nicht tue, mein eigenes zerflossenes Gemüt nicht in den Dingen selbst, denen es sich nähern möchte, auch voraussetze; es gäbe nur neue bittre Erfahrungen; denn nichts rächt sich mehr, als wenn wir da gut sein wollen, Egon, wo einmal vorausgesetzt worden ist, dass wir schlimm sind. Was rede' ich Ihnen? Was will ich? Ich möchte Sie bestimmen, gleichgültig zu sein. Ich möchte aus den langen Schatten des Abends und den kleinen Schatten des Mittags die Lehre ziehen, dass beide unwahr sind, nichts uns übermässig sorglos, nichts uns übermässig schreckhaft stimmen soll. Gott, Gott, könnt' ich mir die Vergangenheit zurückrufen und meine vergangenen Torheiten durch diese im Alter gewonnene Philosophie ungeschaffen machen! Was wollen Sie so verzweifeln, so tief auf den Grund aller Dinge sehen, so sich von Ungeduld verzehren, dass nicht Alles eine aufgehende Rechnung gibt! Sie sind bewundert von der Welt, Sie haben sich einen Namen im buch der geschichte geschrieben, Sie haben Freunde, die Ihnen Gerechtigkeit werden widerfahren lassen und sollte es auch erst dann sein, wenn Andre nach Ihnen kommen werden, was, will's Gott! lange dauern soll! Sie haben philosophische Bedürfnisse, nach denen Sie sich Ihr Leben einrichten können ...
Der Fürst wollte widersprechen ...
Nein, Egon, mach' ich Ihnen Vorwürfe? Soll ich denn dies Prinzip der Selbsterhaltung, das bei Ihnen in der grössten und weihevollsten Form zur Geltung kommt –
Ich bin kein Egoist, schaltete der Fürst mit Nachdruck ein. Ich bin nur in der Lage, wie alle Menschen, die nach einer gewissen Vollkommenheit strebten. Was Ihr Euch Egoismus nennt, ist uns die Gerechtigkeit und Strenge gegen uns selbst. Wir würden Euch nicht Egoisten sein, wenn wir Alles täten, was Euch gefällig wäre und gegen unsre eigne tiefste Würde stritte. Wären wir schwach, würdet Ihr uns die Liebe selbst nennen!
Nun gut, Egon, räumte Pauline ein, die ihr Glück, mit dem wichtigsten und ersten mann des Tages so zu stehen, wie sie mit ihm stand, in langen und seligen Zügen genoss und die aus diesem innigsten Behagen fliessende Sorglosigkeit wieder eine "Läuterung" nannte; wie Sie wollen, Egon, aber gewöhnen Sie sich nur an das Unabänderliche! Lassen Sie Allegorieen, die Sie mit sich selber anstellen, diese hypochondrischen Parallelen, die Sie zwischen Ihrer Aufgabe, Ihrer Zeitauffassung und Ihrer persönlichen Lage ziehen. Warten Sie ab, was kommt! Mit dem Stolze, den Sie auf Ihren Namen haben dürfen, sind Sie gewappnet gegen jede Anmassung, jede zweideutige Einmischung in Ihre Existenz. Ist Ihnen der Gedanke lästig, ist die Nähe dieses Mannes Ihnen störend an sich, so könnten Sie ihn ja entfernen. Oder glauben Sie, dass seine Verwaltung –
Ich gebe sie ungern auf, fiel Egon ein, allein ich opfre lieber mein ganzes Besitztum, als in diesem geheimnissvollen, mich drückenden, meine Unbefangenheit störenden Verhältnisse ausharren. Bankier Reichmeier war auf meinen Wunsch schon in aller Frühe bei mir. Ich will alle meine Besitzungen verkaufen, wenn es irgendwie geht ...
Der Entschluss ist rasch, Egon ...
Oft erwogen! Mein Stamm wird aussterben. Für Melanie's Zukunft wird sich sorgen lassen ... Ich gebe diesen Besitz auf.
Überlegen Sie!
Grade meinen Gegnern gegenüber, die auf den Boden basiren und Steuerbefreiungen haben wollen, geb' ich mein Besitztum auf. Ich wäre nicht mehr Minister, wenn wir Allodial- und Majoratsvertretungen in unserm Staatsorganismus einführten, ich verliesse Deutschland. Ich will kein Pair des Hofes sein, wenn erst die mittelalterliche Reaktion bis zum Pairsmachen wieder angelangt sein wird ...
Eine Unterbrechung störte diese Auseinandersetzung. Pauline wusste, dass Egon von Hohenberg keine Absicht hatte, sich durch Rodewald's Rückkehr aus Amerika von seiner Bahn des Ruhmes stören zu lassen. Sie fand ihn so erfüllt vom Standes- und Kastengeist, wie es ihr in der Ordnung schien. Für die Sentimentalität der Mutter war hier kein Raum gegeben. Trotz ihrer schönen Redewendungen über lange Abend- und kurze Mittagsschatten, trotz ihrer melancholischen Schleier, die sie auf ihre jüngere, richtiger mittlere Lebensepoche warf, hätte sie nichts dagegen gehabt, wenn der Fürst irgend eine gewaltsame Entfernung seines eignen natürlichen Vaters beantragt hätte. Sie hörte voll Zufriedenheit, dass sich der Fürst begnügen würde, das Pachtverhältniss des Ankömmlings rückgängig zu machen, lobte Egon's Entschluss, dies Vorhaben schon innerhalb der nächsten vierzehn Tage in Ausführung zu bringen, bat den Sohn ihrer Liebe, wie sie ihn gern nannte, zur Erörterung so vieler Dinge, die seit der Abwesenheit des Ministers vorgefallen, heute bei ihr wie sonst ohne seine Gemahlin ein trauliches Diner einzunehmen, erhielt die Zustimmung und verliess den Fürsten, an den inzwischen bereits auch schon wieder die mächtige Woge und durch die kurze Abstauung nur stürmischer gewordene Brandung der Geschäfte anschlug, mit vollster Zufriedenheit. Er fuhr zum König, sie ging zu Melanie.
Diese war mit ihrer Toilette beschäftigt und unterhielt sich mit ihr nur zum Abschied durch eine spanische Wand. Sie hörte die Bestimmung, dass Egon bei Paulinen ässe und öffnete nur, um das schöne unfrisirte Haupt hinauszustrecken mit der leise geflüsterten Frage:
Wurde von ihm gesprochen?
Von wem?
Dem Gefangenen?
Beste! Das muss seinen Lauf gehen. Diesem Glücklichen winken so viel Lebensfreuden, blühen so viel grosse Hoffnungen, dass ihm für seine geheime Verbindung eine Haft von einem oder zwei