Zeichen machte, das er nicht verstand! Oleander hatte den Kupferstecher anfangs für einen respektablen Mann angesehen, von dem er nicht voraussetzen konnte, dass er mit dem geheimnis, in das ihn Siegbert brieflich eingeweiht hatte, bekannt war. Später, als er sich bedeutender und charakterfester entwickelte, hatte er prüfend auf ihn geblickt, endlich im Laufe des Sommers gewagt, ihn mit dem Bundeszeichen zu begrüssen. Als Murray den Gruss nicht erwiderte, sagte Oleander:
Sie dienen den Rittern vom geist und gehören nicht zu ihnen?
Murray bestätigte diese Vermutung und lehnte genauere Eröffnung ab ...
Oleander aber sagte:
Diese Ablehnung hilft Ihnen nichts, liebster Murray! Sie werden gewonnen, ohne dass Sie wollen. Noch muss ich nun selbst Anstand nehmen, mich zu offenbaren. Lassen Sie mir nur noch einige Wochen Zeit und ich will Ihnen dann sagen warum?
Aus den Wochen wurden Monate. Der Herbst war da, Ackermann hatte sich in der Residenz als Rodewald entüllt. Abschied nehmend von Oleander hatte Rodewald des Begeisterten soviel von Murray gesprochen, so sehr gerühmt, dass in ihm eine grosse sittliche Tat verkörpert wäre, so sehr die Mässigung gepriesen, mit der er noch jetzt eine ernste Aufgabe beherrsche und verwalte, dass Oleander sich seines Versprechens entsann und eines Abends, als er mit Friedrich Zeck durch die Laster- und Elendshöhlen der Brandgasse sich müde gepilgert hatte und da, wo man früher die Sendboten der Liebe die Treppe hinunterwarf, wenigstens die persönliche Sicherheit des guten Nachbars im dritten hof antraf (der schon in die Lage gekommen war, beraubt zu werden und Die, die ihn hatten nächtlich überfallen, in seiner wohnung knebeln wollen, nicht angezeigt, sondern sie zu Freunden gewonnen hatte), zu Murray sagte:
Aber Sie, Mann des Friedens, wenn es wahr ist, dass Sie diese eisernen Stäbe – es war in Murray's wohnung – hier vor Verbrechern schützen müssen, die Sie zu Ihren Freunden zu erheben vorziehen, statt in die Gefängnisse zu schicken, so muss ich auf mein Versprechen zurückkommen, Sie mit dem Bunde der Ritter vom geist bekannt zu machen!
Warum tun Sie Das erst jetzt? fragte Friedrich Zeck.
Weil ich an der unverbesserlichen Eitelkeit der Studirten leide; sagte Oleander. Es ist ein Gesetz unsres Bundes, nur Die zu gewinnen, die über uns stehen. Es hiess anfangs, die gesellschaftlich über uns stehen, doch hat Dankmar Wildungen die Vorschrift verbessert und jede andre Superiorität, auch die der Sitte und der Bildung, des Geistes und des Herzens zugestanden. Ich darf also nur Menschen gewinnen für den Bund, von denen ich mir sagen muss, dass sie irgendwie über mir stehen. Und ich Eitler, ich war fast so eitel wie sonst Propst Gelbsattel. Ich sage: sonst! Denn seitdem dieser grosse Mann erfahren hat, Ritter vom geist könnte man nur durch einen Menschen werden, der unter uns stünde, bemüht er sich, die Demut selbst zu sein. Er duckt sich gegen Jedermann, sieht überall auf die Erde wie nach einem verlornen Groschen, möchte Jeden ermuntern, sich ihm zu nähern. Aber er macht, sagte neulich der Doktor Drommeldei in Tempelheide, er macht die sonderbare Entdeckung, dass er nicht nötig hätte, zu den unter ihm Stehenden herabzusteigen. Niemand denkt daran, ihn für einen Grösseren zu halten, als sich ...
Friedrich Zeck war in der Prüfung des Satzes, man müsse immer von den unter uns sich Fühlenden geworben werden, noch so verloren, dass er kaum daran dachte, die ihm von Oleander angetane Ehre abzulehnen. Oleander aber teilte ihm geschichte und Bestand des Bundes mit, gab ihm die Erkennungszeichen, deutete ihm die Symbolik und wollte ihm schon das Gelöbniss abnehmen, den näher bezeichneten geheimen Pflichten des Bundes sich zu unterwerfen.
Staunend hatte Friedrich Zeck zugehört. Erst jetzt fiel ihm ein, er, ein Falschmünzer, ein entsprungener Verbrecher sollte sich in diesen Bund der edelsten Menschen stehlen? Unruhig sprang er auf und lehnte seine Beteiligung ab, indem er im Übrigen die heiligste Verschwiegenheit über das bereits Vernommene gelobte.
Billigen Sie die idee nicht? fragte Oleander.
Ich bin ihrer nicht würdig, meine Kraft ist zu schwach. Lassen Sie! sagte Zeck.
Ihre Kraft zu schwach? erwiderte der junge Geistliche. Fühlen Sie denn nicht, dass im grund erst durch diese Schöpfung Das, was man innere Mission nennt, ein Ziel und einen Zusammenhang erhält? Wenn irgend etwas zur Glorie des christentum getan werden kann, so bin ich gewiss keiner der Letzten, der freudig Hand an's Werk legt. Aber aus dem geist des christentum allein sind diese Taten der Liebe nicht mehr zu fördern. Sie müssen, wie die Kreuzzüge einst, damit enden, dass wir das Grab und die Wiege des Heils in der ganzen Welt finden, nicht bloss in dem ungläubig gewordenen Palästina. Die alten Templer waren zu der erkenntnis gekommen, dass sich die Mission einer rein äusserlichen Fortpflanzung des christentum, die Mission der Heidenbekehrung, überlebt hat. Man sprach nun von innerer Heidenbekehrung, von Ketzerverfolgung, von Urchristentum, man stiftete Sekten, Brüdergemeinden. Es waren falsche Wege zum rechten Ziel. Die Wahrheit ist die, dass eine vereinzelte Pflege des Unheils in der Welt nur wenig hilft. Das ganze Leben muss ergriffen werden von dem geist der Erneuerung und Wiedergeburt. Wir können die Schäden der Gesellschaft nur heilen, wenn wir neue Luftströmungen durch die verdumpfte Existenz der Zeitgenossen ziehen lassen. Licht der Sonne