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liebt ... also seine Cousine!

Meine Nichte!

Ihre Nichte?

Selma!

Selma Ihre Nichte?

Ha! Was sag' ich! Ich vergesse, dass ich in der Sphäre der Grossmütter lebe. Die galante Sprache hat für die Grosstanten keinen Namen, der mit dem Begriff Enkel korrespondirt. Selma Rodewald ist die Tochter meiner Nichte, die Enkelin Annen's. Sie ist draussen in Tempelheide ...

Weiter kam Pauline nicht in Aufklärungen, die die Fürstin überraschen mussten. Der Diener war zurückgekehrt.

Bankier Reichmeier konnte nicht hindern, dass Pauline sogleich zum Fürsten eintrat. Hatte doch, wie man zugleich erfuhr, eben angespannt werden sollen, damit der Fürst grade zur Geheimrätin fuhr! Sie verschwand. Die Fürstin war allein und blickte bewegt der Eilenden nach. Sie kannte keinen Zusammenhang, suchte ihn auch nicht, forschte auch nicht. Sie begnügte sich, einen schönen vollen Blumenstrauss, den ihr eben Dorette Wandstabler hereintrug, in zwei Hälften zu teilen und die grössere sauber mit einem Bändchen zu umwickeln, sie in einen feinen Briefbogen zu hüllen und in die Komturei als Morgengruss an ihre Eltern zu schicken. Den Rest betrachtete sie voll Nachdenken. Sie musste sich Selma's Rodewald erinnern, die sie ein einziges Mal flüchtig als Knaben gesehen hatte. Sie musste der Freude gedenken, die dies Mädchen empfand, als sie bisher im Ullagrund Dankmar vor Gefahren schützen konnte, des Schrekkens jetzt, wenn sie in Tempelheide das Schicksal des Geliebten erfuhr. Sie musste sich sagen: Ich bin eifersüchtig auf ihr Glück und ihr Unglück.

Egon aber kam Paulinen schon auf halbem Wege entgegen. Sie brauchten sich nichts zu sagen. Beim ersten blick wussten sie, was sie in dieser Stunde zusammenführte. Sie zogen sich, Reichmeier war gegangen, in das entlegenste Kabinet zurück. Dort erzählte Pauline, wie sie erst vor wenig Tagen von den Vorfällen auf Tempelheide wäre unterrichtet worden, wie sie erst von Gerüchten die Ankunft einer Enkelin ihrer Schwester, dann durch die Nachforschungen der Ludmer den genauesten Zusammenhang in Erfahrung gebracht hätte. Jener Ackermann, der des Prinzen Güter mit unbestreitbarem Glücke zu bewirtschaften begonnen hätte, wäre Rodewald! Ihr wär' es gewesen, als öffneten sich die Gräber! Aber, fuhr sie fort, Rodewald ein Ökonom, ein Schaafzüchter, ein Wollhändler, ich mocht' es nicht glauben. Dennoch ist es so. Ich bin gefasst, Egon. Aber Sie?

Ein blick auf Egon zeigte ihr dessen tiefste Erschütterung. Er hatte die Hand auf die Sophalehne gestemmt und stützte das bekümmerte Haupt ...

Pauline fuhr fort hastig zu erzählen, von Selma, von dem Glück der Schwester, von dem Anteil, den alle Cirkel an dem Vorfall nähmen.

Egon erwiderte immer noch nichts. Er kannte alle Persönlichkeiten, die Pauline erwähnte, setzte sich aus ihren Verwickelungen ihre Verhältnisse und gegenwärtigen Situationen zusammen und liess Pauline reden, die sich neben ihn auf das Kanape setzte und gespannt lauschte, welche Entschliessungen sich auf seinem Antlitz kenntlich machen würden.

Man erzählt sich, fuhr sie fort, wie die Mädchen Selma und Olga sich und ihre nahverwandte Neigung zu den beiden Wildungen erkannten. Im Tannenpark auf Tempelheide hängen Äolsharfen. Eine überraschte die Andre öfters unter den melodischen Klanggrüssen aus unbekannten Luftreichen. So wussten sie bald, dass in ihren jungen Herzen gleiche Flammen schlugen, gleiche sehnsucht sie in's Weite und Unendliche zog. Nun tauschten sie ihre Ideale aus und nannten sie nicht. Im Scherze aber beschrieben sie sie und da Olga eine Malerin ist und Selma von allen Talenten ihres Vaters auch das einer raschen Handhabung des Crayons sich aneigneteauf Reisen welche unschätzbare Annehmlichkeit! – so sagte Eine zur Andern: Zeichne mir Den, den du liebst! Und Beide begannen Den zu zeichnen, den sie lieben! Welch' ein Schrekken nun, als sie ihre Blätter sich zeigten und eine das Bild des Freundes der Andern getroffen hatte! Die erste Angst und Überraschung löste sich in jubel auf, die Neuverbundenen liefen zu Anna, machten sie zur Vertrauten ihrer Neigung zu zwei sich ähnlichen Brüdern und die böse Welt zischelte schon gestern, dass es nun kein Wunder wäre, wenn die juristische Logik des alten Präsidenten eine Entscheidung des Prozesses befördert hätte, die einer Komtesse, wie Olga, statt des Narren Dystra die Hand eines plötzlich wie in Tausend und einer Nacht bereicherten Künstlers böte. Kurz, alle diese Menschen, schloss sie, kennen sich, alle treten sie in Wechselwirkungen und ziehen um uns Beide geheimnissvolle Kreise zu Zwecken, die wenigstens bei Rodewald noch ganz im Dunkeln liegen.

Diese mit der Andeutung einer bedenklichen Gefahr betonten Worte schnellten den Fürsten, der nur halb zugehört hatte, empor.

Nein! rief er; ich sollte dies elende Leben führen und vor der Entüllung eines illegitimen Ursprungs zittern?

Tollkühne, verbrecherisch-leichtsinnige Menschen, die mir das Leben gaben, sollten mich im Wirbel kreiseln, willkürlich wie Spreu im Winde jagen und hetzen können? Dies Ich, dies festgewurzelte Ich, sollte unterwühlt werden dürfen von Menschen, die mich wie einen ihrer Gnade Überlieferten über dem wasser hielten und drohend ausriefen: Ich kann dich jetzt, wenn ich will, fallen und ertrinken lassen?

Egon! unterbrach Pauline ...

Ich spreche nicht von Ihnen. Ich spreche von diesem Revenant Rodewald, der mich mit dem Blicke eines Dämons betrachten wird, als gehörte ich ihm! Wüsste er, wie ich im grund ihn hasste! Und kann ich ihm sagen, was ich so