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er sich, um sein besseres Gefühl zu wecken, wohl hütete, zu verfahren wie mit Auguste Ludmer. Die gewaltsame Unterwerfung unter seinen eignen edlen Geist hätte er wohl ausgeführt, er hätte nur seine geschichte, die Namennennung der Mutter Hackert's anwenden dürfen, um den Hochmütigen ganz in der Gewalt zu haben, aber er lehnte diese Gewalt ab, er fürchtete, etwas Künstliches in seine entwicklung hineinzutragen. Er wollte seinen Sohn gewähren lassen und ihm selbst nur als eine Anlehnung seines eignen Wachstums dienen. Die Erfolge dieser Erziehung waren im Beginn wenig ermutigend. Er entsetzte sich genug, wie verworren, ja grundverdorben diese Seele war. Vor dem tiefeingewurzelten Pessimismus derselben schauderte ihn. Alles wäre schlecht, Jeder sähe nur auf seinen Vorteil, Alles löge und die Tugend wäre Maske, die nur die Dummen blendete! So lauteten seine stehenden Sätze, die er selbst mit der Nachwirkung der Gefühle verband, die ihm die Freude geweckt hatte, seinen rätselhaft verborgenen und sich ihm noch nicht ganz entüllenden Vater damals auf dem Kirchhofe zu finden. Seine Menschenverachtung ging soweit, dass er selbst am Vater zu bohren, an dem zu wühlen, zu untergraben anfing und ihm gleichsam Fallen stellte, um die Schadenfreude zu geniessen, auch ihn straucheln zu sehen, auch ihn auf Prahlerei und Eitelkeit zu ertappen. Er konnte nicht begreifen, warum Murray in der Brandgasse wohnen blieb und die drei Zimmer der Louise Eisold behielt. Er vermittelte manche Bestellung, die vom Vater für Kupferstecherarbeiten wieder übernommen wurde; aber wenn er sie nur langsam ausführte, wenn er hören musste, dass den Vater dieser oder jener Vorfall in den Familienhäusern, bald auf Nr. 30, bald auf Nr. 50 in Anspruch genommen hatte, so konnte er das schadenfroheste Gelächter aufschlagen und alle Bemühungen, dieser Bande, wie er sie nannte, nützlich zu sein, als rein verlorene Mühe verspotten. Diesem Vieh, sagte er, ist sein Schmuz so behaglich wie dem Reichen seine Eiderdaunen. Kein Champagner gibt dem Schlemmer die Wollust, wie Diesen hier der erwärmende, scharf alle Nerven ergreifende und die Sinne in eine exaltirte Spannung versetzende Branntewein! Seht nur dies wonnige Überbeissen der Lippen, wenn diese Männer und Weiber aus ihrer Flasche getrunken haben! Seht dies Schmunzeln des Mundes und Runzeln der Augenbrauen, als wenn der Genuss brenne und Übelbehagen erwecke, aber es ist nur die Maske der süssesten Empfindung, die sie hebt und alle Phrasen von Entsagung und wahrem Menschenglück verlachen macht. Hört nur die zärtlichen Namen, mit denen die Flasche benannt wird, wie erwärmt sie von tasche zu tasche im Kreise umherwandert, wie treu sie mit auf die Arbeit, mit auf den Spaziergang genommen wird und wie sie immer die Lebensgeister wach erhält, wie sie zu hoffen, zu hassen, zu lieben lehrt. Ha! So ein Fluch, aus ganzer Seele losgelassen über die Welt und Alles, was in ihr lebt und krabbelt, kann aus keinem Dichtermunde bei aller Begeisterung kräftiger kommen wie aus dem mit Spiritus stimulirten Zustand dieser Menschen, die zuletzt, wenn die Spannkraft der Nerven nicht mehr aushält, erst Morgens in ein Zittern verfallen, dann Mittags über Magendrücken wimmern und zuletzt Abends überall Mäuse, Ratten sehen, Wanzen, Flöhe, Ungeziefer und dabei heulen und schreien: Es will mich was fressen, hülfe! hülfe! Ha, Papa, das ist dann der Säuferwahnsinn und die geschichte ist aus. Die Kerle kommen in's Tollhaus; aber lustig, die Jungen machen's doch den Alten immer wieder nach! Man müsste die Nester alle ausnehmen, wenn die Brut noch halb in den Eiern sitzt, müsste ihnen allen den Kopf eindrücken oder sie in eine Anstalt zusammentun, wo sie dann freilich wieder andere Laster lernen, die auch zu keinem seligen Ende führen. Vater, es gibt für diese Canaille der Wonnen, die dabei auch nichts kosten, gar zu viel!

Das war dann freilich eine Schilderung, grauenhaft genug und leider nur zu wahr! Aber der Vater hatte den wenig ausreichenden Trost, dass solche und ähnliche Äusserungen seines Sohnes noch mehr aus dessen immer mehr zunehmender Hinfälligkeit herrührten. Die Mondsucht hatte ihn nicht verlassen. Jede Anfrage bei erprobten Ärzten führte auf das Ergebniss, man müsse die Jahre abwarten und sich mit äussern Schadenverhütungen begnügen. Hackert blieb, da der Vater sein Inkognito nicht aufgab, in seiner wohnung bei Zipfels. Friedrich Zeck wünschte nicht, dass sie zusammenzogen. Er fürchtete, dass dann Einer vom Andern beherrscht würde und die Alltäglichkeit bald den Reiz verdränge, den es doch für den Sohn hatte, einen Ort zu wissen, wo er sich in reineren Lebensfluten manchmal baden konnte, führte ihn auch der Weg an Schmuz und Schlamm vorüber. Der Ekel, mit dem Hackert regelmässig bei Zeck eintrat, tat diesem wohl und immer hoffte er, es würde sich endlich in ihm der Entschluss zu einer Tat regen, zu irgend einem Aufschwunge, zu irgend einem ihn erhebenden Berufe. Sein verhältnis zu Pax hatte Hackert keineswegs aufgegeben. Er gefiel sich zu sehr in den Zerstreuungen, die der Wandel eines solchen geheimen Agenten mit sich brachte. Da durfte er in aller Leute Karten sehen, über Stutzer lachen, die auf den Promenaden stolzirten und das ihnen gleichsam von der Polizei umgehängte Halsband unter der seidnen Cravatte verbargen, er durfte alle Spelunken des Elends, der Gaunerei, des zügellosen Vergnügens besuchen. Er war seit Jahren an diese Orte wie gebannt. Früher zog ihn da der Trieb der Teilnahme an den