Schritten war sie unter dem Säulenportal, die Stiegen hinauf, an die Zimmer der Fürstin gekommen, wo sie trotz der frühen Stunde Einlass fand. Die Kommende war eine Frau, der das ganze Palais wie ihre eigne wohnung offen stand, Pauline von Harder.
Die Fürstin, eben erst nach der ermüdenden so plötzlich anberaumten Rückfahrt von Hohenberg von ihrem Lager erstanden, ordnete in einer Anzahl von Paketen und Zusendungen aller Art, die sie auf dem Hohenberg nicht hatte empfangen wollen. Sie war in ihren Räumlichkeiten etwas beschränkt. Das grosse Palais trug überall die Spuren des langen Alleinbesitzes durch den Generalfeldmarschall. Das hier den Frauen gebührende untere Stockwerk war vernachlässigt und bedurfte eines Umbaues, zu dem dem Fürsten jetzt die Mittel und die Musse fehlten. So war sie auch auf kaum drei Zimmer und eine Anzahl Kabinette beschränkt, deren Ausstattung nach den Anforderungen des neuesten Komforts viel zu wünschen übrig liess. Die übergrossen, hohen, oben gerundeten Fenster hatten etwas Peinlich-Feierliches, in das sich Pauline von Harder am wenigsten finden konnte. Jedes Mal, wenn sie zur Fürstin kam, war ihr erstes Wort eine Anklage ihrer Zimmer. Nein, diese Reitsäle, nein, diese Kirchenfenster, nein, diese Laternen-Existenz! Ihr müsst bauen lassen, dieser alte Palast-Styl ist zu rococo geworden, zu unbequem! Alle Zimmer wie Esssäle in den Kasernen, wie die Räume eines anatomischen Museums! Hier könnt' ich nicht leben! Wie Das hier zieht! Nein, treten Sie hierher, Melanie, wie hier die Fenster wackeln! Halten Sie die Hand dahin! Und diese Parketts, diese Türen, diese Plafonds! Hier brecht Ihr einmal förmlich durch oder die Decke fällt Euch eines schönen Morgens gradezu auf den Kopf!
Heute machte die Geheimrätin eine Ausnahme von dieser fast stereotypen Regel. Sie überraschte die Fürstin auf ihrem gewöhnlichen Etablissement, einem an ein grosses Fenster gerückten Durcheinander von Stühlen, Halbsophas, Chaiseslongues, "Balzacs", die rings um einen Tisch gerückt waren und so standen, dass man auf ihnen sitzend oder liegend ein volles Licht genoss. Die Fürstin war nach ihrem häuslichen Winkelwerk in der alten Komturei sehnsüchtig nach dem Lichte geworden und lebte hier wie eine Blume dem hellen Tage zugewandt. Und die Geheimrätin tadelte beim Eintreten gewöhnlich auch diese Niederlassung. Immer trat sie mit dem zweiten Teile ihrer Predigten ein: Aber, Beste! Sie sitzen schon wieder auf der Strasse! Ich sehe Sie schon wieder zum Fenster hinausfallen! Sie haben nun das einzige, was diese alte Kommode von Palais noch brauchbar macht, die dunkeln Winkel und dennoch – rücken Sie doch die Etage?re da fort und stellen Sie das Kanape dahin – Himmel, wie könnt' ich so aushalten! Ich würde die Chaise longue umwenden, so fällt das Licht besser, hier die Tabourets, da der Spiegel! Die Konsolen müssen drüben hin an den Blumentisch, mit dem würde' ich die Chaise longue maskiren und den Balzac, den würde' ich dortin schieben, wo der Fürst das Licht auf sich fallen hat! Welche Frau lässt denn immer das Licht auf sich fallen und die Männer im Dunkeln sitzen! Grade umgekehrt!
Aber auch diese zweiten stereotypen Eintrittsworte der Geheimrätin fielen heute fort. Sie hatte nie ein Besserwissen bei ihnen im Sinne, sondern nur ein Besserwollen, wirkliche Absicht sich nützlich zu erweisen. Der Fürst war ja fast ihr Sohn geworden und die Fürstin noch mehr, ihr Bijou. Sie hatte diese zwei Menschen von der ganzen übrigen Welt wie losgelöst und gleichsam für sich adoptirt. Gesellschaftlich existirten sie nur für sie und Diejenigen, denen sie gestattete, sich ihnen zu nähern. Und regelmässig auch, wenn Pauline die Bauart des Palais und die Anordnung des Komforts getadelt hatte, bewunderte sie die Toilette der Fürstin und ihre Schönheit. Das stand so fest. Erst der Ausfall auf diese Treppen, diese Fenster, dann sogleich eine Polemik gegen die Chaises longues und die Balzacs, aber zur Aussöhnung dann auch: Sie haben freilich das Helldunkel der petits coins nicht nötig! Sie sind ein Edelstein, der immer à plein jour gesehen werden muss! Und diese allerliebste gelbe Kapotte, wie lange tragen Sie die? O wie lieb hab' ich die natürliche Seide! Sie erinnert mich immer an die zarten Cocons von Italien ... charmant, diese Morgenrobe! Wie allerliebst das Gewebe dieser Brandenbourgs! O wie bewundr' ich Ihren Geschmack, Sie sind schon die Tonangeberin der Gesellschaft geworden und Alles richtet sich nach Ihnen!
Heute wurde aber auch diese Anerkennung der Schönheit, des Geschmackes und der Morgentoilette nicht ausgesprochen, obgleich grade diese neu war und für den Herbst hier schon die Fürstin erwartete.
Es war nur das einzige: Warum sind Sie schon da? Was treibt Sie zurück? Wo ist der Fürst? Ich muss ihn sprechen. Verriet er Nichts? Sagt' er Nichts? Hat man Nichts entdeckt? Was wissen Sie? Was weiss Egon? Reden Sie doch! Ich beschwöre Sie!
Die Fürstin schwieg jetzt vollends erst, sie war betroffen genug über die plötzliche Abreise von Hohenberg. So wie sie einst eine ganze Gesellschaft von jenem schloss mit dem Machtworte: Wir reisen! entführt hatte, so war sie jetzt selbst entführt worden und unmöglich konnte es wie damals Dankmar Wildungen sein, der wenn auch unter traurig veränderten Umständen die Veranlassung dieser Eile war. Einfach berichtete sie:
Wir sind Kurier gefahren. Von ein Uhr gestern Mittags bis diese Mitternacht, ohne Aufentalt. Egon schien