Ausschweifungen hinein, jetzt brauchte er sie nur in höherm Auftrage zu besuchen, aber magnetisch zogen sie ihn. Wenn er eine dumpfe Trommel in der Ferne hörte, das Schmettern einer Trompete, wenn die Geigen so weinerlich lockend strichen, behauptete er, nicht widerstehen zu können. Wenn die eigne Kraft zur Sünde aufhört, regt sich der Trieb, Andere zu verführen. Alte Buhlerinnen kuppeln, ehemalige Verbrecher geben an. Von allen diesen Erfahrungen wiederholte sich etwas an Hackert, nur dass er durch einen gewissen, man möchte ihn philosophischen Standpunkt nennen, bewahrt blieb, dabei in das völlig Gewöhnliche und Gemeine zu verfallen. Wenn er acht Tage in der Brandgasse beim Vater nicht gewesen war, fing diesen an zu bangen; er wusste, dass Fritz dann auf schlimme Rückfälle gekommen war, irgend einer Verlockung folgte, kein gutes Gewissen hatte; aber das bessere Gewissen überhaupt bei Hackert anzunehmen war schon ein Gewinn und immer hatte Zeck die Genugtuung, dass er endlich doch kam, matt und müde zwar, angeekelt von sich selbst, mismutig, verstimmt und meist Geschichten mitbringend, die Murray zur Anknüpfung seiner Lieblingsbeschäftigung benutzte, den Werken der inneren Mission, wie sie von ihm in ganz anderm Sinne als von den Modevereinen verstanden wurde; aber er kam doch, ruhte sich beim Vater doch aus, seufzte doch und wünschte sich nicht selten den Tod.
Otto von Dystra hatte vor seinen Reisen nach dem Tempelstein sorge getragen, seinen alten Schützling mit Persönlichkeiten und Institutionen bekannt zu machen, die ihm nach zwei Seiten hin nützlich sein konnten, sowohl seine alte Kunstübung wieder aufzunehmen, wie die ihm eigne Bekehrungsmetode unter den sittlich Verwahrlosten ungestört zu betreiben. Im Besitz eines ausreichenden Vermögens arbeitete Murray nach Neigung. Da er nur die schwierigeren Aufträge annahm und sie mit grosser künstlerischer Vollendung ausführte, liess er sich in seinen Leistungen Zeit. Die Mussestunden, die er sich reichlich gönnte, verwandte er darauf, von den Vereinen, deren Mitglied er geworden war, Aufträge anzunehmen. Anfangs fügte er sich der Metode, die hier allgemein in diesem Fache der Seelsorge schon galt. Er brachte Notizen, empfahl die Hilfsbedürftigen, zeigte bald den Behörden, bald den Vereinen auffallende Misstände an, aber bald sah er, dass das Alles nur wie ein Tropfen auf einen heissen Stein war. Man gab und die wirkung zischte auf und liess nichts als ein wenig Rauch von Dank zurück. In den statistischen Tabellen der Vereine, ihren Programmen und Berichterstattungen nahmen sich diese Tatsachen freilich Wunder wie grossartig aus. Da hiess es: Achtzig armen Wöchnerinnen Leinenzeug gegeben, dreihundert Kranke gepflegt, dreissig begraben und so und so und so vielen Waisen oder Witwen diese oder jene vorübergehende Wohltat erwiesen! Murray sah bald ein, dass diese Metode auch zu dem scheusslichen Lügennetze der Zeit gehörte. Nur zu wahr traf in den meisten Fällen die Spottrede seines Sohnes ein, der diesen teil der Menschheit in solcher auf die Symptome kurirenden Art für unverbesserlich erklärte. Gern hätte er die Macht des christentum zu hülfe gerufen, aber zu seinem tiefsten Leidwesen erkannte er, dass in Europa das Christentum eine viel unreinere gesellschaftliche Gestalt angenommen hat als jenseit des Meeres, wo sich nicht soviel kirchliche und politische Verwirrung und irdische nichtswürdige Entstellung in die reine Christuslehre gemischt hat. Wenn er den Armen und ergrimmten Notleidenden mit Christus als dem Waizenkorn und dem wahren Brote des Lebens kam, so fand er selten einen guten Boden für diese Aussaat und musste in hundert Fällen neunzigmal erleben, dass man ihm das Christentum als eine durch die Weltlichkeit der Kirche, den Luxus der Geistlichen, die geheuchelte Frömmigkeit der Grossen, der Armut über und über verdächtig gewordene Institution darstellte und ihm mit einem Unglauben antwortete, der an die absolute Nichtslehre seines Sohnes für ihn schaudernd genug erinnerte.
Eines Tages kam ihm ein Lichtstrahl bessrer Hoffnung. Er hatte, es war im Frühjahr schon, bei einer Versammlung einen jungen Geistlichen reden hören, der als Prediger des Gefangnenhauses erst vor Kurzem eingetreten war. Er entsann sich des Namens Oleander sehr wohl. Er erinnerte ihn an Louis Armand, diesen liebenswürdigen jungen Freund, der vor einigen Monaten hatte aus einem land entfliehen müssen, das er mit so viel Hoffnungen betreten durfte. Friedrich Zeck war mit Louis Armand in Verbindung geblieben, hatte manchen Brief von ihm an Dystra, von Dystra wieder Einlagen an ihn bekommen; Zeck hatte Kunde von dem Bunde der Ritter vom geist und durfte vermuten, dass auch Oleander zu ihm gehörte.
Man rühmte die Standhaftigkeit, mit der Oleander auf der Festung Bielau einen jungen, wegen Meuterei erschossenen Soldaten zum tod begleitete. Seine Predigten fanden den allgemeinsten Beifall und segensreich sollte sich auch sein Wirken in den Zellen des Gefangnenhauses erweisen. Briefe, die Friedrich Zeck von Armand für Oleander erhielt, brachten ihn diesem jungen Geistlichen näher. Er sah ihn öfter, verstand sich mit seinen Meinungen über die Zeit und über die Menschen und zweifelte nicht, dass auch er zu dem vielbesprochenen Geheimbunde gehörte; denn er rühmte von sich, dass er durch Siegbert Wildungen und Louis Armand eine grosse Umwälzung seines inneren erfahren. Doch rückte das eigentliche geheimnis des Bundes Zeck selber nicht näher, er wünschte es auch nicht. Zeck sah zu sehr seine Unwürdigkeit und trug diese erkenntnis voll Demut. Er war in demselben Falle wie Dystra. Beide wurden von dem Bunde benutzt, ohne dass sie in ihm lebten.
Wie erstaunte Friedrich Zeck im Laufe des Sommers, als nach längerm Zusammenwirken auf dem Gebiete der inneren Mission Oleander eines Tages ihm doch ein sonderbares