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Kommaten, die ich ehrlicher Esel nicht ausradirte, trotzdem, dass Herr Dankmar Wildungen sie in seiner Abschrift übersah. Erst die halbblinden Augen jenes Greises haben die beiden Kommata wieder entdeckt; seine Liebe zu diesem Prozess kam hinzu, er kannte die geschichte des Ordens der Templer, die der St.-Johannesritter, er wusste zu beweisen, dass es im Ordenshause zu Angerode niemals Verwandte des Ritters Hugo von Wildungen gab ... er hatte seit Jahren über diesen Gegenstand Sammlungen angestellt und bewies bei der Stelle des Komturs Hugo, wo er in der Cessionsurkunde sagt: Cedo propinquis meis equitibus ...

Vater, was verstehe' ich von diesen Dingen! Ist es möglich! Also Wildungen Erbe dieser unermesslichen Güter?

Die Stadt wird vom staat die erlaubnis zu einer Anleihe begehren müssen und auf die Ameliorationen der Güter rechnen, die die Summe verkleinern dürfte. Lässt sich leugnen, dass z.B. die Komturei, die wir bewohnen, viele Spuren unsrer glücklichen Tage zeigt und dass ich allen Grund habe, sie binnen Kurzem mit Leidwesen zu verlassen ...

Das Haus gekündigt? rief die Fürstin voll Schmerz ...

Aber Schlurck hatte schon angefangen, sich in sein los zu finden ... Er sagte nur:

Ich verlass' es arm, ich könnte sagen mit dem Bewusstsein, ehrlich gewesen zu sein, wenn die Grabschrift: Üb' immer Treu und Redlichkeit! nicht gar zu trivial wäre. Oft mach' ich mir Vorwürfe, dass ich den Einsatz nicht wagte, keine entschlossene Tat beging, auf dem Wege nicht fortfuhr, wie damals, als ich den Schrein an der Schmiede in Plessen fand und ihn aufraffte ... Das Wagniss gab mir Riesenkräfte; ich hatte nur nötig, dem Schmied Schweigen zuzurufen; ich wusste, dass er an einer alten Falschmünzerei beteiligt war, die auch Frau Pauline von Harder berührt ... tragen konnte' ich schwacher Mann den Schrein selbst, so riesenkräftig macht die Entschlossenheit, wie Goete sagt: Mut ruft die arme der Götter herbei! und wenn ich bedenke ...

Nichts, nichts, Vater! beschwichtigte Melanie den immer mehr sich nun vor Mismut aufregenden Vater, der sich jetzt von seiner Tochter entfernte, nachdem er noch einen Akt kindlicher Liebe mit diesen Worten von ihr entgegengenommen:

Vater, nach dieser Nachricht über Dankmar treibt es mich hinaus nach Tempelheide zur guten Anna von Harder. Da sind zwei Kinder, die ich trösten, umarmen muss. Beide lieben sie die Brüder Wildungen! Vater! ... Du hast neue Prüfungen zu überstehen. Du sollst das Haus meiner Jugend verlassen. Ich bin nicht reich, du weisst wohl, wie ärmlich dieser Glanz ist; der einen grossen Namen trägt. Aber ich beschränke mich, ich kann sparen, ich will nicht mehr in Allem glänzen, ich lernte entbehren. Da! Nimm, Papa! Es sind meine ersten Ersparnisse! Schlage sie nicht aus! Du machst mich glücklich, wenn du sie nimmst. Verschweig' es der Mutter oder sag' es ihr, wie du willst! Du darfst dich nicht unglücklich fühlen! Weiche nicht den Leiden, die dich bestürmen! Du gingst unversehrt aus den Gefahren der Versuchung; Vater, ich kenne die Versuchung! Nimm! Nimm! Ich höre Geräusch ... wenn es Egon wäre! lebe' wohl! Auf Wiedersehen! Sei nachsichtig mit dem Anfang! Es soll besser kommen!

Damit verschwand die Fürstin. Schlurck hatte ein Päckchen in der Hand, das sie aus ihrer Brust gezogen hatte. Es war eine Anzahl von Banknoten, nicht viel, aber man sah die Liebe. Ein tiefes Gefühl der Schaam überflog den zurückgekommenen, mitten im Genuss plötzlich auf Entbehrungen verwiesenen Epikuräer. Fröstelnd, wie immer nach einem Diner, aber nie so mit Unbehaglichkeit wie jetzt, schlich er sich aus dem Pavillon, sah nieder wie ein Verbrecher, hatte all' die guten Einfälle seiner heitern Laune vergessen und ging aus dem haus wie ein zum tod Geknickter. Diese dreihundert Taler von seiner Tochter, die sie ihm als eine Art Taschengeld für seine Vergnügungen geschenkt hatte, diese Summe, bei der sie voraussetzte, er brauchte davon der Mutter nichts zu sagen, sondern könnte mit ihr heimlich die alten stillen Wege seiner Laune wandeln, entwürdigten ihn nicht etwa, sie rührten ihn nur, sie untergruben seine Philosophie, sie waren bei ihm der Anfang einer ernstlicheren Betrachtung über Das, was die Erde bietet und versagt und was der Tod auf alle Fälle sicher gibt ...

Aber damals, an jenem ersten Tage, wo die Fürstin so eine dauernde Aufopferung für die Ihrigen begann, war diese hinausgefahren nach Tempelheide. Sie fand Selma über Dankmar's Schicksal in Tränen, Olga bestürzt. Die Romantik solcher Gefahren gehörte nicht in die Welt der phantastischen Träume, aus der Olga durch Selma's Natürlichkeit immer mehr zu erwachen anfing. Anna von Harder, überrascht von Melanie's, der so hoch Gestiegenen, Güte, vermittelte zwischen ihrem ungeahnten Besuche und den beiden charakterstarken, auf Egon von Hohenberg wie auf das böse Prinzip erzürnten jungfräulichen Mädchenherzen wenigstens den Waffenstillstand, dass sie den Worten der schönen jungen Frau Gehör gaben:

Nehmen Sie dies Schicksal nicht so ernst! Sie lieben jungen Engel können nur gewinnen, wenn Sie Denen, die Sie lieben, gleich Ersatz für ein ernstes Leben sind! Sie, holde kleine Selma, die Sie mir noch gar nicht die Miene machen, die ich mir