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von den Ruinen der Tempelabtei, den Schauern des Waldes um sie her, dem hohen tannenbewachsenen Bergrükken, über den hinweg auf sich schlängelnden, nur dem Schleichhandel bekannten Wegen man in das Land des fränkischen Nachbars gelange, sie sprach von ihrem religiösen Glauben, von ihrem Verharren bei den vielverfolgten freien Gemeinden, bekämpfte hartnäckig, was der christlichere Murray darauf entgegnen wollte, aber unter Allem, was sie sagte, lag etwas verborgen, was wie der Drang eines sich gern lösenden Geheimnisses war.

Endlich brach sie auf. Sie wohne in der Vorstadt, sagte sie, in einer schlechten Ausspannung, dem Pelikan auf dem Wege nach Tempelheide ... ein ehemaliger Kutscher Namens Peters hielte den jetzt auf eigne Rechnung und würde ihn vielleicht ganz kaufen ... sie müsse doch Diesen und Jenen noch besuchen ...

Und Hackert? fragte Murray.

Geht er noch mit Pax, antwortete sie rasch, so sagen Sie ihm, dass ich ihn nur beklagen kann ... ich mag ihm dann nicht wieder begegnen.

Dem Mädchen kostete dies entschiedene Wort so viel Kampf, dass Murray vor Bewegung, seinen von aller Welt gehassten und verachteten Sohn doch irgendwo freundlicher gehegt zu sehen, aufwallte, ihre Hand ergriff und sie bat, doch morgen wieder zu kommen ...

Würden Sie Bedenken tragen, auch mit Hackert zu sein? fragte er in der Meinung, dass diesem Mädchen vielleicht gelänge, aus seinem Herzen die Töne zu locken, die ihm seit dem Tage, wo Karl Eisold begraben wurde, in seinem Sohne zu selten wiederkehrten.

Louise besann sich ... Plötzlich wie von einem Gedanken ergriffen, sagte sie:

Ich will ihn allein sehen. Morgen! Wollen Sie? Aber allein!

Murray erschreckend und doch überrascht von diesem Vertrauen auf seinen Sohn versprach, die nötige Veranstaltung zu treffen ... Sie trennten sich nach genommener Abrede und am Nachmittag des folgenden Tages sassen Hackert und Louise Eisold an der Stelle, wo früher jeden Abend eines ihrer Schwesterchen dem Urgrossvater den gelbweissen Zopf aufgelöst hatte ... es war in diesem Zimmer stiller, als in dem nach der Galerie zu gelegenen. Kein Wandnachbar horchte, kein Gegenüber störte. Hackert, überrascht von Louisen's Frische und weltkundiger Gewandteit, hatte ihre Hand in der seinen. Nicht etwa, dass er sich beherrschte. Sie hatte genug zu wehren, seinem Ungestüm auszuweichen und nur die Worte konnten ihn zähmen:

Sie wissen, ich bin Danebrand's Verlobte.

Danebrand! rief Hackert. Ich sah ihn ja gestern ...

Wie? sagte Louise befangen und entfärbte sich. Sie irren sich wohl! fügte sie hinzu und stand auf, um sich in der Küche etwas zu schaffen zu machen, denn um ganz die Erinnerung an die alte Zeit wachzurufen, hatte sie von Murray die erlaubnis erbeten, einen so starken Kaffee zu sieden, wie ihn Hackert liebte ...

Ich sah Danebrand, bestätigte Hackert, diese Zurüstung mit Behagen wahrnehmend, und wenn ich Schmelzing wäre, würde' ich ihn anzeigen ...

Sie irren sich! rief Louise aus der Küche von der Stelle her, wo einst ihr Bruder Karl geschlafen hatte ...

Doch! Doch! Die hohe Schulter wird ihn verraten, wenn er ausserhalb der Vorstadt sich sehen lässt. Die Willing'sche Fabrik wimmelt von Spionen. Er ist für immer ausgewiesen. Sie hüten ihn wohl im Pelikan? Was? Der Fuhrmann Peters hat ihn wohl dort auf der Kegelbahn im Garten untergebracht, grade da, wo Dankmar Wildungen an den Johannisbeerhecken einst den Verlust seines Schreines erfuhr?

Warum nicht besser, entgegnete Louise mit Schärfe, am Heck der Fortuna, wo Danebrand einst mit der Schürstange lauerte? Peters' Frau, die die Fortuna des Herrn Hitzreuter regiert, würde ihn vielleicht nicht sobald erkennen wie Ihr Spione!

Hackert schwieg. Die Erinnerung schmerzte ihn, schmerzte ihn noch tiefer, als Louise, ihren Vorteil wahrnehmend, fortfuhr:

Ich glaube, in den Ställen Lasally's wär' er auch sicherer. Die Jockeis, die seinen Arm fühlten, würden ihn nicht verraten, selbst Neumann und Jeannette nicht, die ja hoch auf bei den Bereitern leben sollen! Schämen Sie sich, Danebrand zu erkennen!

Wer verrät' ihn denn? brauste Hackert auf. Was will er hier? Ein Mensch, der seinen eignen Steckbrief auf den Schultern Jedem zu lesen gibt? Sie lieben die pittoresken Schweizergegenden, Louise! Dystra hat auch so etwas Hochland im rücken. Was will denn Danebrand hier? Man versteht keinen Spass mit den Leuten, die hier nicht sein sollen und wiederkommen, wenn auch bloss aus Neugier. Sie haben etwas vor?

Wer?

Sie und Danebrand!

Die Polizeikünste verstehen Sie perfekt. Hackert, schämen Sie sich!

Ihr Kaffee bleibt der beste, Louise, den ich seit Schlurck's getrunken habe ... Sie wissen doch von Schlurck's?

Ja, Hackert! sagte Louise, jetzt sanfter einlenkend. Melanie ist die Fürstin Hohenberg.

Das ist sie! erwiderte Hackert bitter und spöttisch.

Der Hof kommt diesen Sommer nach Buchau. Leicht möglich, dass wir dann auch den Besuch der schönen Durchlaucht haben ... Tut sie Ihnen nicht leid?

Eine Fürstin mir leid? Mir? Ich grinse sie jedes Mal an, wenn ich sie sehe. Ha, ha! Muss sie nicht einen hinfälligen Mann unter'm Arm halten, wie wenn sie seine Krücke wäre? Ich sah sie