doch immer zusammengehalten hatte. Man konnte zwar nicht in Abrede stellen, dass die Liegenschaften der St.-Johanniter von Angerode, wenn man die Güter und Gebäude nach ihrem jetzigen Werte veranschlagte – denn eine Entäusserung der Besitzungen selbst war kaum möglich – eher im Preise zu vergrössern, als zu vermindern waren; dennoch brachte man rechtliche Bedenken genug vor, die erwiesen, dass eine fast in Verjährung gekommene Erbschaft aufhöre, ihre ursprüngliche Integrität zu behalten, wenn ihre Erträgnisse öffentlichen Zwecken zugeflossen waren, bei denen, wie z.B. die Armenpflege, es unmöglich war, sich an Die zu halten, die eben entweder tot waren oder, wenn sie lebten, nur das Beneficium inventarii, Schulden, Kummer und Elend anbieten konnten. Diese beweiskräftige Verringerung der Summe auf eine Million war in der Tat eine Versöhnung mit allen Parteien und trug nicht wenig dazu bei, die fast abgöttische Verehrung vor den Entscheidungen des höchsten Gerichtshofes zu erhalten und den erschreckten, in dieser Zeit der Willkür und der Rechtsverfälschung über des Lebens allgemeine unsichere Schwankung zitternden Gemütern das Hochgefühl zu erhalten, dass es in allen diesen Wirren doch noch einen festen Anker der Hoffnung, ein unentweihtes, den Himmelswolken näher als dem Erdendunst tronendes Asyl des Rechtes gäbe. Niemand war befriedigter als der Hof und in der Tat konnte man Egon von Hohenberg und etwa den Probst Gelbsattel nur die einzigen Widersacher nennen.
Egon's matematische natur sträubte sich gleich anfangs gegen das Vorhaben der Brüder Wildungen, noch als sie ihm befreundet waren. Seinen Studien zufolge weniger Jurist als Kameralist äusserte er oft, dass nichts so sehr die Auflösung der Gesellschaft und den Teorieenschwindel befördere als die Vorstellung, dass es ein ewiges, der Zeit und ihren Bedingungen völlig entrücktes Recht gäbe. Er hatte in seinem "Jahrhundert", dem er die schärfsten Dialektiker gewann und aus Staatsfonds teuer bezahlte, oft genug schon gegen die Juristen polemisiren lassen, als diese kalten, aalglatten Zwischenwesen, die nicht fisch nicht Schlange wären und doch auf dem land und im wasser zugleich leben könnten. Fiat justitia, pereat mundus, war ihm die Devise einer Welt, die für jedes Verbrechen einen Entschuldigungsgrund und wenn auch nur aus der Sentimentalität herzuleiten wisse, und von den Juristen stand ihm die Gesinnungslosigkeit vollends so fest, dass er bei jedem Morde, bei jeder Cause célèbre, die zur öffentlichen Debatte kam, wettete, die Advokaten würden doch wieder Alles tun, um dem einfachsten nächsten sittlichen Gefühle mit Hundert Truggründen sein Sühnopfer zu entreissen. Er war deshalb sonderbarerweise ein Freund der Geschwornengerichte, selbst wenn sie politische Verbrecher freisprachen. Er sagte sich wohl, dass es schlimm in den Gemütern aussehen müsse, wenn man Feinde der öffentlichen Ruhe straflos haben wolle, aber er hob doch die Wohltat hervor, wenn sich die Gesellschaft das Recht erhielte, selbst zu bestimmen, was ihr Recht schiene. Er bewies, dass die Abschaffung der Todesstrafe immer nur von Grüblern, nie von diesem Volksgefühle der Selbsterhaltung und des Rechtes als Notwehr gegen Verbrecher wäre beantragt worden. Diese Entscheidung des Obertribunals, grade in ihrer Unabhängigkeit von den Persönlichkeiten der Gewinner so bewundert, schien ihm im Gegenteil das verderblichste Zeichen einer Zeit, die selbst nicht wisse, was sie wolle und in der Vergötterung von Abstraktionen an den faktischen Beständen zu grund gehen müsse. Bitter genug war auch die Art, wie er den Vorfall an die von ihm und der Hofpolitik in's Leben gerufene Volksvertretung brachte und die Ermächtigung verlangte, der Residenz die Anfertigung von einer Million Stadtkämmereischeinen zu gestatten.
Die Freude, die alle Welt teilte, dass zwei halbblinde Augen zwei kleine Punkte in einer alten Urkunde entdeckt haben konnten, kannte der Fürst nicht. Er war eines Abends empfindlich genug, sein Erstaunen auszudrücken, als er Propst Gelbsattel in den kleinen Cirkeln des Hofes eingeladen fand und er von diesem die Auseinandersetzung hören konnte, um derentwillen er grade auf Veranlassung des Generals Voland citirt worden war. Man hatte in Erfahrung gebracht, dass die alte Excellenz grade an dem Tage des Urteilsspruches seit Jahren zum ersten Male wieder die Loge besucht hatte. Die junge Excellenz, die gleichfalls anwesend war, (man gab im Hofteater ein klassisches Stück) wusste den Tag anzugeben, wo Papa vor zehn Jahren zum letzten Male in die Loge fuhr. Das Ereigniss schien so mystisch, dass man den Vorschlag des Generals annahm und den seit Jahren fallengelassenen Propst zum Tee befahl. Man denke sich Gelbsattel's Entzücken! Hätte man ihn gradezu um eine Entüllung angegangen, er würde das ganze Handwerkszeug seiner Tempelbauten an den Stufen des Trones oder auf die Präsentirteller des etwas spärlich dargereichten mürben Gebäckes niedergelegt haben. So aber sprach er, da man grade wie immer nur ein leises Lüften des Isisschleiers wünschte, etwa nur andeutend Folgendes:
Dieser Rechtsfall hat den würdigen Mann wie um zwanzig Jahre verjüngt. Ich will nicht die Gewissenhaftigkeit des Obertribunals antasten, aber ein so genaues Studium des vorliegenden Falles war nur möglich, wo die Lieblingsideen des Präsidenten mit ihm in Berührung kamen. Er hat die geschichte der Maurerei bis in die kleinsten Details erforscht und leitet sie von den ältesten Tagen her. Es ist ihm die geschichte der Geheimbünde derselbe Strom, der bald offen bald versteckt unter Felsen, bald gar durch Felsen selber hindurch Allen unsichtbar dahinflösse. Wie Seen auf Meilenweite mit den Wasserfällen eines grossen Gebirgskammes zusammenhingen, so wäre auch die Maurerei derselbe Gedanke, der schon den Geheimbünden Indiens, Egyptens, Grossgriechenlands zum grund gelegen hätte. Die Menschen hätten sich immer aus den herrschenden Tatsachen und