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Jahrenich kenne das Strafmaass für Verschwörungen nichtkeine so grauen Haare machen wird, wie er und das Treiben seiner Genossen schon dem Fürsten gemacht haben.

Damit, fast strafend, ging die grosse, schlanke, stolze Frau von Dannen.

Die Fürstin aber drückte die Tapetentür zu, vollendete ihre Toilette und benutzte die nun bis spät gegen Abend dauernde Abwesenheit des Fürsten zu ihrer liebsten Erholung. Durch Dorette Wandstabler, die sich ihr, mit klugem Takte, unbedingt ergeben hatte, liess sie in einem der kleinen Kabinette des Gartensalons heizen, eine ausgezeichnete Tafel zu drei Couverten herrichten und die Eltern, die so teuern, so geliebten Eltern für heute zu sich einladen. Nach einer halben Stunde schon wusste sie, dass die Mutter, schmollend, wie seit der ganzen Heirat, da Melanie keine "Ehepakten" dulden wollte, nicht kommen würde, aber der Justizrat, hiess es, würde kommen ... Schlurck kam. Es war dasselbe Palais, in dem er früher als Herrscher gewaltet hatte, dasselbe, das er mit der Bezeichnung eines Schurken einst hatte verlassen müssen; jetzt würde er es, als Vater der Fürstin, mit dem alten sichern Selbstgefühl wieder haben betreten dürfen, aber les jours de fête sont passés, sagte er oft selbst. Er war zusammengefallen, älter geworden, nachlässiger in seiner Kleidung sogar. Zwar trug er noch keine schwarzen Fräcke, er war bei seinen blauen mit Metallknöpfen geblieben, aber es sass ihm Alles weit und schlottrig. Es fehlte die alte Elastizität. Sein Wesen hatte einer ironischen Gelassenheit Platz gemacht ... Seine Plaudereien über den Pavillon, die kleinen Gemächer, die servirte Tafel waren ganz im alten Geschmack, er begrüsste die Fürstin mit Innigkeit, entschuldigte den mit den Jahren und seit den Prüfungen des Geschicks über die Mutter gekommenen Trotz mit allem Humor, meinte dann aber doch, diese ihm so von seiner Tochter in aller Stille gespendete Liebe hätte etwas dermassen Rührendes für ihn, dass er fürchte, die speisen würden nicht von seinem Appetit die Anerkennung finden, die der Koch des Palais' verdiente. Doch ermunterte ihn Melanie, setzte sich ihm gegenüber und genoss die Freude, den Vater eine Weile glücklich zu sehen. Die Weine machten ihn beredter. Er fragte nach dem Hohenberg, nach Frau von Zeisel, seiner letzten Herzensverirrung, über die er zu seiner Tochter wie zu seinem intimsten Freunde scherzte, er wollte von Henrietten's von Sänger gegenwärtiger Neigung hören, ob Civil, ob Militär, ob Geistlich, ob Weltlich, er wollte von Ackermann hören, über dessen Metamorphose er nicht unterrichtet war. Melanie erzählte ihm Alles. Er kannte Rodewald nur aus dunkelster Erinnerung; er besann sich, einmal den Namen in jüngern Jahren gehört zu haben. Von Dankmar's Verhaftung wusste er nichts. Er las keine Zeitungen. Er begegnete zu sehr in ihnen einem Leben, das ihm zu beweisen schien, dass die Welt in der Tat aus Nichts geschaffen wurde. Noch ehe die Fürstin, aus Rücksicht auf die Bedienung, von jenem sie und den Fürsten so nahe berührenden Vorfall sprechen konnte, hatte er geäussert:

Diese neue plötzliche Erhebung hat jede Narrheit mündig gemacht! Die Blätter sind weisses Papier, die nach Füllung lechzen und womit füllt man sie? Das geringste Faktum wird mit einem Schwall von Worten breitgetreten und dehnt sich immer gleich so aus, als wenn es bestimmt wäre, die ganze geschichte des Altertums, der Hohenstaufen, Schiller und Goete zu ersetzen. Ich musste früher über diese Politik lachen, jetzt ärgr' ich mich über sie. Glaubt man, irgend eine Frage in dem grossen Durcheinander der Menschen und Meinungen mitbestimmen zu können, meldet man sich gleichsam um's Wort, so hat es schon ein Dutzend Andrer und mit Jedem von diesem Dutzend scheint der Gegenstand allein auf die Welt gekommen zu sein. Es ist ja ein Egoismus im Schwunge jetzt, Kind, der alle Schönheitsregeln über Bord geworfen hat! Früher waren wir auch egoistisch, wir taten im Durchschnitt immer mehr für uns als für Andre, aber so malhonett wie jetzt ging es dabei doch nicht her. Jetzt stösst man sich auf die plumpste Art vom Brunnen weg, um wasser zu holen, früher wartete man doch, unterhielt sich doch, plauderte, schwatzte durch gute Witze die Mägde vom Schwengel weg und ging mit seinem gefüllten Eimer lachend davon, wenn jene noch auf die Pointe warteten und das Maul aufsperrten. Ach, mein bestes Kind, diese schrankenlose Emanzipation nicht etwa der Presse, sei die frei, nicht etwa der Juden, mögen die ohne sich taufen zu lassen jetzt Kirchenvorstände werden, nicht der Frauen, eine Emanzipirte hasst die andre so, dass sie sich unter einander selbst aufheben; aber die furchtbare Emanzipation der Dummheit, siehst du, die ist schrecklich! Auf dem Kasino und in der Loge hielten sonst vier Fünftel der Mitglieder immer das Maul. Denn warum? Die Zeitfragen waren damals gleichsam eine Art Lateinisch oder Hebräisch. Jetzt solltest du dies Gesumme hören! Jeder kommt um's Wort ein und Jeder weiss auch etwas zu sagen; denn eben das Redenswerte ist jetzt nur noch der alltägliche Zeitungsschnack ... Nun kommt man mir oft und will von den Massnahmen des Ministeriums hören. Ich kann mit Fug und Recht fragen: Wer ist jetzt Minister? Denn wer z.B. unsre Finanzen verwaltet, das weiss ich in der Tat nicht. Ich erstaune über Aufstände, die längst unterdrückt sind und weiss