wirklich nicht, sind die Schleswig-Holsteiner in Kopenhagen oder sind die Dänen wieder in Altona? Oft bereu' ich, dass ich damals nicht mit dem Übergang in die Politik Ernst machte. Ich glaubte nicht an die Möglichkeit, dass ich jemals meine Administrationen verlieren würde. Was ich jetzt wäre, weiss ich nicht. Vielleicht bankrott, wie jetzt eben fast auch, aber eine Nationalsubskription hätte mir vielleicht ein Landhaus gekauft, hätte meinen Wagen, meine Pferde gerettet und ich könnte auf hundert Komités Wechsel ziehen. Wer weiss, ob ich nicht einige Minister zu tod geärgert hätte! Wer weiss, wenn es geheissen hätte: Nun fehlt nur noch eine stimme, die des Justizrats und Obertribunalprokurators Franz Schlurck, und nun hätt' ich mich in Preis gesetzt, ich hätte für mein Ja! den Zuschlag mindestens einer Eisenbahn oder die Anwartschaft auf ein zum halben Preise zu verkaufendes Staatsetablissement oder eine feste Anstellung verlangt, etwa im Steuerfache, wo einem die Sportel-Delikatessen verfaulen, weil man die Menge nicht unterzubringen weiss und doch damit keinen Handel eröffnen kann. Warum nicht? Meiner Familie zu Liebe hätt' ich vielleicht alle Bürgerkronen der Welt ausgeschlagen, falls man mir eine fixe Anstellung von 5000 Talern als Äquivalent geboten hätte. Dann – ah bah! – dann – dann hätt' ich immer noch manchmal ein bischen rebellisch werden können und auf Zulage, Gratifikationen hin meine Pandekten anders interpretiren als die Minister. Denn Das weisst du doch noch, liebes Kind, dass der beste Kommentar über die Pandekten aus dreissig Bänden besteht und der Verfasser desselben Glück heisst? Das Glück ist unser wahrer Professor der Rechte! Das Glück legt die Pandekten immer am Bequemsten aus, nur das Unglück weiss gleich den Sinn zu finden, der hinreicht, Einem den Hals umzudrehen. So hör' ich z.B., dass jetzt in unserm Johanniterprozesse ...
Leider wurde der Justizrat an dieser für seine Tochter fesselnden Stelle durch die Bedienung unterbrochen ... Die speisen, die Melanie ihrem Vater bei diesen kleinen geheimen Diners zu serviren pflegte, waren so kunstvoll zubereitet, so auf seinen feinsten Kennergeschmack berechnet, dass er sich bei der Würdigung derselben, wenn sie eben aufgetragen wurden, von jeder Erörterung abstrakter fragen entfernte und den Faden derselben in der Analyse von Zubereitungen verlor, wo er jedem Pfefferkörnchen, jeder Kaper, jeder zerriebenen Sardelle nachspürte und die Komposition und ihre Bestandteile in die Zeit des Kochens, des Röstenlassens, des Durchseihens u.s.w. fachkennerisch auflöste. Der Champagner floss dabei und die Tochter liess den Vater ruhig durcheinander reden. Sie gönnte ihm diese stillen Augenblicke seines verkürzten Lebensglückes. Endlich gegen Ende der Tafel, die zuletzt doch wieder alle Lebensgeister Schlurck's geweckt hatte, fand sie gelegenheit, ihm das neueste Erlebniss auf dem politischen Gebiete, das er nicht kannte, die Verhaftung Dankmar Wildungen's, mitzuteilen. Diese würde Schlurck wenig interessirt haben, sie würde ihm sogar eine Genugtuung für all' das Unglück gewesen sein, das seit dem Schrein mit dem vierblättrigen Kleeblatt-Kreuze über sein Leben gekommen war, aber er wusste, wie Melanie für den kühnen, entschlossenen, kalten jungen Mann fühlte, dem er damals vergebens die Hand des schönsten Mädchens der Welt anbot, er sah bestürzt in ihr Auge, er wusste, dass sie litt, dass sie Egon, diesen ihm aus tiefster Antipatie verhassten Schwiegersohn, nur aus Pflichtgefühl in Ehren hielt und voll Wehmut ihr die Hand reichend, sagte er nach einem Rückblick auf die erste Bekanntschaft mit Dankmar:
Mit diesem abenteuerlichen jungen mann würden wir uns in Strudel gestürzt haben, bei denen selbst das grösste Glück der Erde uns keinen Genuss bereitet hätte! Schon im Heidekrug damals verriet sich die idee einer solchen Verschwörung, wie sie jetzt zum Schrecken aller Gewaltigen geschlossen sein soll. Diese neuen Propheten des Geistes tun schon Wunder, die toten stehen schon auf, die Blinden sehen und die Tauben hören. Sie gehören gewiss auch zu diesem merkwürdigen neuen Bunde? sagte mir kürzlich der Propst Gelbsattel und wollte die geheimen Zeichen der Verschwornen wissen. Ich sagte ihm, ich wisse nicht mehr davon als die Kühe, von denen mir unbekannt wäre, ob sie im Klee Dreiblätter von Vierblättern unterschieden. Aber nun biss er erst recht an. Sagen Sie mir nur, rief er in seiner Geheimnisssucht, wie und wo bringen die Ritter vom geist ihr Symbol, das vierblättrige Kleeblatt, an? Machen Sie das Zeichen auch mit den Fingern am Halse, wie wir Freimaurer oder drücken Sie sich auch die hände auf unsre Art? Haben Sie einen verborgenen Kultus, höhere und niedere Grade? Ist es wahr, dass Sie sich in Höhlen versammeln und von den alten Templern Ceremonieen entlehnten, die an unsre Kunst anknüpfen? Auf alle diese wundergläubige Geheimnisssucht konnte' ich nur erwidern, dass sich die geheime Vehme noch bei mir nicht hätte blicken lassen; man erzähle sich aber, sie klopfe bei Jedem an, der irgend eine kühne Tat unternähme, irgend eine Lanze mit den Fürsten breche, irgend ein Dogma der Kirche umzustossen wage, besonders wenn er dabei ein Amt zu verlieren nicht achtete; solchen freiwilligen Märtyrern geschähe es augenblicklich, dass Nachts etwas an ihr Fenster poche und wenn sie hinaussähen, ständen gewöhnlich drei Vermummte auf der Strasse, riefen mit Beziehung auf den in der Schlafmütze zum Fenster hinausblikkenden abgesetzten Regierungsrat oder disziplinirten Appellationspräsidenten oder nicht mehr zu hof geladenen Kirchenprälaten: Ein Vierblatt! Und augenblicklich, sagt man, hebt sich ein