!

Das lassen Sie nur! lenkte er jetzt ernster ein.

Ich begreife Sie nicht, Hackert! Wie ich von hier ging und in der Ferne von Ihnen hörte, dass man Sie verurteilte, elend und schlecht nannte, verteidigte ich Sie immer und sagte: Lasst diesen Hackert gehen, beurteilt ihn nicht vor der Zeit! Die Äpfel wollen bis lange zur Reife, die Trauben hängen noch in den ersten Schnee hinein; aber wie verloren Sie sich, wie bin ich Lügen gestraft, wenn ich daran denke, was ich von Ihnen noch Alles verhiess und nun höre!

Einen Mord? Einen Diebstahl?

Das nicht, Das danken Sie Vater Murray, der einen Heiligen aus Ihnen machen will! Sie werden ein Heuchler werden! Besuchen Sie noch immer das Teater nicht?

Sie sprachen ja von der Kirche?

Nein, vom Teater! Nie haben Sie sich früher ein gutes Stück ansehen können, über Scherz nicht lachen, über Ernst nicht weinen können! Wer nicht gern in's Teater geht, ist kein guter Mensch.

Ah?

Denn warum? Weil Eure Art sich fürchtet, ihren Spiegel vorgehalten zu bekommen. Kein Tyrann, kein Mörder, kein Lügner geht in's Teater. Immer schrickt er zusammen, sein Bild zu sehen. Ich wünschte, Sie fingen Ihre Religion lieber mit dem Teater an, als mit den kleinen Gebetbüchelchen, die ich hier bei Murray liegen sehe ...

Hackert lachte wieder laut auf. Es bedurfte wenig Worte, dies eigne Mädchen zu überzeugen, dass ihn die Religion mit Murray nicht verbände. übrigens, setzte er schon etwas verdriesslicher hinzu, jeder Mensch hätte seine eigne Religion ...

Es gibt keine andre Religion, wallte Louise auf, als die, die wahren Feinde Gottes zu hassen. Die Feinde Gottes sind die Tyrannen, die Blutsauger, die Rechtsbrecher! An welcher Leine lassen Sie sich gängeln, Hackert! Der alte Mann ist gut, ich weiss nicht, was er für Sie getan hat und warum Sie ihn nicht fliehen, wie Sie alle Menschen geflohen sind, ausser Melanie. Aber dass er Ihnen nicht einmal die Schaam über Ihr elendes Handwerk, das Pax Ihrer tollen Eitelkeit aufdrängte, nehmen kann, ist Das nicht das Ohnmächtigste von der Welt? Wozu denn Ihre Vollkommenheit für den Himmel? Taug' etwas für die Erde und du hast den Himmel gewiss!

Hackert schwieg eine Weile. Dann sie scharf fixirend sagte er:

Louise, ich habe für Ihre Lehre mehr getan, als Sie wissen. Ich habe den Rittern vom geist gedient, wie die Mehlsäcke in der Teufelsmühle, die ich doch noch vom Puppenspiel her kenne.

Louise errötete über die Erwähnung des Bundes.

Ich weiss, sagte sie, dass Sie nicht warm und nicht kalt sind. Aus Schadenfreude haben Sie Ihre eignen Herren betrogen, Katze und Hund zusammengehetzt und sie wieder auseinandergetrieben, wenn sie sich ohnehin aus Müdigkeit schon versöhnen wollten ... O Hackert, dass ein Funke von Gesinnung in Ihnen wäre! Dass Sie in diesem elenden haus des Schlurck je ein Wort des wahren Lebens mitten im Überfluss des Lebens in sich aufgenommen hätten! Denken Sie an Karl, wie er sein junges Leben dahin geben musste für den grausamen Teufel und Götzen dieser gottverdammten Ordnung, die jetzt die tausend Menschenopfer jährlich fordertdenken Sie an Danebrand, der Ihnen selber half, ob er Sie schon hassen sollte ... was sag' ich! unterbrach sie sich ... hassen!

Louise! Sie schmeicheln mir! lenkte Hackert frivol ein. geben Sie mir die Hand! Noch mehr

Fort! Fort von mir! rief Louise. Es ist kein reiner