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, Blau des himmels, Frische der Luft, was gibt es bessere Hülfsmittel bei Heilung leiblicher Schäden? Und mit den geistigen beginnen die leiblichen. Ich habe sonst über die Zeit geträumt. Ich bin ihr Walten geflohen. Ich habe verurteilt, was mich aus meinem behaglichen Dämmerleben aufschreckte. Aber durch die Lehre von einer Religion des freien Geistes ist mir ein Stern aufgegangen. Ich sehe schon Tausende sich die hände reichen auf wenige grosse Wahrheiten des Einverständnisses und der felsenfesten Überzeugung. Man handelt nach diesen Wahrheiten, Jeder nach seiner Fähigkeit, seinem Berufe, seinem Triebe. Nehmen wir, mein Freund, das Gebiet der Armut und des geistigen Elendes! arbeiten wir nicht für das Reich Gottes im Allgemeinen, nicht auf den unnützlich geführten Namen des Heilands, sondern für das Reich des heiligen Geistes, der nach den Tagen der Apostel uns als letzte Entüllung der Offenbarung verheissen ist! Schaffen wir Menschen, freie, bewusste, die Erde zu lieben sich gedrängt fühlende Menschen und machen wir die Erde dieser Liebe wert! O ich möchte mit Engelzungen reden, um der Menschheit zu sagen, was die wahren Unholde sind, die uns an hellem Tage auf Erden Nacht machen und diese Gebrechen der Gesellschaft, diese Armut und dies Elend anwachsen lassen so ungebührlich, dass es keine Fabel mehr scheint, wenn man sagt, der Herrscher der Erde trägt eine dunkelglühende Krone und sein Reich ist das des Feuers und des ewigen Todes.

Aus dieser Stunde ergab sich für Friedrich Zeck eine erneute Ermutigung, aber auch manche ernste Pflicht, mancher Schmerz. Sein Sohn, der die Beteiligung des Vaters an dem verfolgten Bunde wohl merkte, hatte dagegen das Bitterste zu sagen. Er war es gewesen, der der Zeuge der ersten Einsetzung desselben gewesen, er hätte dieses rasch erblühte Wachstum ja im Keime ersticken können! Der Vater, ohne das Geheimnissvolle an dem Bunde zu verraten, erstaunte. Schmerzlich berührte ihn, wie Hackert auch auf diese Erfahrung seines Lebens hin nur mephistophelische Lichter fallen liess. Dennoch erbot er sich zu der scharfen und ihn ganz erfüllenden Ironie, die wichtigste Korrespondenz des Bundes mit dem eignen Wappen der Polizei zu befördern. Hackert drückte auf die Briefe der Bundesglieder bald das Siegel Paxen's, bald das des Assessors Müller, bei dem er sich in gutem Kredit erhielt, bald das des Gerichtes selber. Glücklicher Weise waren die Briefcouverte, die man bei Dankmar hätte finden können, von diesem regelmässig vernichtet worden.

Friedrich Zeck sollte nicht aufhören, in Verbindung mit den Schicksalen der Gebrüder Wildungen zu bleiben. Ihm, dem von den Vornehmsten der Gesellschaft seines für "fromm" erklärten Wirkens wegen beschützten Künstler, vertraute man den Stich der Kupferplatte, von welcher die Stadtkämmereischeine abgezogen werden sollten. An derselben, vom Tageslichte hellbeschienenen, Dächern gegenüber gelegenen Fensterbrüstung, wo einst Louise Eisold unter ihren Geschwistern genäht und gestickt hatte, ätzte der Engländer Murray in städtischem Auftrag die Kupferplatte, die Fritz Hackert oft mit dem ihm eignen Humor der Schadenfreude betrachtete und sagte:

Vater, nun erkenn' ich erst meine Vorliebe für Papiergeld! Die pfaffen sagen, Gott hat die Welt aus Nichts erschaffen. Es war Das jener Jehovah, dem Das alle seine Juden noch jetzt nachtun. Bei Schlurck assen die Philosophen, die aus Sein, Werden, Nichts und Dessert-Tortenkrumen und Käserinden die Welt schnitten! Hätt' er nur jetzt recht viel von Denen zu Freunden, die aus Nichts Papier und aus Papier Geld machen! Der Kredit kann zum Teufel noch mehr als das Denken. Eine Million! Das gibt Talerscheine, Fünftalerscheine, Funfzig-, Hunderttalerscheine! Dann nimmt man die alte gelbe Blechbüchse aus der Spittelkirche und steckt die ganze Bescheerung da hinein. Die Nachmittagskollekte von Kupferpfennigen ist schwerer als die Bundeskasse der Ritter vom geist. Haha! Vater, wie können Sie sich nur von dem Hokuspokus foppen lassen! Es kann Ihnen noch scharf zu leib gehen, wenn der Tempelherr Dankmar Wildungen zu beichten anfängt. Dem stolzen, eingebildeten Zwickelbart gönn' ich's. Sie setzen ihm scharf zu. Assessor Müller bietet ihm eine Cigarre nach der andern an im Verhör, aber die alten Universitätsfreunde rauchen zusammen und wenn das Protokoll gemacht werden soll, steht nichts auf dem Bogen. Der Assessor sagt: Alter Junge, es hilft nichts, so wirst du lange im zweiten Hof Nr. 23 sitzen, was unser Staatsgefängniss, aber auch das festeste ist. Ein Mal warf ich dem Ritter hundert Taler in's Gesicht, weil er mir kein Pferd anvertrauen wollte! Er würgte lange an dem grossen Gedanken, dass ich sie gestohlen hätte. Dann, als er merkte, dass ich bloss ein elender Kerl bin, höchstens vor Desperation fähig zu Allem, ging er in sich und wollte meinen inneren Menschen rühren, um meine Bettelpfennige oder Dukaten aus der Gewissens-Sparbüchse herauszuluchsen ... Ich war erst breiweich; denn, weiss der Henker, ich habe vor nichts so viel Furcht als vor dem Brummenmüssen im Loch. Ich könnte das Hängen besser vertragen als das Sitzenmüssen. Er wollte mir damals einen Gefallen tun und ich tat ihm wieder einen, als er im Ratskeller mit allen Geistern der Weinkarte seinen Bund machte und Schmelzing schon Tendenz gerochen hatte. Nun sind wir quitt! Wenn Einer sich merkte, Papa, wo du die geheimen Kniffe bei der Platte anbringst, die Haken und Striche, die für Falschmünzerei Fussangeln sind! Verdient so ein Schnauzbart, dass um ihn sich Einer zwanzig Jahren Zuchtaus aussetzt und