im Lauf der Zeit von Ihnen zu erobern gedenke, Sie, weiss ich recht gut, entbehren in Dankmar mehr als nur den Vetter. Und Komtesse Olga hat ja das Gedicht ihres Herzens vor aller Welt aufgeführt. Zu deuten wag' ich's nicht, nicht will ich Namen nennen, die wie weisse Wölkchen in blauen Lüften schweben, aber Herrn von Dystra möchte' ich doch sagen, dass er diese holde träumerische Wasserlilie des Schwarzen Meeres nicht nach dem Tempelstein entführen wird. Die Wildungen haben den Prozess gewonnen durch zwei kleine Pünktchen, die Sie wohl selber sind, meine Damen! Wäre die Excellenz schon aus der Stadt zurück, ich nähme lateinische Stunde bei ihr. Die beiden kleinen Kommata müssen Sie sein! Bedenken Sie diesen Triumph eines Eingekerkerten und eines Flüchtlings. So lebten die alten Märtyrer in Kerkern und trugen ihren Heiligenschein um die Schläfe, dass er durch die Eisenstäbe leuchtete! Sie konnten mit ihrem eignen Abglanz alle Ketten schmelzen und wandelten frei. Denn Das wissen Sie doch, dass die Ritter vom geist Niemanden untergehen lassen und alle Kerker öffnen, ob nun Fee'n oder junge liebende Mädchen, Engel oder Kobolde dabei helfen.
Die Fürstin war so angeregt, dass die Mädchen Vertrauen fassten und wenigstens nicht mehr scheu zur Seite standen, wenn Anna, die Melanie immer gern gehabt hatte, mit ihr sprach. Es war fast Abend, als die Fürstin von Tempelheide schied und drei Menschen zurückliess, die auch jetzt erst, nach diesem Besuche, wagten, in der ihnen selbst seit Mittag bekannten Entscheidung des Prozesses einen Lichtschimmer am rand der Nacht zu erblicken, die sie Alle umhüllte. Sie hatten Dankmar's Gefangennehmung nicht nur erfahren, sondern sie selbst gesehen, selbst erlebt, dass vor Tempelheide ein Wagen vorüberfuhr, aus dem ein blasses Männerantlitz sie grüsste und eine Hand hinterwärts zeigte, gleichsam nach Hohenberg zu, oder wie Olga sagte, nach dem Leben, dem Glück, der verlornen Freiheit hin ... Sogleich hatten sie anspannen lassen, waren nach der Stadt, dem Profossamte gefahren, hatten gehört, was ihnen, als sie, ohne Dankmar sehen zu können, verzweifelnd nach Tempelheide zurückkehrten, ein inzwischen angekommener Brief von Franziska Heunisch und einige Zeilen von Rodewald ausführlicher berichteten; aber doch auch die wunderbare Nachricht über den Prozess brachten sie zu einstweiligem Trost aus der Stadt mit.
Der alte Obertribunalspräsident kam erst am Abend spät nach Tempelheide zurück. Er war seit Jahren zum ersten Male wieder in der Loge gewesen, deren oberste Würde er für das ganze Land bekleidete. Auf die ihm dort gemachte Mitteilung vom Schicksal der Männer, die durch sein eigenes teilnehmendes und begeistertes Erforschen dieser Angelegenheit eine so grosse Summe gewonnen hatten, auf das Forschen und Lauern über seinen persönlichen Anteil an den Brüdern Wildungen erwiderte er: Mein Studium galt nicht den Personen, sondern der Sache. Und jede weitere Erörterung schnitt er durch das bekannte feierliche Wort ab. Die Loge ist gedeckt.
Achtes Capitel
Eine Maurerarbeit und ihre Folgen
Die Kunde von der endlichen Lösung eines seit so langen Jahren schwebenden Rechtsverhältnisses hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet. Alle Stände nahmen Anteil. Jeder war von der unerwarteten Wendung überrascht, ja sogar befriedigt. Man war durch das strenge Regiment des Fürsten von Hohenberg geneigt, diesem drakonischen Systeme denn auch nicht jeden Erfolg zu wünschen. Die Kommune war unbeliebt ihrer immer schmeichlerischen, gesinnungslosen, im Glücke übermütigen, in der Gefahr feigen Haltung wegen. Diese städtische Verwaltung hatte nichts gemein mit jenem festen, sichern Bürgertrotz, jener unwandelbaren Selbstgenüge, an der im Mittelalter die Willkür der Fürsten sich öfters tüchtig den Schädel einrannte. Die Schöffen und Bürgermeister zerflossen in Versicherungen einer Ergebenheit, die doch in keiner wahren Prüfung Stand hielt, sondern in Augenblicken der Gefahr die persönliche Selbsterhaltung zum einzigen Ziele steckte. Warum sollte man das Ergebniss jener zweihundertjährigen Streitfrage nicht zweien jungen Männern wünschen, die allerdings die öffentliche Meinung in bedenklichster Art in Anspruch genommen hatten? Waren ihre Unternehmungen für den Bestand der Ruhe und Ordnung, wie man im Kreise der Begüterten sagte, gefährlich, so hatten sie sich doch mitten in ihren verbrecherischen Handlungen vom arme der Gerechtigkeit schon müssen aufhalten lassen. Man verriet auch darin die sich immer gleichbleibende Tatsache des menschlichen Gemütes, dass man Dem, der auf irgend eine Art das öffentliche Urteil befriedigt hat, die ganze Herbigkeit der Sühne gern erlässt, sich mit seiner allgemeinen Demütigung begnügt und noch mehr von ihm einzufordern zuletzt sogar eine beklommene Scheu hat. Dies plötzliche nun in die Verbannung und in einen Kerker gerufene Glück hatte sogar etwas Romantisches für die Welt, die im grund das Regelwidrige dem Regelmässigen vorzieht, nur darf sie es in ihren nächsten Interessen nicht berühren und ihr nicht irgend welche Opfer auferlegen.
Noch eine grössere Genugtuung der öffentlichen Meinung, von der Freude der Parteigenossen der Brüder nicht zu sprechen, lag in der Verkürzung der den Erben des Komturs Hugo von Wildungen zahlbaren Summe. Das Obertribunal hatte im ermutigenden Gefühle seiner Beweisauffindung doch die Grenze der Mässigung nicht überschritten. Es hatte durch eine Verringerung der beanspruchten Summen jenem Verlangen nach dem Mittelweg entsprochen, das sich niemals abweisen lässt, wenn man erhitzte Gegner lange und hartnäckig auf ihre vermeintlichen Rechte bestehen sieht. Die Gründe, die das Obertribunal für seine Ermässigung der streitigen Werte auf eine Million, allerdings jenes schweren im Norden üblichen Geldes, anführte, konnten von keiner billigen Einsicht getadelt werden. Man schlug vor allen Dingen nicht nur den Genuss eines dreihundertjährigen Besitzes, sondern ebenso auch die Mühewaltung an, die diesen Besitz