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deren Zwangsverbande in einen freien unsichtbaren Verband höherer Wahrheiten geflüchtet. Wie die Naturreligion ihn auf die Tierwelt führte, ist bekannt. Er sieht in den Tieren, die am Basler, Freiburger, Strasburger Münster in der Architektur angebracht sind, Symbole der Maurer und Architekten, die über ihrer Zeit gestanden hätten, wie gleichsam alle Künstler, ja besonders die Dichter und Schauspieler gewissermassen ein arbeiten vor und eines ja auch hinter den Coulissen hätten ...

Man blickte lächelnd auf den geschmeichelten Sohn des Vaters, der für Tempelheide nicht existirte, und sich, weil es der alte Herr wünschte, nur jährlich einmal, nämlich an dessen Geburtstage dort sehen liess ...

Gelbsattel fuhr nach diesem teatralischen Seitenblicke fort:

Man hat in Böhmen Tempelherrnburgen und Tempelherrnkirchen gefunden, bei denen eine fast egyptische Tiersymbolik als Verzierung angebracht war. Im Prozess gegen Jakob Molay wurden als Beweismittel seiner Ketzerei Spuren von Tierverehrung der Templer gebraucht und unwiderleglich ist die geschichte von dem Idol, einem kopf, den man im Tempel zu Paris fand, einem Amulet ohne Zweifel, das man Bafomet nannte, Mahomet's Name in syrischer Aussprache. Die Templer brachten orientalische Verwilderung mit und wurden sogar beschuldigt, der Lehre von der Seelenwanderung zu huldigen. Der Präsident läugnet diesen Götzendienst und verteidigt die Templer nur als Anhänger der Lehre von der Duldung, die durch diese Orientalismen bewiesen wäre. Nach ihm flüchteten sich die Templer nach England und erwachten im Jahrhundert der Toleranz zum öffentlichen Leben als Freimaurer. Die Templer wurden in Deutschland Johanniter. Den Tempelstein bei Buchau, den Herr von Dystra wunderbar schön ausbauen lassen soll ...

Man bestätigte dies Urteil und hatte seine Freude an der Nachbarschaft einer neuerstehenden Burgruine ...

Den Tempelstein warfen vielleicht die Bannbullen des Papstes nieder; doch in's Innere Deutschlands zogen die Erben der Templer. Über Angerode machte der Präsident seit Jahren Forschungen. Als die Gebrüder Wildungen in erster Instanz verloren hatten und die dunkle Kunde des wieder aufgenommenen Prozesses an den Präsidenten kam, soll er gesagt haben: Der Staat hat nicht Recht, die Kommune hat nicht Recht, schafft die Cessionsurkunden des Komturs Hugo von Wildungen und seiner Erben, diese können den Ausschlag geben! Und grade beide hatten sich gefunden. Dennoch trug die eine Cessionsurkunde in keiner Instanz den Sieg davon, da die Interpretation des scharfsinnigen Herrn Justizrats Schlurck ...

Fürst Egon von Hohenberg ertrug ruhig, aber finsterblickend die flüsternde wirkung dieser Namensnennung ...

Es zu beweisen schien, dass Hugo von Wildungen entweder für sich die ihm gemachte Quote der Teilung antreten wollte oder für seine "nächsten Ritter" propinqui equites entsagte, worunter man auch seine Verwandten hätte verstehen können, wenn sich Verwandte des Komturs unter den Rittern gefunden hätten. Dankmar Wildungen, ein Abenteurer wie er ist, reiste in Folge dieser Interpretation nach Angerode, hoffte dort die Verzeichnisse der Ordensmitglieder vom Jahre 1550 zu finden, kehrte aber unverrichteter Sache zurück. Er wagte nun die letzte Instanz. Wie gross war das allgemeine Erstaunen, als der Präsident sich dieses Prozesses mit Liebe annahm! Den Gedanken an die Beziehungen seiner Familie, besonders der herrlichen Anna von Harder zu den Wildungen, muss man ganz fallen lassen, ihn trieb zum Studium dieser Sache nur seine Schwärmerei für die geschichte der geheimen Toleranzbünde ...

Und ist es wahr, sagte die Königin, die von der Toleranz nichts wissen wollte, ist es wahr, dass zwei Interpunktionszeichen den Ausschlag gegeben haben?

Allerdings, Majestät! erklärte Propst Gelbsattel und fiel dem General Voland in's Wort, dem der Propst in seiner offenbar etwas ausgeplauderten späteren Maurerrede des Präsidenten fast schon zu lange sprach. Allerdings! Die Stelle in der Originalurkunde, datirt aus Venedig, lautet: Ich bekenne, dass ich die mir bestimmte Teilung in Besitz nehmen werde, adhuc vivus, so lange ich lebe, oder wenn ich früher sterben sollte, bewillige ich sie, cedo propinquis equitibus, wie man bisher übersetzte, den nächsten Rittern, d.h. den mir an Range nächsten, also dem Orden wieder selbst, das heisst, den Erben von Angerode, Staat oder Stadt. So Justizrat Schlurck. Dankmar Wildungen aber sagte: die Stelle hiesse: meinen anverwandten Rittern! Er forschte in allen möglichen Annalen, ob die Wildungen verwandte Ritter im Kapitel gehabt hätten, würde aber auch selbst, wenn er deren gefunden hätte, nicht durchgedrungen sein, da doch immer wieder dann die Ordenseigenschaft über die Berechtigung zur Beerbung entschieden hätte. Auf eine andere Erklärung konnte Dankmar Wildungen nicht kommen, da er die Abschrift, die er von der Urkunde nahm, zu flüchtig gefertigt hatte und sie für gleichlautend mit der Urschrift hielt. Der Präsident erst entdeckte in dem ächten Original zwei Punkte vor und nach equitibus und erläutert: Ich cedire meinen Verwandten, Rittern, d.h. Adligen, die das Recht der Ritterguts- und Dominialerbschaft haben und demnach vollkommen berechtigt waren, in meine Rechte einzutreten, diese Teilungsquote. Er wies aus gleichzeitigen Quellen nach, dass der Ausdruck equites für nobiles öfter vorkäme, wenn unter ihm adlige Patrizier der Städte und Grundbesitzer des flachen Landes zusammengefasst wurden, und an Beweisen, dass die Agnaten der Wildungen grade in den Städten Türingens als Patrizier wohnten, fehlte es nicht. Eben durch ihre Wohnsitze in Bürgerkommunen verlor sich mit der Zeit ihr Adel. Die Entscheidung ist nun völlig klar, hängt mit dem Sinne der ganzen Urkunde zusammen und es fehlt jetzt nur noch das baare Geld, wofür die Stadt und ihr Credit, Se